Deutsche Industrie mit Auftragseinbruch
Auf den Höhenflug folgt die harte Landung: Der Wegfall großer Rüstungsaufträge hat der deutschen Industrie im August einen heftigen Auftragseinbruch eingebrockt. Das Neugeschäft schrumpfte um 10,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat und damit so stark wie seit Jänner nicht mehr, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Damit endet eine Serie von zuvor drei Anstiegen in Folge.
Das kommt zwar nicht unerwartet, doch überrascht das Ausmaß: Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang von 1 Prozent gerechnet.
“Der Auftragseingang in der Industrie bricht regelrecht ein”, sagte der Konjunkturexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Jupp Zenzen. “Hintergrund für diesen monatlichen Rückgang ist vor allem das Auf und Ab bei den Großaufträgen im Rüstungsbereich.” Der Auftragseingang im Bereich Sonstiger Fahrzeugbau – zu dem Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge gehören – sank um 61,5 Prozent zum Vormonat. Im Juli hatte er sich wegen außergewöhnlich vieler Großaufträge noch mehr als verdoppelt (plus 129,4 Prozent). Die deutsche Bundesregierung steckt derzeit Milliarden in die Modernisierung der Bundeswehr.
“Die Perspektiven sind gut”
“Auch wenn das deutliche Minus vor allem auf ein geringes Volumen an Rüstungsaufträgen zurückzuführen ist, mag der Auftragseingang nicht so recht überzeugen”, meinte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. “Es fehlt an einer neuen Investitionsdynamik, die auf einen dauerhaften Konjunkturaufschwung hindeuten würde.” Das sieht die DIHK ganz ähnlich. “In der Breite fehlt der konjunkturelle Schwung”, sagte deren Konjunkturexperte Zenzen. Für eine Trendwende in der gesamten Industrie brauche es Strukturreformen, die Standortfaktoren deutlich verbesserten.
Am grundsätzlich positiven Bild ändert der schwache Monat August nach den Worten des Ökonomen Michael Herzum vom Fondsanbieter Union Investment aber wenig. Die Auftragslage der deutschen Industrie habe sich seit Herbst 2025 deutlich verbessert. “Die Auftragsbücher sind gut gefüllt und bieten der Industrie rechnerisch ein Polster von rund neun Monaten”, sagte Herzum. Ob aus den vollen Auftragsbüchern tatsächlich mehr Wachstum entstehe, entscheide sich bei den Investitionen. Noch fehle den Unternehmen das Vertrauen, Produktion und Kapazitäten hochzufahren. “Die deutsche Industrie hat sich stabilisiert und die Perspektiven sind gut – ein Boom ist das aber noch nicht”, sagte Herzum.
Werden Großaufträge ausgeklammert, dann hätte das Minus im August nur 0,1 Prozent betragen. Die Auslandsaufträge fielen um 5,4 Prozent geringer aus. Die Inlandsaufträge brachen sogar um 17,3 Prozent ein. Im weniger schwankenden Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von Juni bis August um 1,3 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor.
Bremswirkung
Stagniert haben im August die Einnahmen: Der inflationsbereinigte Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe verharrte auf dem Niveau des Vormonats. “Nach den bisher vorliegenden Zahlen dürfte die Industrie im dritten Quartal – anders als im ersten Halbjahr – das Wachstum der deutschen Wirtschaft eher gebremst haben”, sagte dazu Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Das könne sich im gerade begonnenen vierten Quartal aber wieder ändern. “Denn vom Staat dürften wieder mehr Aufträge kommen, die sich auf Dauer auch positiv auf die Umsätze und die Produktion auswirken dürften.” Hierfür spricht Experten zufolge auch die in den vergangenen Monaten deutlich verbesserte Stimmung bei den Unternehmen.
Die Regierung in Berlin zeigt sich ebenfalls optimistisch. “Auch wenn die Neuaufträge in der Industrie im August schwach ausfielen und strukturelle Wettbewerbsprobleme fortbestehen, hat sich die Auftragslage, insbesondere in Branchen, die vom KI-Hochlauf und staatlichen Beschaffungen profitieren, zuletzt deutlich verbessert”, betonte das Wirtschaftsministerium.