AMS-Chef warnt vor Folgen des demografischen Wandels

11.03.2026 • 18:00 Uhr
AMS-Chef warnt vor Folgen des demografischen Wandels

AMS-Chef Johannes Kopf warnt vor massiven Folgen für den Arbeitsmarkt, sollte die Politik dem demografischen Wandel und anderen Gesellschaftstrends nicht rasch mit weiteren Maßnahmen begegnen. Derzeit geht das Arbeitsmarktservice davon aus, dass im Jahr 2050 rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen werden, wobei sich die Lage außerhalb Wiens besonders ungünstig entwickeln dürfte. Das Problem ist zwar bekannt, bisher sei aber “viel zu wenig” passiert, beklagte Kopf.

Hintergrund der Erwartungen des AMS sind die Bevölkerungsprognose und die damit verwobene Erwerbspersonenprognose der Statistik Austria. In diese fließen unter anderem Geburtenraten, die Entwicklung der Sterblichkeit und die erwartete Zuwanderung bzw. Abwanderung ein. Die zugrundeliegenden Annahmen werden dabei gut alle drei Jahre einer Neubewertung unterzogen, um ein möglichst realitätsgetreues Bild der weiteren Entwicklung entwerfen zu können.

Lebenserwartung steigt, Geburtenrate sinkt

Beispielsweise hat sich der Anstieg der Lebenserwartung in jüngerer Vergangenheit verlangsamt, die Geburtenrate in Österreich ging nach einem kurzen Hoch nach der Corona-Pandemie aber wieder zurück. Die Konsequenz: Die Alterung in Österreich schreitet weiter voran. Bei der Zuwanderung, die ein wichtiger Faktor ist, führte unlängst etwa der Ukraine-Krieg zu einer wesentlichen Veränderung der Gegebenheiten und der Annahmen für die Zukunft – ein Thema könnte in diesem Zusammenhang möglicherweise auch der aktuell tobende Iran-Krieg werden.

Vorhersagen lässt sich mit alldem, dass die Bevölkerung in Österreich ab 2040 schrumpfen wird und immer weniger Erwerbspersonen auf Personen im Pensionsalter kommen, wie Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk vor Journalistinnen und Journalisten erklärte. In Österreich wird bis 2050 darüber hinaus nur in Wien eine Zunahme der Erwerbsbevölkerung – das sind arbeitende bzw. arbeitsfähige Personen – erwartet. Grund für diese Entwicklung ist die Zuwanderung: “Wo viel Zuwanderung ist, kann die Alterung abgefedert werden”, so Lenk.

Kopf: “Dramatisch ungleiche Situation”

“Mein Eindruck ist: Das Thema wird viel zu wenig ernst genommen”, meinte Kopf dazu. Zwar sei der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, die niedrigere Geburtenrate und die Verteilung von Migranten führe aber zu einer “dramatisch ungleichen Situation” in Österreich. So werde für Wien bis 2050 mit einem Plus der Erwerbspersonen um 16 Prozent, in allen anderen Bundesländern mit einem teilweise deutlichen Rückgang gerechnet. Rechne man die Zahlen gegen, “suchen wir außerhalb von Wien bald eine Viertelmillion Arbeitskräfte”, sagte der AMS-Vorstand.

Problematisch sei die Lage vor allem in Kärnten, im Burgenland oder der Steiermark. “Wir wissen jetzt schon, dass Bezirke wie Mürzzuschlag oder Hermagor Rückgänge von 20 Prozent haben werden. Das heißt, wir haben dann Täler, in denen es aussehen wird, wie in manchen Regionen im Waldviertel zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Und was 20 Prozent Rückgänge bedeuten für Schulen, Verkehr, für Handel, für Kinderbetreuung und generell das Leben dort, das ist glaube ich vielen politischen Verantwortlichen noch gar nicht bewusst”, mahnte Kopf. Schwierigkeiten bringt das aber auch für die Bundeshauptstadt: “Wir haben jetzt schon in Wien mit Abstand die höchste Arbeitslosigkeit aller Bundesländer. Die Arbeitslosenquote ist fast dreimal so hoch wie in Oberösterreich. Hier habe ich zu wenig Arbeitsplätze.”

Lösungsansätze

Für den Arbeitsmarktexperten ist angesichts der komplexen Lage ein Bündel an Maßnahmen gefragt. Die häufig bemühte Rot-Weiß-Rot-Karte für den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte alleine werde es jedenfalls nicht richten: Er sei zwar ihr ausdrücklicher Befürworter, mit Stand Ende Februar 2026 gab es (inklusive Blaue Karte der EU) aber nur rund 12.900 Bewilligungen, also zu wenig, um die Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen. Kopf ortet Nachteile gegenüber größeren, bekannteren Ländern wie den USA im internationalen Wettbewerb, die es Österreich erschweren würden, den Standort für Fachkräfte zu attraktivieren.

“Daraus folgt, wir müssen unbedingt alle anderen Arbeitskräftepotenziale nützen, die es gibt in diesem Land. Das sind Geflüchtete, Vertriebene, Frauen, Ältere und Lehrlinge.” Hinsichtlich Asylberechtigten plädierte Kopf vor allem für eine Wohnsitzauflage. “Bei den Asylwerbern gelingt uns die Verteilung noch halbwegs, bei den Asylberechtigten nicht.” Solche Auflagen gebe es etwa in Schweden oder Deutschland, für Österreich könnte man eine solche dahingehend konstruieren, dass ein Zuzug nach Wien erschwert werde. Freilich müsse es Ausnahmen für Personen geben, die von Unternehmen angeworben werden. Damit einhergehende grundrechtliche Einschränkungen wiederum könne man aus Sicht von Kopf damit argumentieren, dass Arbeitsmärkte, Schulen etc. überlastet seien.

In puncto Frauen fordert der AMS-Chef eine deutliche Ausweitung der Kinderbetreuungsplätze und -Einrichtungen, um diesen den Einstieg bzw. den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Auch Potenziale bei Älteren gelte es weiter zu heben, zumal jüngste Reformen wie die schrittweise Anhebung des Frauenpensionsalters Wirkung gezeigt hätten, so Kopf.