„Popwunderkind“ Oskar Haag: „Meine Freunde haben mich alle nur verarscht“

Interview. Musiker Oskar Haag spricht über seinen frühen Erfolg, den Schulabbruch und die Begegnung mit Pete Doherty in Feldkirch. Am Samstag gastiert er im Dornbirner Spielboden.
Sie waren gerade einmal 15 Jahre alt, als Sie 2021 beim Wiener Popfest Ihr erstes Konzert gaben. Wie kam es dazu?
Oskar Haag: Das war riesengroßes Glück. Fritz Ostermayer hat einen Song von mir in seiner FM4-Sendung „Im Sumpf“ gespielt. Das haben die richtigen Leute gehört, und ich wurde zum Popfest eingeladen. Natürlich schreibt sich das in der Presse gut, wenn ein 15-Jähriger dort sein allererstes Konzert gibt. Das ist dann alles sofort explodiert.

Seither werden Sie als Wunderkind gefeiert. Kann einem diese Aufmerksamkeit auch zu viel werden?
Haag: Es gibt Momente, in denen man den Druck sehr spürt und sich fragt, ob man den Erwartungen gerecht werden kann. Irgendwann habe ich das akzeptiert. Das hilft. Inzwischen kann ich ganz gut damit umgehen. Aber wenn schon in jungen Jahren so viele Augen und Ohren auf einen gerichtet sind, kann das einiges mit einem machen.

Ihr Vater Oliver Welter ist Sänger von Naked Lunch, Ihre Mutter Masken- und Kostümbildnerin. Sind Sie gewissermaßen in den Familienbetrieb eingestiegen?
Haag: (Lacht) Das kann man so sagen. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, dass meine Eltern beide von ihrer Kunst leben können. Wie ungewöhnlich das ist, habe ich erst spät verstanden. Diese Normalität hat mir später geholfen, Entscheidungen zu treffen, etwa die Schule abzubrechen und Musik zu machen. Ich wusste einfach, dass das möglich ist.
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Der Schulabbruch ist ein Motiv auf Ihrem neuen Album „Lost Cause“. Möchten Sie davon erzählen?
Haag: Schule war einfach nichts für mich. Manche Lehrer fanden mich cool, andere wurden richtig gehässig, wenn ich in ihren Fächern schlecht war. Ich habe beispielsweise nicht verstanden, warum ich mich für Chemie interessieren muss, wenn mich das überhaupt nicht interessiert. Manche Lehrer haben das persönlich genommen und Dinge gesagt, die man einem Kind nicht sagen sollte.
Wie entstehen Ihre Lieder? Setzen Sie sich regelmäßig zum Schreiben hin oder warten Sie auf die Inspiration?
Haag: Was Kreativität angeht, bin ich sehr spontan. Wenn ich mich dazu zwinge, kommt meistens nur Blödsinn heraus. Es kann passieren, dass ich zwei Monate lang kein Lied schreibe und im nächsten Monat plötzlich 20.

Neben der Musik sind Sie auch Schauspieler. Wie fügt sich das zusammen?
Haag: Natürlich gibt es beim Schauspiel andere Rahmenbedingungen. Man hat ein Skript, eine Rolle und Regisseurinnen oder Regisseure, die bestimmte Vorstellungen haben. In meiner Musik habe ich keine Vorgaben. Aber die grundsätzliche Herangehensweise ist dieselbe: Ich verlasse mich auf mein Gespür und mein Bauchgefühl. Dabei habe ich das Schauspiel genauso wenig gelernt, wie man Gitarre spielt oder Songs produziert. Ich mach das alles aus mir heraus.
Wann standen Sie zum ersten Mal auf einer Bühne?
Haag: Daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Aber immer, wenn man bei einer Produktion, bei der meine Mutter mitgearbeitet hat, ein Kind gebraucht hat, war ich sofort dabei.

Für Ihre Rolle im Spielfilm „Mila/Marija“ haben Sie Slowenisch gelernt. Hat das Ihren Blick auf Kärnten verändert?
Haag: Das Slowenischlernen war sehr spannend. Meine Urgroßmutter hat noch Kärntner Slowenisch gesprochen. In unserer Familie ist die Sprache aus offensichtlichen Gründen verloren gegangen. Meine Sicht auf Kärnten war vorher schon ähnlich. Ich wusste, wie das Thema der Kärntner Slowenen oft unter den Tisch gekehrt wird und so getan wird, als gäbe es kein Problem. Darüber war ich schon vorher wütend. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema hat sich meine Meinung nicht grundsätzlich verändert, aber mein Frust ist größer geworden. Kärnten ist schwierig. Es ist wunderschön und irgendwie meine Heimat. Gleichzeitig bin ich mit 17 weggezogen, weil ich es dort nicht mehr ausgehalten habe.
Wie viel Freiheit haben Ihnen Ihre Eltern bei Ihrer künstlerischen Entwicklung gelassen?
Haag: Sehr viel. Meine Schwester wollte beispielsweise nicht beim Theater mitmachen, und das war vollkommen in Ordnung. Wenn ich tanzen wollte, durfte ich tanzen. Wenn ich Tennis spielen wollte, hätte ich Tennis spielen können. Als ich eine Gitarre wollte, sollte ich zunächst die alte nehmen, die irgendwo herumlag. Erst als klar war, dass ich wirklich dabeibleiben wollte, hätte ich eine bessere bekommen. Sie haben uns nie zu etwas gedrängt.
Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann einen anderen Beruf auszuüben?
Haag: Ich muss Musik machen. Allein der Gedanke, etwas anderes zu tun, ist schrecklich.
Sie wurden mit Ihrer Hip-Hop-Gruppe sogar österreichischer Jugendstaatsmeister. Was ist davon geblieben?
Haag: Vor allem die Liebe zum Hip-Hop. Ich bin ein riesiger Fan, sowohl der Musik als auch des Tanzes. Das hört man meiner eigenen Musik vielleicht nicht unmittelbar an. Aber beim Hip-Hop-Tanzen geht es sehr stark um Intuition und Improvisation. Man studiert nicht unbedingt Choreografien ein, sondern lässt sich von der Musik leiten. Dass ich das so früh und intensiv gemacht habe, hat mir sehr geholfen.

Heuer standen beim Poolbar-Festival in Feldkirch als Vorband der Babyshambles auf der Bühne. Wie kam es dazu?
Haag: Ich hatte im April in Wales gespielt und dort jemanden kennengelernt, der meine Musik offenbar dem Management der Babyshambles weitergeleitet hat. Daraufhin hat die Band angefragt, ob ich bei ihrem Konzert im Poolbar-Festival als Support auftreten möchte. Pete Doherty hat sich dann mein ganzes Konzert von der Seitenbühne aus angesehen. Nach dem Auftritt waren wir lange gemeinsam im Backstagebereich. Die Gitarre wurde herumgereicht, wir haben Beatles-Lieder gesungen und hatten eine fantastische Zeit.

Und daraus wurde gleich noch ein zweiter Auftritt?
Haag: Die Band hat erzählt, dass sie am nächsten Tag in der Wiener Arena spielt. Ich habe gesagt, dass wir ebenfalls nach Wien fahren. Zuerst haben sie mich gefragt, ob ich wieder vorbeikommen möchte. Beim Verabschieden hat Pete Doherty dann gesagt: Wenn ich ohnehin komme, warum spiele ich nicht gleich noch einmal? Ich müsste auch nichts mitbringen, sondern könnte einfach seine akustische Gitarre verwenden. Da habe ich natürlich nicht Nein gesagt. Wenn Pete Doherty dich persönlich einlädt, am nächsten Tag wieder vor ihm zu spielen, dann machst du das einfach. Das war eine unglaublich lustige Erfahrung.

Die Rockmusik hat eine lange Tradition der Selbstzerstörung. Wie schützen Sie sich davor?
Haag: Ich glaube, es hilft sehr, dass ich neben meinen Freunden aus der Musikbranche auch meine alten Freunde aus Klagenfurt habe. Die kenne ich schon ewig. Sie haben mit der Kunstbranche überhaupt nichts zu tun und studieren beispielsweise an der Wirtschaftsuniversität. Solche Leute können einen in die Realität zurückholen. Wenn man ihnen erzählt, wie viel man auf irgendwelchen Festivals getrunken hat, sagen sie einem auch einmal: Trink weniger. Oder: Komm ein bisschen zur Ruhe. Kriegst du das alles noch hin? Als diese ganze Geschichte mit dem Popwunderkind angefangen hat, haben mich meine Freunde damit ständig nur verarscht. Die Hälfte hatte mich im Handy als „Popwunderkind“ eingespeichert. Das war fantastisch. Es ist unglaublich wichtig, solche Menschen um sich zu haben.
Oskar Haag und Band spielen diesen Samstag, am 31. Oktober, im Dornbirner Spielboden. Beginn: 20.30 Uhr.