Die Radikale Hoffnung: Anna Jermolaewa in Vaduz

Werke, die eigens für diese große Einzelausstellung entstanden sind, und eine Auswahl aus früheren Arbeiten konfrontieren im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz mit den Schwerpunkten im Schaffen von Anna Jermolaewa. Es sind dies die Auseinandersetzung mit Exil und Migration, mit vielfältiger Zeugenschaft und ihre Haltung zu politischen Themen der Gegenwart, die sich im Titel “Radical Hope” offenbart. Die eindrückliche Präsentation ist nun bis 29. März 2027 zu sehen.
Anna Jermolaewa, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion seit 1989 in Wien und ist Professorin an der Linzer Kunstuniversität. Nach zahlreichen Ausstellungen ihrer Werke hat sie Österreich auf der 60. Biennale Venedig im Jahr 2024 vertreten. Mit der dafür geschaffenen Videoinstallation “Rehearsal for Swan Lake” bezog sie sich einerseits auf den Umstand, dass das staatliche Fernsehen bei politischen Umbrüchen in der Sowjetunion tagelang nur Tschaikowskys “Schwanensee” sendete und andererseits auf die Hoffnung auf Wandel, die heute mit einer Schwanensee-Probe verbunden ist. Sie bleibt bestehen: Am Boden liegende Tutus sind auf der neuen Fotoarbeit zu sehen, die den Rundgang im Kunstmuseum Liechtenstein eröffnet. Es scheint, als ob die Tänzerinnen gleich zurückkehren und weiterproben.
Schönes, das unter widrigen Umständen geschaffen wurde
Die enorme Erzählkraft dieser Ausstellung bündelt sich im erstmals präsentierten “Museum der radikalen Hoffnung”, wie Anna Jermolaewa ihre Sammlung von kleinen Gegenständen nennt, die von Häftlingen geschaffen wurden, die in sowjetischen Militärfabriken Zwangsarbeit leisteten. Dort haben sie oft mit Acrylkunststoff hantiert, den sie in kleinen Mengen nach draußen schmuggelten, um daraus unter widrigen Umständen Gebrauchsgegenstände wie Kämme sowie Schmuckstücke, Skulpturen und Dekorelemente zu schaffen. Je mehr sie sich damit beschäftigt hat, desto mehr unterstreiche sie die Thesen von Jonathan Lear, der in seinem Buch “Radikale Hoffnung” beschreibt, wie Menschen mit Verlusten umgehen können, erklärt Anna Jermolaewa im Gespräch mit der APA: “Ich kann sagen, dass der Ausstellungstitel ,Radical Hope’ für jede der vertretenen Arbeiten passt.”
Objekte, die Zeugenschaft liefern
Als der Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) vor den Nazis fliehen musste, blieb seine kostbare Spielzeugsammlung zurück. Mit historischen Fotos wird eine Vorstellung von dieser Sammlung ermöglicht, die ein Bild von einer Möbelgarnitur enthält, das Benjamin konkret als Werk von Gefangenen in Sibirien beschriftete. Der von Jermolaewa erstellte große Nachbau konfrontiert mit der einst geleisteten Feinarbeit. Zeugenschaft liefert auch jene Reihe von Pigmentdrucken ab, auf denen alte, skulpturhafte Rebholzstücke zu sehen sind, die die Künstlerin zuletzt vor wenigen Monaten auf der sogenannten “F”-Route zwischen Frankreich und Spanien sammelte, auf dem Weg, den die Fluchthelferin Lisa Fittko mit Walter Benjamin und weiteren bedrohten Menschen ging.
Die eigene Rettung dokumentiert Anna Jermolaewa durch die in einer Videoarbeit festgehaltene Begegnung mit ihrer Helferin Aleksandra Wysokińska jeweils 20 und 35 Jahre nach der Flucht. Bei ihren Besuchen in Krakau und später in Paris habe sie ihr ermöglicht, sich an Einzelheiten zu erinnern, die ihr aufgrund der dramatischen Ereignisse nicht mehr präsent waren. Für die junge Mitbegründerin einer Oppositionspartei bestand trotz Glasnost und Perestroika die Gefahr der Inhaftierung. Wysokińska lotste Jermolaewa und ihren Partner über Polen in einer Gruppe von Shoppingtouristen nach Wien. Der Verbleib in Österreich war alles andere als gesichert. In einer Pension im burgenländischen Jennersdorf musste sie einige Monate in Ungewissheit ausharren. Die Jukebox, die dort unbenützt stand, weil die Geflüchteten kein Geld hatten, hat Anna Jermolaewa vor einiger Zeit erworben. Sie konnte somit daraus erstmals Musik hören und lässt die Besucher in Vaduz nun daran teilhaben.
Mit der Zerstörung der Lebensräume von Tieren hat sich Jermolaewa in Arbeiten wie “Chernobyl Safari” beschäftigt, die 2023 im Kunsthaus Bregenz zu sehen war. In der Aquarell-Serie “Last Seen Since 1970” zeigt sie 54 Tiere, die seit ihrem eigenen Geburtsjahr als ausgestorben gelten. So etwa eine Schildkröten- eine Leoparden- oder eine Frettchenart. Es sind ungemein suggestive Aquarelle auf Büttenpapier, die mitunter auf der Basis gefundener Skelette entstanden sind und durch die Reihung im Raum Verletzlichkeit und besondere Schönheit vermitteln. “Das bin ich den Tieren schuldig”, sagt die Künstlerin, die auf der Insel Jersey zudem ein Video über vom Aussterben bedrohte Tiere in einer Einrichtung des Naturschützers Gerald Durrell drehte.
Vertrauen auf die Kraft der Kunst
Die letzte Sequenz ihrer 1996 begonnenen Serie “Five Year Plan” musste sie drehen lassen. Nach St. Petersburg reist sie nicht mehr, die Gefahr einer Festnahme ist zu groß: “Ich habe mich so oft gegen Putin geäußert”. Auf dem Video ist die jeweils im Abstand von fünf Jahren von derselben Perspektive aus gedrehte Fahrt von Passagieren auf der langen Rolltreppe einer U-Bahn-Station zu sehen. Es ist eine Zufallsgruppe, die ein Alltagsgeschehen damals und heute zeigt. Die Wahrnehmung eines Aufbruchs obliegt der individuellen Interpretation.
Mit den Werken von Anna Jermolaewa erzählt das Kunstmuseum Liechtenstein von der Hoffnung in existenziellen Krisen. Zu sehen ist eine ungemein politische, inhaltsreiche Ausstellung mit einem bestens erfahrbaren Vertrauen auf die Kraft der Kunst.
(Von Christa Dietrich/APA)
(S E R V I C E – “Radical Hope”, Ausstellung mit Werken von Anna Jermolaewa im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz. Geöffnet vom 30. Oktober bis 29. März 2027: )