Bregenzer Festspiele: Ein “Liebestrank” als Opera Spritz

18.08.2026 • 09:41 Uhr
Bregenzer Festspiele: Ein "Liebestrank" als Opera Spritz

Dass das Publikum erpicht auf die mit jungen Sängerinnen und Sängern realisierten Festspielprojekte im Bregenzer Kornmarkttheater ist, hat sich auch am Montagabend gezeigt. Intendantin Lilli Paasikivi hat angesichts herausfordernder Partien in Donizettis Oper “L’elisir d’amore” hoch gepokert, aber kompetente Newcomer engagiert. Das Dorf im Libretto zum Hochschulambiente mutieren zu lassen, ist adäquat, die weitgehende Eliminierung des Chores noch vertretbar.

Opernstudios wie es sie an namhaften Musiktheaterinstitutionen gibt, ins Programm großer Festivals einzufügen, ist etwas Außergewöhnliches. Das Konzept von Elisabeth Sobotka (Intendantin in Bregenz von 2015 bis 2024) entwickelte sich zum Publikumsrenner. Dass es sich auszahlt, den Fokus auf junge Sängerinnen und Sänger zu richten, hat Lilli Paasikivi (Intendantin seit 2025) im Vorjahr mit einer umjubelten “Cenerentola” gezeigt. Donizettis “L’elisir d’amore” ist ob der geforderten Koloratursicherheit und ohne großen Chor eine Gratwanderung, aber die erfahrene Mezzosopranistin und Kulturmanagerin hat den der Produktion vorangehenden Meisterkurs mit ihren ausgewählten Solistinnen und Solisten selbst geleitet und sich auch für das Regie- und Dirigierpult im kleinen Haus ausgewiesene Expertinnen geholt. In Anlehnung an einen italienischen Aperitif lässt der Applaus für den “Liebestrank” den Schluss zu, dass dieser Opera Spritz mit Drogen und Trillern dem Premierenpublikum gemundet hat.

Aufkeimende Gefühle auf dem Uni-Campus

Die in einem baskischen Dorf des frühen 19. Jahrhunderts spielende Handlung örtlich wie auch zeitlich zu verlegen, ist üblich geworden. In Stuttgart, wo auch Danila Grassi dirigiert hat, die nun in Bregenz am Pult steht, spielte die angeblich per Arzneimittel des Händlers Dulcamara beschleunigte Beziehungsanbahnung zwischen Adina und Nemorino in einem Labor. Die unter anderem an der finnischen Nationaloper tätige Regisseurin Anna Kelo verlegt die aufkeimenden Gefühle in ein Hochschulambiente und schafft es dabei, den stark von der Commedia dell’Arte inspirierten und daher etwas grobschlächtig gezeichneten Charakteren im Libretto von Felice Romani mehr Vielschichtigkeit zu verleihen. Psychologische Tiefe macht die ideenreiche Musik der 1832 uraufgeführten “Oper Comica” – wie Gaetano Donizetti sein Werk selbst bezeichnete – noch nicht erfahrbar. Die muss die Inszenierung bieten.

Der Sprung von der bildungsfernen Dorfgemeinschaft, von der sich die von Nemorino begehrte Adina nicht nur wegen ihres Reichtums abhebt, sondern weil sie des Lesens mächtig ist, zu Studenten, die sich in den Unterrichtspausen ihren Herzensangelegenheiten widmen, mag ein großer sein, aber er funktioniert. Auf den schwülstigen Text dürfen auch jene nicht penibel achten, die im “Liebestrank” weiterhin Getreidefelder sehen wollen. So gesehen bietet der kleine Uni-Campus von Ausstatterin Tinde Lappalainen eine ebenso gute Alternative wie Adinas Wohnzimmer. Dort verweist ein als Betende von William-Adolphe Bouguereau zu erkennendes Gemälde und ein expressives Werk (wohl angenähert an Sam Francis) in etwa auf die Zeit der ursprünglichen Handlung und der jetzigen Aufführung. Das ist gut durchdacht wie die bewegenden kleinen Szenen, in denen erwiderte und nicht erwiderte Gefühle oder Queerness unter den Studentinnen und Studenten deutlich werden.

Begeisterndes Ensemble, gewöhnungsbedürftiges Klangbild

Dass Dulcamara nicht nur den vermeintlichen Liebestrank, sondern unter der Hand auch echte Drogen verkauft, ist nachvollziehbar, dass die Weiberheld-Allüren des Belcore von den Kommilitonen belächelt werden, ist ohnehin vernünftig wie der Besuch einer Militärakademie anstelle eines einrückenden Regiments und das Ersetzen der banalen Barkarole durch ein Karaoke-Spiel von Dulcamara und Adina. Die strahlende Iana Alvazian (Adina) könnte es mit ihrer sicheren Höhe auch locker mit einem großen Chor aufnehmen. Dass es diesen hier aufgrund der Bedingungen für die Produktionen im Kornmarkttheater nicht gibt, macht das Klangbild in den vielen Chor- und Solistenszenen gewöhnungsbedürftig. Und zwar, obwohl sich das von Jakob Peböck geschulte knappe Dutzend Choristinnen und Choristen aus der Region spielfreudig ins Zeug legt und Danila Grassi vom Symphonieorchester Vorarlberg erfolgreich rasantes Tempo und zarten Farbreichtum fordert.

Emanuel Tomljenović hat es als Nemorino mit exzellentem Wechsel zwischen Moll und Dur in der Romanze “Una furtiva lagrima” sozusagen wahrlich verdient zu Geld und Liebe zu kommen. Yiorgo Ioannou gefällt als Belcore mit seiner stimmlichen Eleganz, Davide Piva ersetzt den absurden Klamauk, der der Partie des Dulcamara oft anhaftet, mit kraftvoller Komik und raschem Parlando und Tanja Jannelli lässt als wendig tönende Giannetta aufhorchen.

Auf ein paar der Selfie-Szenen unter den Heranwachsenden hätte die Regie gut verzichten können, aber dennoch kann man sich getrost einen Drink darauf genehmigen, dass man von den jungen Sängerinnen und Sängern des Bregenzer “L’elisir d’amore” noch viel hören wird.

(Von Christa Dietrich/APA)

(S E R V I C E – “L’elisir d’amore” von Gaetano Donizetti. Musikalische Leitung: Danila Grassi; Inszenierung: Anna Kelo; Bühne und Kostüme: Tinde Lappalainen; Chorkoordination: Jakob Peböck. Mit Iana Aivazian, Emanuel Tomljenović, Yiorgo Ioannou, Davide Piva, Tanja Jannelli, kleinem Chor und dem Symphonieorchester Vorarlberg. Weitere Aufführungen am 19., 21. und 22. August im Theater am Kornmarkt. Die 80. Bregenzer Festspiele dauern bis 23. August. )