brut Wien startet mit neuer Intendanz in Übergangsjahr

Im Koproduktionshaus brut Wien ist man Unsicherheiten gewöhnt: Nach jahrelanger Wanderschaft und der Zwischennutzung am Nordwestbahnhof soll die neue Spielstätte in St. Marx im kommenden Jahr bezogen werden können. Da man den Standort in Wien-Brigittenau bereits räumen musste, steht unter dem neuen Direktor Tomasz Kireńczuk erneut eine Saison der mangelnden Planbarkeit bevor. Örtlich und finanziell. Am Haus nimmt man die Situation gelassen.
Bestens gelaunt präsentierte der polnische Festivalleiter und Dramaturg, der das brut Wien mit Beginn der Saison von Kira Kirsch übernommen hat, seine Vorhaben – im neuen “brut atelier” direkt neben der Baustelle in der Karl-Farkas-Gasse in Wien-Landstraße. Schließlich ist es gelungen, zur Vorbereitung des Umzugs Räumlichkeiten direkt daneben anzumieten. Im Fokus der Spielzeiteröffnung stehen auch inhaltlich Themen wie Ankunft, Abreise und Vertreibung sowie verschiedene Facetten von Transformation. Programmatisch hat sich wenig geändert: Die Produktionen schaffen Raum für queere, dekoloniale und feministische Perspektiven, widmen sich ökologischen Herausforderungen und der Hinterfragung von dominanten Narrativen der künstlerischen Praxis, wie Kireńczuk ausführte.
“Soft Opening” der neuen Spielstätte im Frühjahr
Zwar wird das studio brut in Wien-Neubau als Spielstätte im Stadtzentrum behalten, viele Programmpunkte finden jedoch im neuen “brut understage” statt – einer kleinen Räumlichkeit im Keller des Übergangsquartiers neben dem neuen Theater. Auch das WUK und das Hotel am Brillantengrund sowie der Neue Kunstverein Wien (NKW) dienen als Spielstätten, bis man dann im Laufe des Frühjahrs im Rahmen eines “Soft Opening” nach und nach Teile des neuen Theaters in St. Marx bespielen will – abhängig vom Baufortschritt, wie Geschäftsführerin Stephanie Höltschl betonte.
Zur Saisoneröffnung am 16. Oktober bringt Mzamo Nondlwana im studio brut die Performance “Waiting for fall” zur Uraufführung, in der sich der*die aus Südafrika stammende Künstler*in gemeinsam mit Tänzer*innen der “Hoffnung als Überlebensstrategie” widmet. Dabei sollen aus queeren und migrantischen Perspektiven “bestärkende und widerständige (Über-)Lebenspraxen als Antwort auf Rechtsextremismus und autoritäre Tendenzen” verhandelt werden, wie es bei der Pressekonferenz hieß. “Ancient Future Climate Bodies” heißt die One-To-One-Klangperformance der chilenisch-mexikanischen Künstlerin Amanda Piña. Darin will sie “den Körper als Teil eines größeren Geflechts lebendiger Beziehungen” erforschen, wie sie verriet.
Intimität bei One-to-One-Formaten
Auf das neue One-to-One-Format setzt auch Doris Uhlich ab 25. November in ihrem “Goodpain Treatment”, in dem sie jeweils einer Person begegnet und dabei das bereits in ihren Performances etablierte Material des Schleims einsetzen wird. “Die Uneindeutigkeit des Schleims begeistert mich”, erklärte Uhlich bei der Präsentation. “Seine Eigenwilligkeit fordert mich als Choreografin und unterläuft meine Funktion. Schleim lebt in uns, aber wir verlieren das Verhältnis zu dieser Fluidität. Ich sage immer: Nach der Geburt beginnt das ‘trockene Zeitalter’.”
Weitere Einzel-Performances wird es in der Spielzeit auch mit Performerinnen wie Alix Eynaudi, Zoe Gudović und Veza Fernandez geben. Künstlerische Verbindungen mit dem Stadtteil sind mit Künstler:innen wie u.a. Inge Gappmaier, Flora Boros und Verena Herterich geplant. Im Rahmen von Residencies werden Bita Bell, Elisabeth Bakambamba Tambwe, Olivia Hild und Stina Fors neue Performances erarbeiten. Damit will man Künstlerinnen und Künstlern, deren Projekte keine Subventionszusagen erhalten haben, die Möglichkeit geben, ihre Ideen zu realisieren. Weitergeführt wird auch die Schiene der barrierefreien Veranstaltungen wie Audiodeskriptionen, Tastführungen und Workshops.
Vertrauen auf gleichbleibende Subvention
Angesichts des geplanten Aus für Mehrjahresförderungen ist auch die finanzielle Lage von Unsicherheit geprägt. Eine Budgetzusage für 2027 habe man noch nicht, sagte Geschäftsführerin Höltschl auf APA-Nachfrage. Auch gebe es kein Sonderbudget anlässlich des Intendantenwechsels. “Wir vertrauen darauf, dass wir mit einer gleichbleibenden Subvention rechnen dürfen”, so Höltschl. Den Umstand, dass dies aufgrund der Inflation real einer Kürzung gleichkommt, teile man mit anderen Institutionen. Da auch zahlreiche freie Gruppen immer weniger Planungssicherheit haben, sei es als Institution das erklärte Ziel, der Szene “eine Basis zu bieten und Vertrauen zu vermitteln”. Und so geht man in eine Spielzeit, in der ab 2027 noch vieles offen ist.
(S E R V I C E – )