Die Donau umspült den Start von Wien Modern

Mit dem “Donauwalzer” wird die musikalische Verbindung von Wien und der Donau der ganzen Welt jedes Jahr aufs Neue zu Gehör gebracht. Wenn die Donau in den nächsten Tagen den Auftakt des Musikfestivals Wien Modern umspült, werden ganz andere Töne zu hören sein. Das Festivalmotto lautet heuer “Im großen Ganzen – Neue Musik und Ökosysteme”, und das Gluckern und Glucksen, Plätschern und Blubbern der Donau ist dabei durch Field Recordings Teil komplexer Soundsysteme.
Schon am Dienstag (27. Oktober) wird quasi als Prolog die dreistündige Multikanal-Klanginstallation “A Sound Map of the Danube” der neuseeländischen Künstlerin Annea Lockwood im Museum für Angewandte Kunst (MAK) eröffnet. Vier Jahre lang (2001-2005) hat die 87-Jährige, die seit 1973 in Upstate New York lebt und auch schon den Hudson River vor ihrer Haustüre in einer “Sound Map” verewigt hat, in 80 Etappen entlang der 2.850 Flusskilometer von Donaueschingen bis ans Schwarze Meer dem Fluss und seinen Anrainern zugehört. Die Arbeit hat freilich bereits auch eine historische Dimension: Seit den Aufnahmen und der Veröffentlichung eines dazugehörigen Albums ist nämlich viel Wasser die Donau hinuntergeflossen.
Integriert in die bis 29. November zugängliche Installation sind Gespräche mit zwölf Menschen, die Lockwood zur Bedeutung des Flusses für ihr Leben befragte. “Sie sprachen mit mir in ihren Muttersprachen, daher liegen dem Audiomaterial ein Buch mit Übersetzungen ins Deutsche und Englische sowie eine große Wandkarte bei, auf der die Standorte der Aufnahmestellen eingezeichnet sind. Anhand der Wandkarte und einer Zeitanzeige können die Zuhörer*innen den Verlauf des Flusses verfolgen”, erklärt die Komponistin und Klangforscherin, die am Dienstag um 18 Uhr im Vorfeld der Eröffnung bei einem Publikumsgespräch Rede und Antwort steht.
Die Donau als “gleichwertige Partnerin”
Das Eröffnungskonzert von Wien Modern am Freitag, 19.30 Uhr, wird dann “Mit der Donau” bestritten. So heißt nämlich das Musikstück der Musikerin und Komponistin Pia Palme, das im Wiener Konzerthaus uraufgeführt wird. In Wirklichkeit handle es sich aber um eine Gemeinschaftsarbeit, betont Palme in einem Interview mit dem Music Information Center Austria (mica): Für das Projekt “hat eine Gruppe von Künstler:innen ein Ökosystem – die lebendige Flusslandschaft Donau – in die künstlerische Arbeit integriert”.
Schauplatz der Recherche war der Nationalpark Donau-Auen. “Die Projektgruppe besteht aus der Szenografin Lisa Horvath, den Performer:innen Elie Halonen und Satu Hakamäki, der Sängerin Juliet Fraser, mir als Komponistin und für die Idee verantwortliche Person, und der Donau als lebendige Landschaft. Die Donau war/ist in den gesamten Entstehungsprozess und die künstlerische Arbeit als gleichwertige Partnerin ‘auf Ohrenhöhe’ eingebunden”, so Palme.
“Ich denke in Ökosystemen, wenn ich komponiere.”
Die 1957 geborene Wienerin scheint besonders prädestiniert dafür zu sein, ein Festival, das Neue Musik und Ökosysteme in einen Zusammenhang stellt, zu eröffnen. “Ökosysteme sind Polyphonien. Deshalb ist sind die Komposition und das Arbeiten mit Klang ganz besonders dafür geeignet, Ökosysteme zu untersuchen bzw. ökologisch zu handeln. Komponist:innen sind quasi Expertinnen für Ökosysteme”, sagt sie. “Ich denke in Ökosystemen, wenn ich komponiere.” Das Publikum werde bei der 75-minütigen Aufführung durch das ORF RSO Wien unter der Leitung von Irene Delgado-Jiménez, bei der Rauminstallationen, Projektionen und eine Performance mit Seil-Bondage für ein Gesamterlebnis sorgen werden, Teil dieses “performativen Ökosystems”, das keineswegs ein bloßes Ausführen einer Partitur sei: “Ökosysteme kann man nicht kontrollieren, sie ändern sich dauernd selbst.”
Am 23. November gelangt man im Muth mit Pia Palme an die “Mündung”. Die Uraufführung dieses siebenminütigen Stücks eröffnet einen Abend der Reihe “Zykan+”. Auch hier wird man neuerlich auf Annea Lockwood treffen, die ihre Textpartitur “Water and Memory” beisteuert. Peter Ablingers “CO2 Countdown für eine oder viele Stimmen” wird die Klimabilanz hörbar machen. Dass unsere Ökosysteme im Begriff sind, sich rasant zu ändern, mache ihr aber keine Angst, verrät Pia Palme im mica-Interview: “Wenn wir sterben, dekompostieren wir. Als Komponistin finde ich Dekomposition super, es ist ein Lieblingsthema von mir.”
(S E R V I C E – ; ; t )