BCG-Studie: KI und Geopolitik prägen Weltwirtschaft bis 2050

Die Weltwirtschaft steht bis 2050 vor massiven Umwälzungen durch Künstliche Intelligenz (KI), Klimawandel und geopolitische Spannungen. Laut einer am Montag veröffentlichten Studie der Boston Consulting Group (BCG) könnte sich das globale Bruttoinlandsprodukt zwar verdreifachen, der Anteil Europas – und damit auch Österreichs – dürfte jedoch deutlich sinken. BCG-Experte Nikolaus Lang rät vor allem bei der KI-Regulierung zu raschem globalem Handeln.
Der Think Tank der BCG, das Henderson Institute (BHI), entwirft in der Analyse “Beyond Tomorrow: Four Scenarios for the World of 2050” vier extreme Zukunftspfade. Je nach Entwicklung von Technologie und Geopolitik (“KI-Zeitalter”, “Digitaler Darwinismus”, “Konkurrierende Blöcke”, “Klimakoalition”) reicht die Spanne von rasantem KI-getriebenen Wachstum bis hin zu einem von Zöllen geprägten Einbruch des Welthandels.
Die wirtschaftlichen Folgen fallen dabei höchst unterschiedlich aus: Während das globale Wachstum in der “Klimakoalition” auf 2,5 Prozent und bei den “Konkurrierenden Blöcken” gar auf 1,8 Prozent pro Jahr sinken könnte, würden im Szenario der Blockbildung die weltweiten Verteidigungsausgaben von derzeit 2,4 auf bis zu 7 Prozent des BIP in die Höhe schnellen. Europas Anteil am globalen BIP dürfte in fast allen Modellen von derzeit 21 Prozent auf bis zu 14 Prozent abrutschen.
KI in allen Szenarien zentraler Treiber
Ein zentraler Treiber in allen Szenarien ist Künstliche Intelligenz. BHI-Leiter Nikolaus Lang betonte im Gespräch mit der APA die dringende Notwendigkeit internationaler Spielregeln. Während es für Schifffahrt, Telekommunikation oder Atomenergie weltweite Richtlinien gebe, fehle dies im Tech-Bereich. “Da ist genau die Frage: Kann man es sich leisten, so ein im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegendes Thema global unreguliert zu lassen?”, so Lang. Ohne Regulierung drohe laut dem Szenario “Digitaler Darwinismus” eine extreme soziale Kluft.
Im globalen KI-Wettlauf sieht Lang Europa derzeit deutlich im Hintertreffen. Die USA und China seien die absoluten “Frontrunner”, während Europa nur eine “Middle Power” sei. Fast 60 Prozent der nennenswerten großen Sprachmodelle stammten aus den USA. “Wir hängen weit hinterher, wenn es um die Mobilisierung von Kapital geht, und uns fehlen diese Technologiefirmen”, analysierte der Experte. Zudem warnte er vor einer hohen Abhängigkeit beim Fachpersonal: Auch in den USA seien zwei Drittel der Top-KI-Forscher keine amerikanischen Staatsbürger.
Sorge vor massiven Jobverlusten
Die Sorge vor einem massiven KI-bedingten Jobverlust quer durch alle Branchen relativierte Lang. Laut BCG-Analysen sind derzeit nur rund 12 Prozent der Jobs so stark automatisierbar, dass sie tatsächlich bedroht sind. Mehr als 40 Prozent der Berufe hätten hingegen kaum Automatisierungspotenzial. “Es gibt einen Teil der Berufe, die absolut so physisch sind, etwa der Klempner oder der Bäcker, dass da KI keine große Rolle spielen wird”, erklärte Lang. In vielen anderen Bereichen werde die KI den Menschen lediglich dabei unterstützen, effizienter zu arbeiten. Gleichzeitig könnte die enorme Produktivitätssteigerung im Szenario des “KI-Zeitalters” (“AI Abundance”) dazu führen, dass sich die durchschnittliche Arbeitszeit der Menschen um etwa ein Viertel verringert.
Dennoch werde sich das Anforderungsprofil an die Beschäftigten drastisch verändern, da reine Fachexpertise zunehmend an Wert verliere. “In Zukunft wird es eine Kombination sein von Fachexpertise und eben der Fähigkeit, unterschiedliche Elemente zu verbinden und zu Entscheidungen zu bringen”, so der BHI-Leiter. Welche gewaltigen Sprünge die Technologie macht, illustrierte Lang am Beispiel eines aktuellen KI-Programms, das innerhalb kürzester Zeit eine große Anzahl von Cyber-Schwachstellen großer Banken aufdecken konnte.
“AI-only”-Unternehmen
Die neue BCG-Studie skizziert gar das Entstehen von “AI-only”-Unternehmen, die künftig als Netzwerke autonomer KI-Agenten völlig ohne menschliche Mitarbeiter operieren und traditionelle Firmen durch ihre Kostenvorteile massiv unter Druck setzen könnten.
Hinsichtlich der Klimatransition bestätigte Lang kurzfristige Kostenbelastungen für die Wirtschaft, insbesondere durch hohe Investitionen. Er gab jedoch zu bedenken: “Wir wissen alle, dass, wenn wir nichts machen, die Kosten in der Zukunft dann noch mal deutlich höher sein könnten.”
Empfehlung: “Low-Regret-Maßnahmen”
Um sich auf die ungewisse Zukunft bis 2050 vorzubereiten, rät der Strategieberater Unternehmen zu sogenannten “Low-Regret-Maßnahmen”. Dazu zählen die Stärkung der strukturellen Resilienz durch breiter aufgestellte Lieferketten sowie ein vorausschauendes Talentmanagement angesichts alternder Gesellschaften.
Lang appelliert an Führungskräfte, strategischer zu planen und nicht nur in Quartalen zu denken. “Wenn Sie auf den Gipfel gehen wollen, überlegen Sie sich auch nicht jeden Tag, wo Sie die nächsten fünf Schritte machen, sondern Sie schauen sich den Gipfel an, auch wenn der ganz weit weg ist”, resümierte der Studienautor.