Buch von Burgtheaterdirektor Martin Ku?ej: “Hinter mir weiß”

13.05.2022 • 08:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Buch von Burgtheaterdirektor Martin Ku?ej: "Hinter mir weiß"

Burgtheaterdirektor Martin Kušej hat ein Buch geschrieben. In “Hinter mir weiß” erklärt der Regisseur und Theaterleiter auf knapp 200 Seiten, was ihm wichtig ist im Leben und am Theater, und geht auf einzelne seiner Inszenierungen näher ein, von “Tosca” bis zu “Fidelio” und von “Hamlet” bis “Maria Stuart”. Es ist ein ernster (Selbst-)Erklärungsversuch, frei von Theatertratsch und Plauderei. Am Samstag, just zu Kušejs 61. Geburtstag, kommt das Buch in den Handel.

Kušej beginnt sein Buch mit einer Momentaufnahme. “Buh. Die Empörung des Publikums peitscht mir ins Gesicht. Es ist Jänner 2022, meine Inszenierung von ‘Tosca’ ist gerade zum ersten Mal im Theater an der Wien aufgeführt worden. Ich finde, es war ein brillanter Abend.” Selbstbewusstsein, nicht Selbstkritik ist der Rote Faden des Buches. Immer wieder lautet das Urteil über seine eigene Arbeit: fantastisch, spektakulär, perfekt … Und dann doch immer wieder: “Buh, buh, buh. Willkommen in meinem Leben. Ich bin durchaus ein bisschen stolz darauf.”

Er wolle in seiner Arbeit “Menschen dazu bringen, sich auf etwas Neues einzulassen. Unerwartetes zu erleben. Grenzen zu überschreiten”, meint der Regisseur. Das wolle aber nicht jeder. Verachtung habe ihn daher immer begleitet. “Anders als früher finde ich es heute wichtig, zumindest aus den richtigen Gründen verachtet zu werden. Ich habe auch festgestellt, dass sich die Rezeption des Publikums verändert, wenn man sich erklärt, auch deshalb gibt es dieses Buch. Irgendwann im Leben kommt der Punkt, an dem man nicht mehr missverstanden werden will.” Also erklärt der Regisseur in der Folge seine Konzeptionen zu seiner Klagenfurter “Kabale und Liebe” (1992, “mein erster richtiger Theaterskandal”), seinem Salzburger “Don Giovanni” (2002), seiner Münchner Inszenierung von Fassbinders “Die bitteren Tränen der Petra von Kant” (2012, “Vielleicht die beste Inszenierung meines Lebens”) und seiner Wiener “Hermannsschlacht” (2019).

Es gibt auch Persönliches nachzulesen. Etwa im Kapitel “Identität”, in dem es um seine Herkunft als Kärntner Slowene geht. Slowenisch hat er sich erst als Regieassistent in Ljubljana beigebracht, zu Hause wurde es ignoriert. “‘Das scheiß Slowenisch hat uns nichts als Unglück gebracht’, sagte meine Mutter.” Die Schreibweise seines Namens als Kušej habe er erst mit fast elf Jahren erstmals gesehen, heute trage er den Hatschek mit Stolz. “Eine Zeit lang hatte ich sogar eine Visitenkarte, auf der nur das drauf war: ein fett gedruckter Hatschek, sonst nichts.” Er schreibt aber auch über Erfahrungen mit dem Tod, mit dem Selbstmord eines Schulfreundes oder der Autorin Sarah Kane, mit der er wenige Stunden vor ihrer Einnahme einer Tabletten-Überdosis noch telefoniert habe. Und er erzählt vom Schmerz einer Abweisung durch eine Freundin oder von den vielen Operationen der vergangenen Jahre, teilweise als Spätfolgen des Leistungssports: “In meinem Körper gibt es Ersatzteile, die ich mir noch Jahre zuvor nicht hätte vorstellen können.”

Eine einzige Theater-Anekdote erzählt Martin Kušej. Sie handelt von seiner Erstbegegnung mit Claus Peymann, bei dem sich der durchtrainierte Handballspieler als Regieassistent bewarb. Nach der glühenden Schilderung seiner Ideen wird der visionäre junge Mann von Peymann rüde auf den Boden zurückgeholt: Er brauche einfach einen schnellen Regieassistenten. “Also antwortete ich frech: ‘Ich laufe die hundert Meter in 12,1 Sekunden.’ Peymann entgegnete trocken: ‘Tja, sehen Sie, in Ihrem Alter bin ich das in 11,9 gelaufen.'” Einige Seiten später folgt, nicht ohne Genugtuung, der Epilog: “In jenem Erzherzog-Zimmer, in dem mir Peymann vor dreißig Jahren auf seine ganz eigene Weise die Tür gewiesen hatte, bezog ich schließlich mein Büro.”

Und der Titel “Hinter mir weiß”? Weiß stehe für ihn für den Moment der Leere, wenn alles geglückt sei, für einen langen Augenblick, “der einfach perfekt ist. Und plötzlich überkommt er mich, ohne Vorwarnung, dieser Zustand von Weiß”, schreibt Kušej. Ganz am Ende des Buches ist es wieder so weit, aus dem Weißraum des Gelingens im Theater als “ein Ort des Moments” taumelt er leer und euphorisch zugleich hinaus und an der Hand eines Freundes durch die verschneite Vorstadt. Der Schnee verschluckt alles, Geräusche und Spuren. “Hinter mir weiß.”

(S E R V I C E – Martin Kušej: “Hinter mir weiß”, edition a, 192 Seiten, 24 Euro)

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