Buhsturm für neue Salzburger Mars-“Ariadne”

03.08.2026 • 14:49 Uhr

Es klingt wie ein Klischeewitz über modernes Regietheater, Richard Strauss’ “Ariadne auf Naxos” auf dem Mars spielen zu lassen. Und in gewissem Sinne macht der Salzburger Festspiel-Debütant Ersan Mondtag diesen Witz, wenn er bei der zweiten Opernpremiere des Festivals eben dies tut. Konzise ist der rote Planet als Spielort hier aber nicht eingesetzt. Mars macht mobil – bei dieser Regie nur sehr bedingt. Und so mischten sich am Ende nur einzelne Bravorufe in einen Buhsturm.

Nun stellt die “Ariadne” für jede Regiekraft eine Herausforderung dar, verschneiden Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal im Werk musikalisch wie narrativ doch komplex Zeitebenen zwischen dem Zeitalter des Ancien Régimes und ihrer Jetztzeit. Mondtag entschwindet dieser Chronologie durch die Transposition des Geschehens in die Zukunft. Die im Vorfeld proklamierte Referenz an die Erdzerstörungs- und Zivilisationsneugründungsfantasien der aktuellen Silicon-Valley-Tech-Bros scheint bei einem Stück, in dem der adressierte Milliardär selbst nie auftritt, aber etwas an den inszenatorischen Haaren herbeigezogen.

Anfangs noch Behauptung

Abgesehen von einem Einspielerfilm im “Dune”-Stil zur Ouvertüre erscheint der Mars während des Vorspiels auch noch leidlich als Behauptung. Das durchkomponierte Rezitativgekabbel im Hause eines Superreichen zwischen zwei Theatertruppen und dem Haushofmeister findet in einer höhlenartigen Wüstenhalle statt. Erst im 2. Teil des Abends, in dem dann die vom Reichen bestellte Opera buffa und die seria als Mash-up aufgeführt werden, dreht der Berliner Mondtag, der auch für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, auf.

Der Tanzmeister (Jonas Hacker) sieht aus wie ein Mitglied des ESC-Duos Jedward, Kate Lindsey ist in der Hosenrolle als Komponist gestylt wie Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec, eine der Nymphen sieht aus wie das Michelin-Männchen, während sie durch die Decke entschwebt, und das Wachpersonal erinnert dank entsprechender Helme an Wehrmachtssoldaten im hautfarbenen Strampler. Die leidende Ariadne selbst darf als rote Zora neben einem verendeten (oder schlafenden) Elefanten, einem ebensolchen Löwen sowie einem Affen singen.

Nilsson und Dai überzeugen an der Ensemblespitze

Christina Nilsson, welche die Rolle von der ausgestiegenen Elīna Garanča übernommen hatte, weiß mit satter, voller Höhe zu überzeugen und müht sich einzig bei mancher der tiefen Stellen. Ihr Pendant Zerbinetta wird von der chinesischen Koloratursopranistin Ziyi Dai gesungen, die sich bei ihrem Salzburg-Debüt mit der Wahnsinnkoloraturarie “Großmächtige Prinzessin” zum Publikumsliebling mauserte. Dabei muss sie anstelle der Prinzessin Ariadne währenddessen den Komponisten ansingen, der sich für sie zur Frau wandelt, während es ihre Liebhaber mit den Tänzern treiben, die immer wieder die Bühne bevölkern.

Nilsson und Dai standen mit ihrer Leistung an der Spitze des am Ende umjubelten Sängerensembles, das sich neben der Mars-Welt noch mit einer zweiten Herausforderung konfrontiert sah: Auch wenn Strauss die Oper nur für Kammerbesetzung von drei Dutzend Musikern geschrieben hat, wusste der Schöpfer dank entsprechender Instrumentierung einen überraschend fetten Sound zu kreieren. Und Manfred Honeck gibt am Pult der Wiener Philharmoniker Stoff, übertönt dabei stellenweise immer wieder die Sänger.

100 Jahre nach der ersten Salzburg-Inszenierung

Am Ende stand also eine “Ariadne”, mit der das Team der ersten Salzburger Festspiel-Inszenierung des Werks 1926, als einmal gar Strauss selbst am Pult stand, wohl nicht gerechnet hätte. Und wohl auch so mancher Opernfreund des Jahres 2026 nicht. Jedenfalls den Buhs nach zu urteilen, hätte so mancher das Leadingteam am Ende am liebsten auf den Mars geschossen.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Ariadne auf Naxos” von Richard Strauss im Rahmen der Salzburger Festspiele im Haus für Mozart. Musikalische Leitung der Wiener Philharmoniker: Manfred Honeck, Regie/Bühne/Kostüme: Ersan Mondtag, Licht: Franck Evin. Mit Kate Lindsey – Der Komponist, Christina Nilsson – Primadonna/Ariadne, Eric Cutler – Tenor/Bacchus, Ziyi Dai – Zerbinetta, Johannes Silberschneider – Haushofmeister, Christoph Pohl – Musiklehrer, Jonas Hacker – Tanzmeister, Blaž Stajnko – Perückenmacher, Fabian-Jakob Balkhausen – Lakai, Leon Košavić – Harlekin, Michael Porter – Scaramuccio, Lukas Enoch Lemcke – Truffaldin, Theodore Browne – Brighella, Jasmin Delfs – Najade, Anja Mittermüller – Dryade, Marlene Metzger – Echo, Fabio Dorizzi – Offizier. Weitere Aufführungen am 7., 10., 14., 24. und 28. August. )