“Alle Kinder nach Kinderstadt” im TdJ: Die Mauer muss weg!

14.10.2026 • 05:00 Uhr
"Alle Kinder nach Kinderstadt" im TdJ: Die Mauer muss weg!

Wie mühsam sind doch die anderen! Man selbst ist gerne laut, was die Leisen stört. Oder man ist jung, und die Alten jammern nur. Oder man ist gereift und versteht so gar nicht, dass die Jugend nichts lernen möchte. Was liegt da näher als die Segregation aller Gruppen?! Möglichst homogen soll alles sein. Dann ist Ruhe! Das ist die Ausgangslage von “Alle Kinder nach Kinderstadt”, mit dem das Theater der Jugend in die neue Intendanz von Aslı Kışlal gestartet ist.

Als Vorlage für das ab sechs Jahren empfohlene Stück diente Renate Welshs gleichnamiger Roman aus 1974, der zu den wenig bekannten Werken der “Vamperl”-Autorin gehört – und erschreckend aktuell ist. So entwirft der anonyme, mehr an eine KI gemahnende Stadtrat die Idee, dass jede Gruppe der Bevölkerung ihre eigene Stadt bekommt – getrennt durch schalldichte Mauern, überdacht von einer Kuppel.

Nicht alle sind begeistert

Die meisten sind begeistert – nur nicht Eva (Lara-Luna Wojtkowiak). Schließlich will sie sich doch nicht von Opa (Frank Engelhardt) trennen, ihrem besten Freund! Man versucht, sich gemeinsam in die Altenstadt einzuschleusen – doch Eva kann das nostalgische Erinnern an die gute alte Zeit so gar nicht imitieren. Man versucht, gemeinsam in die Stadt der Kinder zu gelangen – doch Opa kann die Abneigung gegen das Lernen so gar nicht imitieren.

Und so werden auch die beiden getrennt, und Eva muss in die Kinderstadt ziehen. Dort scheinen die Kinder anfangs auch alle Freiheit zu haben und das Leben ohne die Erwachsenen zu genießen. Doch dann reißt der egozentrische Manfred (Una Nowak) die Macht als König an sich und schwingt sich zum kleinen Diktator auf.

Ist die Apartheid doch nicht die Lösung? Macht es doch keinen Sinn, die Gesellschaft bis in ihre kleinsten Bestandteile zu fragmentieren? Das kann doch nun wirklich nicht die Lösung sein! Da heißt es für die Kinder, sich aus der Nummer rauszugraben, wenn die Wände unüberwindbar sind.

Bezaubernde Raumlösungen

Für die Bühne adaptiert hat den Roman bei seinem Hausdebüt der Grazer Regisseur Simon Windisch, der zum Team des TaO! in der steirischen Landeshauptstadt gehört. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Rosa Wallbrecher gelingen für die kindergerechte Umsetzung der politischen Parabel originelle Raumlösungen, wenn die trubelige Stadt des Beginns mittels beweglicher Schiebewände in immer neuen Konstellationen entsteht, überlebensgroße Körperteile über die Bühne wanken oder sich die Tunnel der flüchtenden Kinder am Ende als Plastikröhren durch den ganzen Theaterraum ziehen.

In diesem hatte sich zur Premiere auch die 88-jährige Renate Welsh eingefunden. Die betörend schlichte Lehre, die die Autorin vor 52 Jahren in ihrem Werk ausführte, trifft für unsere Zeit zumindest ebenso zu: Man muss sich halt arrangieren mit den anderen, auch wenn die nicht genauso sind wie man selbst. Was für eine schöne Botschaft.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Alle Kinder nach Kinderstadt” von Renate Welsh im Theater der Jugend, Neubaugasse 38, 1070 Wien. Regie/Bühnenfassung: Simon Windisch, Bühne: Rosa Wallbrecher, Kostüm: Karoline Bierner, Musik: Aras Levni Seyhan. Mit Lara-Luna Wojtkowiak – Eva, Barča Baxant – Evas 6ter Sinn, Frank Engelhardt – Opa, Una Nowak – Manfred, Stefan Rosenthal – Alexander, Kira Napadovskyy – Andrea, u.a. Weitere Aufführungen bis 15. November. )