Der Südsudan ist im permanenten Krisenmodus
Der Südsudan ist eines der fragilsten Länder der Welt. “Sieben Millionen Menschen, das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung, davon mehr als zwei Millionen Kinder, sind unterernährt”, erklärt Caritas-Vizepräsident Alexander Bodmann bei einer Pressereise Ende Juni in den Südsudan. “Hunger ist aber kein Schicksal, Hunger kann bekämpft werden”, sagt er. Die Caritas ist dort neben konkreter Nothilfe mit Lebensmitteln und Hygienematerialien bei 19 Projekten insgesamt engagiert.
Das Ziel der mittel- und langfristigen Arbeit sei es, die Entwicklung zu begleiten, mit Projekten insbesondere in Bildungseinrichtungen, aber auch mit Wasserversorgung oder mit landwirtschaftlichen Maßnahmen. “Da helfen wir Menschen mit Saatgut oder Werkzeugen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen”, sagt Bodmann.
Insgesamt rund zwei Millionen Euro, großteils durch Spenden, setze die Caritas jährlich im Südsudan ein. Eine nachhaltige Entwicklung der Projekte könne man durch die Einbeziehung der lokalen Administration, der Kirche und der Führer der verschiedenen Volksgruppen vor Ort sicherstellen. Man arbeite dabei immer mit lokalen Partnern und vielen kleinen zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort zusammen, erzählt Bodmann.
Nachhaltigkeit bei Projekten durch Einbeziehung der Bevölkerung
So wurde etwa eine Wasserreinigungsanlage in Wadakona im Bundesstaat Nile wieder in Betrieb genommen. Die Anlage war 2005 von der sudanesischen Verwaltung errichtet worden. Als jedoch 2013, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit des Südsudan, ein fünfjähriger Bürgerkrieg ausbrach, wurde der Betrieb eingestellt. 2023 wurde das Projekt von der Caritas in Kooperation mit der Austrian Development Agency (ADA) übernommen. Die Dieselgeneratoren wurden durch Solarpanele ersetzt, einen Dieselgenerator gibt es nur mehr für den Notbetrieb. 120.000 Liter Nilwasser können so täglich gereinigt und trinkwassertauglich gemacht werden.
Insgesamt gibt es zehn Wasserentnahmestellen für die rund 12.000 Einwohner. Zehn Frauen sind dort für die Wasserverteilung zuständig, zusätzlich gibt es Personen, die sich zweimal täglich um die Filteranlagen kümmern. Die Beschäftigten sowie die Wartungskosten der Anlage finanzieren sich selbst. “Am Anfang gab es Widerstand gegen das Bezahlmodell”, erzählt Jokino Othong, der Direktor der Caritas Malakal, andere NGOs hätten nämlich bei ähnlichen Projekten nichts verlangt. Zacharias, der Hauptverantwortliche der Filteranlage, erzählt, dass man zunächst umgerechnet rund 0,3 Euro pro Monat für 200 Liter Trinkwasser verlangt habe, dies aber dann umgestellt habe, da sich viele Bewohner über Ungerechtigkeiten bei der Verteilung beschwert hätten. Mittlerweile zahle man umgerechnet 0,15 Euro für 200 Liter. Das Projekt von Caritas und ADA endete schließlich 2024, die Wasserverteilung läuft aber immer noch in Eigenregie der lokalen Bevölkerung.
Klimawandel verschärft die Probleme des Landes
Eines der größten Probleme im Südsudan sei der Klimawandel, sagt Werner Fritz, seit fast vier Jahren Ländermanager der Caritas im Südsudan. “Die Hitzeperioden werden immer länger und heißer, die Überflutungen werden immer mehr und heftiger”, so Fritz. “Wir überlegen jetzt, ob wir mobile Schulen bauen können, weil die in der Regenzeit wegen der stärkeren Überflutungen nicht mehr besucht werden können.”
Beim Besuch der Caritas-Delegation in Malakal bestätigt das auch der Vize-Gouverneur des Bundesstaates Upper Nile, wo neun von 15 Bezirken nur per Boot erreicht werden können. “Der Klimawandel ist Realität in unserem Land”, sagt er. Viele Gegenden seien überflutet, während es in anderen Regionen trotz Regenzeit zu wenig Regen gebe.
In manchen Gebieten bis zu 80 Prozent Analphabeten
Jobs gebe es in Yambio, wo die Caritas ihr Hauptquartier hat, keine, außer man verkauft selbst angebautes Gemüse am Markt, erzählt Fritz. Zum Glück habe praktisch jeder dort einen eigenen Garten, niemand müsse also Hunger leiden, im Gegensatz zum Rest des Landes. Das meiste Geld gehe für Schulgeld drauf, da Schulen nicht staatlich finanziert werden. Bei einer recht einfachen Schule zahle man jährlich 700 bis 800 US-Dollar Schulgebühr, wobei eine Sicherheitskraft bei der Caritas rund 270 Dollar verdiene, erzählt Fritz. Bei den sehr großen Familien mit oft acht bis zehn Kindern müsse man sich schon überlegen, welches Kind man in die Schule schicke.
Mittlerweile gebe es rund 3.000 Kinder in von der Caritas errichteten Schulen. Zudem seien bis zu 8.000 Kinder in Schulen, deren Lehrer von der Caritas bezahlt werden. Dennoch bleibe die Bildungssituation herausfordernd. In manchen Gebieten gebe es daher bis zu 80 Prozent Analphabeten, so Fritz. “Wir sind in Gebieten, wo sonst keiner mehr hinkommt”, sagt Fritz. Viele NGOs hätten das Land verlassen, nicht nur wegen der Schließung der Entwicklungszusammenarbeitsbehörde USAid durch US-Präsident Donald Trump, sondern auch wegen der Gewalt.
Sicherheitssituation bleibt angespannt
Die Sicherheitssituation bleibt weiter angespannt. Der Bürgerkrieg von 2013 bis 2018 forderte 400.000 Todesopfer. Hintergrund war der Machtkampf von Präsident Salva Kiir, einem Angehörigen der Dinka, der größten Volksgruppe des Landes, und Vizepräsident Riek Machar von der Volksgruppe der Nuer. 2018 wurde ein Friedensabkommen geschlossen, Kiir und Machar regierten zunächst als Präsident und Vizepräsident, überwarfen sich aber bald. Seit September 2025 steht Machar unter Hausarrest, ihm wird derzeit der Prozess gemacht.
Die beiden gegnerischen Lager haben ihre Streitkräfte weiterhin nicht zusammengeschlossen, wie im Friedensabkommen vorgesehen. Regierungsangestellte, auch Armee und Polizei, haben seit eineinhalb Jahren kein Gehalt mehr erhalten. “Die Soldaten rauben die Leute aus, einfach weil sie kein Geld haben”, erzählt eine NGO-Mitarbeiterin.
“Wir fürchten uns vor einem neuen Bürgerkrieg”
Die 2020 gebildete Einheitsregierung sei aufgrund der unzähligen Minister- und Vizepräsidentenposten die “teuerste Regierung der Welt”, sagt ein Regierungsinsider. Ein großes Problem sei auch das Stammesdenken, denn “die Dinka wollen keine andere Volksgruppe hochkommen lassen”, meint er. “Das Problem ist, dass die Jungen schlimmer sind als wir Alten, die schon viele Fehler gemacht haben”, meint er.
Zudem sei Präsident Kiir schwer krank, eine Gruppe rund um seine Tochter Adut Salva Kiir und ein paar weitere Personen kontrolliere ihn und kassiere rund 40 Prozent aller Staatseinnahmen, so der Insider. Sollte Kiir seine Tochter zur Nachfolgerin erklären, könnte die Armee dagegen aufbegehren, meint indes die NGO-Mitarbeiterin: “Wir fürchten uns vor einem neuen Bürgerkrieg.”
(Von Martin Hanser/APA aus dem Südsudan)
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