25 Jahre Walktanztheater und ein scharfer Schlussstrich

Interview. Brigitte Walk, Gründerin des Walktanztheater, erklärt warum die Companie keine Eigenproduktionen mehr machen kann, ihren Werdegang und den Wert der Schönheit.
NEUE: Walktanztheater feiert heuer 25-jähriges Bestehen, gleichzeitig steht ein Ende der Eigenproduktionen an. Warum?
Brigitte Walk: Im Mai habe ich noch einen Preis bekommen. Eine Woche später hieß es beim Gespräch mit dem Land: Wenn es überhaupt Geld gibt, dann nur ohne Erhöhung. Ohne Erhöhung haben wir es auch von Bund und Land erhalten. Die große Frage war, was von der Stadt Feldkirch kommt. Erst gab es keine Auskunft, nur dass ein externer Berater alle durch alle Abteilungen geschickt wird. Bis Mitte Jänner ging das so weiter. Dann kam das Rasenmäherprinzip zum Einsatz: 25 Prozent weniger Förderung. Und das mitten in der Produktion von „Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge“.

NEUE: Wie geht es nun weiter?
Walk: Wir bringen die aktuelle Produktion zu Ende und gehen verstärkt auf Tournee – Österreich, Schweiz, Italien, Rumänien. Außerdem unterrichte ich weiterhin an der Universität Innsbruck und an der Stella in Feldkirch. Solange Projekte kommen, arbeite ich. Aber das Risiko einer eigenen Produktion gehe ich ohne gesicherte Basis nicht mehr ein. Schließlich muss ich meine Leute, aber auch die Spielstätten bezahlen können. Überhaupt fehlt es in Vorarlberg an leistbaren Häusern.

NEUE: Wie fühlt sich das an?
Walk: Ich bin ratlos. Die gleichen Leute, die uns 2021 noch den Integrationspreis und 2022 den Ehrenpreis des Landes für Kunst umhängten, sagen jetzt förmlich, die Arbeit hätte keinen Wert. Das ist schizophren.

NEUE Das ist der Budgetdruck.
Walk: Wenn man sagt, Budgets werden „klammer“, klingt das wie ein Naturgesetz. Dahinter liegen aber politische Entscheidungen. In einer Wissensgesellschaft sollte geistiges Gut nicht das Erste sein, das man angreift. Gleichzeitig wächst die Bürokratie. Man schreibt immer umfangreichere Ansuchen und verbringt weniger Zeit im Proberaum.

NEUE: Wie haben Sie den metaphorischen Weg in den Proberaum, also zu Tanz und Theater gefunden?
Walk: Während ich an der Universität Innsbruck Deutsch und Geografie auf Lehramt studiert habe, war ich sehr engagiert, etwa als erste Frauensachbearbeiterin der ÖH. Am Theater am Landhausplatz fand ich zum Schauspiel, über das Sportprogramm der Uni zum Tanz. Mein Körper hat mir regelrecht gesagt: Das ist ein Lebensmittel, das brauchst du. So habe ich bis heute nie damit aufgehört. Später bin ich in die Bundeshauptstadt gegangen, wo ich die Musicalschule des Theaters an der Wien besuchte. Mein lieber Schwan, das war wie an einer amerikanischen Musicalfabrik: hart, neu, herausfordernd und toll. Wie wertvoll Theaterpädagogik ist, wurde mir während Engagements in Deutschland klar. Man arbeitete mit Jugendlichen, mit Menschen in Stadtteilen, mit Geflüchteten. Theater war nicht nur Bühne, sondern Dialog.

NEUE: War das der Moment, der Ihr Verständnis von Kunst entscheidend geprägt hat?
Walk: Ja, definitiv. Ich war sogar am National Theatre in London eingeladen und habe gesehen, wie selbstverständlich Theater in Gefängnissen, Altersheimen oder Spitälern stattfindet. Mamma mia, war das cool. Da wurde mir klar: Kunst gehört ins Leben, nicht nur ins Haus. Dieses Denken hat mich nie wieder losgelassen.
NEUE: Und wie kam es schließlich zur Gründung des Walktanztheaters?
Walk: Als mein Kind ins Schulpflichtalter kam, kehrten wir nach Vorarlberg zurück. Am Landestheater Bregenz habe ich von 1999 bis 2009 die Vermittlungs- und Theaterpädagogik-Abteilung von Grund auf aufgebaut und zehn Jahre lang geleitet. Parallel dazu wollte ich aber immer auch freiberuflich künstlerisch arbeiten. 2001 habe ich dann gemeinsam mit Hanspeter Horner das Walktanztheater aus der Taufe gehoben.

NEUE: Der Erhalt beziehungsweise die Erschließung des Alten Hallenbads in Feldkirch ist einer Ihrer Verdienste. Wie kam es dazu?
Walk: Johannes Rausch lagerte dort Mitte der 90er-Jahre seine Puppen. Damals habe ich mit ihm gearbeitet. Es hat so sehr getropft, dass sie ganz nass wurden. Ein trauriger Anblick. Auf Nachfrage bei der Stadt, was jetzt mit dem Haus geschehen wird, hieß es, man werde es abreißen. So haben Dietmar Nigsch und ich beschlossen, dort ein Stück zu machen. Damals war das Haus ganz kahl, es gab weder ein Klo noch fließend Wasser. 1995 haben wir das erste Mal dort gespielt, zu dritt mit Maria Hofstätter. Bei der Affenkälte mussten wir drei Pullover tragen. Für mich war das ein Sinnbild: Man kann Ruinen zum Blühen bringen.

NEUE: Diese Szene ist ein starkes Sinnbild künstlerischer Arbeit unter widrigen Umständen. Diese sind nicht nur budgetärer Natur, auch die Kunst wird vielerorts als Medium für Weltanschauungen geknechtet. Worin sehen Sie den Wert der Schönheit?
Walk: Wenn ich ein Stück mache, frage ich mich nicht: „Was muss das Publikum sehen?“ Vielmehr verarbeite ich Dinge, die ich als Bürgerin und Künstlerin wahrnehme. Dabei geht es mir weder um Aufklärung, noch um einen moralischen Duktus, sondern um Spaß und Interesse an naheliegenden Themen wie Migration, Vielfalt. Der Wert der Schönheit liegt für mich darin, dass sie einen Raum öffnet, in dem Menschen etwas gemeinsam erleben können. Schönheit ist kein dekorativer Überzug, kein harmonisches Gefälligmachen. Sie entsteht im Moment, im Zusammenspiel von Körper, Sprache, Raum und Musik. Es ist ein bewegter Zustand. Wenn etwas ästhetisch stark ist, kann es berühren, ohne zu belehren.