“Codeborn” in Innsbruck: KI zwischen Auflösung und Kollektiv

20.09.2026 • 10:10 Uhr
"Codeborn" in Innsbruck: KI zwischen Auflösung und Kollektiv

Das Musiktheater “Codeborn” von Zara Ali hat Samstagabend in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters in Innsbruck in der Regie von Florentine Klepper und unter der musikalischen Leitung von Hansjörg Sofka seine Premiere und österreichische Erstaufführung gefeiert. Die Inszenierung zeigte einen vereinsamten KI-Programmierer zwischen Informationsüberfluss, letzter Selbstermächtigung und neuen Optionen. Das Publikum reagierte wohlwollend.

Die Zukunft, wie sie Ali meinte und Klepper auf die höchst originelle Bühne von Wolfgang Menardi brachte, lag wohl nicht mehr allzu fern. Zumindest kam sie einem augenblicklich vertraut vor – und sei es auch nur durch Schreckensnachrichten über sich verselbstständigende KI-Tools und wildgewordene, KI-getriebene Roboter. Und diese Zukunft ginge dann so: Der Programmierer “Guy” erfand eine weibliche KI namens “Nur” und lud diese ins Netz hoch. Ab sofort war es mit der Ruhe im Bett zwischen Pizzaschachteln und Softdrinks vorbei. Mysteriöse Kräfte des “TechnoCore” drangsalierten ihn nämlich und wollten ihn mit unterschiedlichsten Mitteln gefügig und im Endeffekt willenlos machen.

Darunter wären gewesen: massive Informationsüberflutung oder Verführung durch Tanz. Die Zugriffe auf das Bewusstsein von “Guy” wurden jedenfalls immer massiver und zudringlicher. Schließlich gelang nach langen Mühen die Kontrollübernahme offenbar dann aber doch. Dass Ali allerdings das damit verbundene Ende weitestgehend offen ließ, war dabei die eigentliche Stärke der ansonsten nicht immer vollständig mitreißenden Erzählung, die auch die rund 70 Minuten der “Mini-Oper” nicht komplett trug.

Zwischen Schrecken und höherem Bewusstsein

Spannend war hingegen der Zugang zum wohl drängendsten Thema der Jetztzeit schlechthin. Die Künstliche Intelligenz bewegt sich bekanntermaßen bereits gegenwärtig im Spannungsfeld zwischen Unterstützung des menschlichen Wissens und der vollständigen Anonymisierung ebenjenes, die auch darin münden könnte, dass das menschliche Zutun sich letztlich erübrigt. Ein posthumanistisches Zeitalter erscheint dabei als Schreckgespenst am recht düsteren Zukunftshorizont.

Ali wendete dieses Szenario gegen Ende ihres Stücks jedoch hin zu einer dezent optimistischen Auslegung: Der Mensch geht auf in ein großes Ganzes, verbindet sich mit der Informationsflut und erlangt dadurch möglicherweise ein höheres Bewusstsein im ozeanischen Kollektiv. Zugleich war es aber ein Abgesang: Der Individualismus, wie wir ihn kennen, war damit definitiv vorbei.

Überlagerung und Elektronik

Interessant waren auch die kompositorischen Mittel, die zur Beleuchtung dieses Spannungskomplexes aufgeboten wurden. Unter der Leitung von Sofka navigierte “PHACE – Ensemble für neue Musik” durch vielschichtigste Musikwelten und Genre-Andeutungen. Sounds und Stimmen schichteten sich auf, überlagerten sich, durften aber auch von Zeit zu Zeit ganz simpel und fast schon “klassisch” daherkommen. Dazu ließ sie analoge Instrumente auf elektronische Passagen prallen, die sich oftmals auch kontrastierend verbanden. Menardi bot dazu die absolut optimale Bühne: futuristisch und wandelbar und im Zentrum doch vielleicht mit einem der letzten Rückzugsorte des hypermodernen Menschen ausgestattet: dem Bett. Mehr als erwähnenswert zudem: Die extravaganten Kostüme von Menardi, die dem Szenario den letzten Kick gaben.

Der Abend endete schließlich mit insgesamt wohlwollendem Applaus für alle Beteiligten. Sowohl “PHACE”, das nicht nur musikalisches, sondern auch schauspielerisches Talent unter Beweis stellte, als auch Regisseurin und Komponistin durften durchaus üppigen Beifall für sich verbuchen. Besondere Akklamationen konnte allerdings die Sängerriege einstreifen: allen voran Lucy Altus, die “Nur” hervorragend sang, sowie Julien Horbatuk als “Guy”, der ebenso sangesstark durch das Werk manövrierte. Souverän auch Thomas Lichtenecker als “Doll” sowie Paul Schweinester als “Council Member”.

(Von Markus Stegmayr/APA)

(S E R V I C E: “Codeborn” von Zara Ali, Bühnenfassung von Hannah Dübgen. Regie: Florentine Klepper. Musikalische Leitung: Hansjörg Sofka. Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi. Mit: Lucy Altus (Nur), Julien Horbatuk (Guy), Thomas Lichtenecker (Doll), Paul Schweinester (Council Member), PHACE – Ensemble für Neue Musik. Weitere Vorstellungen: 26. und 27. September, 2., 3. und 4. Oktober. )