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“Wenn Jugendliche über ihre Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd”

05.02.2026 • 15:49 Uhr
"Wenn Jugendliche über ihre Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd"
Für Ambros-Lechner ist Wirtschaftlichkeit und soziales Engagement keinWiderspruch. Stiplovsek

Andreas Ambros-Lechner setzt sich seit zehn Jahren für Bildungsgerechtigkeit in Österreich ein. Nun möchte er mit seinem Buch „wirken“ anderen Mut machen, sich sozial zu engagieren.

Sie sind Spezialist für Impact-Organisationen. Wie passen Kapitalismus und Wohltätigkeit zusammen? Manche sind überzeugt, dass das nicht vereinbar ist.

Andreas Ambros-Lechner: Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Ich erzähle dazu gern eine Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung. Vor sieben oder acht Jahren habe ich gemeinsam mit einem Co-Gründer die soziale Organisation Sindbad gegründet, also ein Social Business-Mentoringprogramm, das bildungs- und chancengerechtigkeitsbenachteiligte Jugendliche durch ein Mentoring mit jungen Erwachsenen beim Übergang von der Pflichtschule in eine weiterführende Ausbildung oder Lehre begleitet. Damals waren wir bei den beiden größten Bankchefs Österreichs, wir waren etwa 30 Jahre alt. Sie fanden unsere Idee für Bildung und junge Menschen interessant, fragten aber: Warum macht ihr das? Ihr seid gut ausgebildet, habt studiert – macht doch Karriere, verdient Geld und engagiert euch dann später, vielleicht in der Pension. Wir waren jedoch überzeugt, dass man wirtschaftliches Arbeiten, also etwas, wovon man leben kann, mit einem sozialen und gesellschaftlichen Zweck verbinden kann. Und zwar nicht erst im Ruhestand oder ausschließlich über Spenden, sondern durch Arbeit und Beruf selbst. Ich glaube also schon, dass das zusammenpasst. Die Frage ist, ob man rein spendenfinanziert arbeitet oder ein Geschäftsmodell dahintersteht. Im Sozialunternehmertum ist das eine zentrale Frage. Es ist noch ein Nischenthema, aber ich denke, dass sich die Welten von Wirtschaft und Sozialem stärker annähern sollten.

"Wenn Jugendliche über ihre Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd"
Buchautor Andreas Ambros-Lechner über sein neues Buch: „wirken“. Stiplovsek

Wo sehen Sie bei diesem Konzept die größten Herausforderungen?

Ambros-Lechner: In Ländern wie den USA, England, aber auch der Schweiz oder Deutschland gibt es mehr Unternehmer mit Vermögen, die sich auch sichtbar gesellschaftlich engagieren: In Pflege, Bildung, Sozialem, mit Geld, Zeit und Ressourcen. In Österreich gibt es davon leider noch zu wenige, die sich trauen, ihr Engagement auch zu zeigen. Viele geben zwar Geld, wollen aber anonym bleiben – aus Angst vor weiteren Anfragen oder davor, dass man ihnen unterstellt, sie wollten ihr Gewissen beruhigen. Ich bin überzeugt: Wenn man etwas Gutes tut, sollte man auch darüber sprechen. Das kann andere motivieren und sichtbar machen, welche Möglichkeiten es gibt.

Die Sozialfondstrategie Vorarlberg arbeitet aktuell unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“. Das heißt unter anderem, dass stärker auf Ehrenamtlichkeit gesetzt wird. Sie haben viel Erfahrung in diesem Bereich: Wo sehen Sie Potenziale und Gefahren?

Ambros-Lechner: Ehrenamt kann man nur in begrenztem Maß einfordern. Die meisten Menschen, die sich engagieren, haben einen Brotberuf, Familie und andere Verpflichtungen. Damit muss man sehr sorgsam umgehen. Gleichzeitig lebt Österreich stark vom Ehrenamt, von der Freiwilligen Feuerwehr über Sozialvereine bis hin zu Lesepatenschaften oder Menschen, die Organisationen gründen. Ehrenamt ist auch ein wichtiger Innovationsgeber für den Staat. Natürlich braucht es den Staat bei Themen wie Bildung, Pflege und Soziales. Aber eine gute Kooperation mit der Zivilgesellschaft wäre enorm wichtig. Oft sehen NGOs den Staat nur als Geldgeber. Dabei könnten beide Seiten inhaltlich viel voneinander lernen. Derzeit ist das Verhältnis häufig hierarchisch: Der Staat finanziert, die Organisationen führen aus. Ich glaube, hier schlummert großes Innovationspotenzial, wenn mehr Offenheit da wäre.

"Wenn Jugendliche über ihre Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd"
Andreas Ambros-Lechner kommt aus der Steiermark und lebt nunmehr in Wien. Stiplovsek

Bildungsgerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Ihren beruflichen Weg. Warum gerade dieses Thema?

Ambros-Lechner: Das hat viel mit meiner Biografie zu tun. Ich komme aus einer kleinbürgerlichen, ländlichen Familie in der Steiermark. Bildung war wichtig, aber nicht das Wichtigste. Über den Sport habe ich dann Zugang zu einem Gymnasium und später zu höherer Bildung gefunden. Ich habe gesehen, wie sehr Schulformen und Bildungswege über weitere Chancen entscheiden. In Wien wurde mir noch deutlicher, wie ungleich Bildungschancen verteilt sind – abhängig von Einkommen, Bildungsstand der Eltern oder Migrationshintergrund. Österreich schneidet hier im internationalen Vergleich schlecht ab, was Durchlässigkeit betrifft. Bildung ist ein zentraler Hebel für ein gelingendes Leben, zwar nicht der Einzige, aber ein notwendiger. Deshalb wollte ich mich für jene einsetzen, die nicht auf der „Butterseite des Lebens“ stehen.

Gab es Schlüsselmomente, die diese Haltung verstärkt haben?


Ambros-Lechner: Ja. Wenn man in sogenannte Brennpunktschulen geht und Jugendliche auf die Frage nach ihrer Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd. Anfangs dachte ich, das sei ein Scherz aber es ist ernst gemeint. Viele kennen es nicht anders aus ihrem Umfeld. Arbeitslosigkeit an sich ist nichts Verwerfliches. Aber wenn Perspektivlosigkeit schon so früh verankert ist, dann macht das etwas mit einem, wenn man diesen Jugendlichen in die Augen schaut.

Sie haben zuletzt mehrere Rollen abgelegt und Ihr Buch geschrieben. Stehen sonst noch neue Projekte an?

Ambros-Lechner: Ich habe meine Tätigkeit bei der MEGA-Bildungsstiftung beendet und bin nun als Impact-Unternehmer unterwegs. Das Thema Bildung lässt mich aber nicht los. Ich überlege, eine neue Initiative zu entwickeln, die sich stärker auf politisch-medialer Ebene einbringt. In der bildungspolitischen Debatte fehlen oft die Stimmen von Kindern, Schülerinnen und Schülern sowie von NGOs. Bildungspolitik und Lehrergewerkschaften sind sehr präsent, die Zivilgesellschaft weniger. Das möchte ich ändern.

"Wenn Jugendliche über ihre Zukunft sagen: „Ich gehe zum AMS“, dann ist das erschütternd"
Ambros-Lechner war Generalsekretär der MEGA Bildungsstiftung. Davor hat er Sindbad Social Business mitgegründet und war erster Mitarbeiter der Neos. Stiplovsek

Kommen wir zu ihrem neuen Buch wirken. An wen richtet es sich?

Ambros-Lechner: An Menschen, die sich bereits engagieren, ehrenamtlich oder beruflich, etwa in Bildung, Klima oder sozialem Zusammenleben und ihr Wirken verstärken wollen. Aber auch an jene, die bisher wenig Berührung mit gesellschaftlichem Engagement hatten und neugierig sind.
Das Buch verbindet persönliche Erfahrungen mit praktischen Anleitungen und Inspirationen, insbesondere im Bereich Bildung und Sozialunternehmertum.

Wie findet man zwischen Job und Leben Zeit für ein Ehrenamt?

Ambros-Lechner: Engagement verläuft in Phasen. Ich bin 40, habe zwei kleine Kinder, derzeit ist intensives Ehrenamt für mich schwer möglich. Früher hatte ich mehr Zeit, später wird es wieder anders sein. Mein Rat: Schon bei der Berufswahl überlegen, ob ein Job gesellschaftliche Wirkung entfalten kann. Das muss keine NGO sein. Auch Unternehmen können Verantwortung übernehmen, wenn sie mehr wollen als reine Gewinnmaximierung.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Ambros-Lechner: Während der Corona-Pandemie und mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs habe ich eine kollektive Ohnmacht wahrgenommen. Viele hatten das Gefühl, nichts mehr bewirken zu können. Ich wollte zeigen, dass Veränderung möglich ist – nicht durch eine große Lösung, sondern durch viele kleine Initiativen. Wenn Menschen sich organisieren und zusammenschließen, können sie Schritt für Schritt etwas bewegen. Das sehe ich täglich bei Sindbad.

Transparenzhinweis

Die Autorin dieses Interviews, Sarah Schäfer, war 2024 in der von Andreas Ambros-Lechner gegründeten Organisation „Sindbad“ ehrenamtlich tätig.