Die Vaginafliegerin: Künstlerhaus würdigt Linda Christanell

05.11.2026 • 13:11 Uhr
Die Vaginafliegerin: Künstlerhaus würdigt Linda Christanell

Einer “bisher übersehenen Pionierin” (so Kuratorin Rhea Tebbich) widmet das Wiener Künstlerhaus seine erste Personale seit dem Wiedereinzug im Jahr 2020: Linda Christanell habe “ein unglaublich spannendes Werk, das bisher viel zu wenig zu sehen war”, erklärte Günther Oberhollenzer am Donnerstag bei der Presseführung zur Ausstellung “Die Gaben der Göttin”, die ihm “ein Herzensanliegen” gewesen sei.

Christanell, 1939 in Wien geboren, zählt zu den Protagonistinnen jener feministischen Avantgarde, deren Wiederentdeckung vor einigen Jahren einen Siegeszug durch Museen und Ausstellungshäuser angetreten hat. Ein Großteil ihres Werkes befindet sich im Besitz der Künstlerin, die allerdings durch eine Demenzerkrankung stark beeinträchtigt ist.

Teilweise schlechter Erhaltungszustand

Ihre “traumhafte Wohnung im Heiligenkreuzer Hof” habe sie vor einigen Jahren aufgeben müssen, was nach ihrem Tod mit ihrem Werk geschehen werde, sei “völlig ungeklärt”, berichtete Kurator Berthold Ecker, der gemeinsam mit Rhea Tebbich zwar bei der Zusammenstellung der bisher größten Retrospektive von Christanell aus dem Vollen schöpfen konnte, gleichzeitig aber den schlechten Erhaltungszustand vieler Werkgruppen beklagte. Materialien wie Schaumstoff seien “der Tod für Kunst”. Für die bis 7. Februar laufende Schau habe man auch aus Gründen ungeklärter Rechte nur vorsichtige Säuberungen, aber keine Restaurierungen vornehmen können.

Zu entdecken ist ein vielschichtiges, pointiert feministisches Werk, von frühen Zeichnungen und Malereien der Akademie-Absolventin, die bei Robin Christian Andersen und Herbert Boeckl studierte, aus den 1950er- und 1960er-Jahren über experimentelle Objekt- und Textilarbeiten (die der Ausstellung auch ihren Titel geben) bis hin zu Fotografien, Dokumentationen von Performances und jenen Arbeiten, die sie als Teil der heimischen Filmavantgarde ausweisen.

Kooperation mit dem Filmmuseum

Bisher weitgehend unbekanntes Filmmaterial, das in Kooperation mit dem Filmmuseum restauriert wurde, ist in einem Raum der Ausstellung zu sehen. Zudem lädt das Filmmuseum an mehreren Tagen (etwa am 11. November sowie am 14., 15., 28. und 29. Jänner) zu Programmen, in denen 16mm- und Super-8-Originale aus Christanells Archiv zu sehen sind. “Ihre poetischen Versuchsanordnungen aus Alltagsgegenständen, Mode, Fetischen und Körperpolitik markieren Meilensteine des österreichischen Avantgardefilms”, heißt es dazu.

In der Ausstellung wird aber auch ihre enge Zusammenarbeit mit Kolleginnen, die ihre Befassung mit Themen wie Körper, Blick und Identität immer auch politisch begriffen, sichtbar. Von 1976 bis 1978 arbeitete sie mit Renate Bertlmann als BC-Kollektiv, mit Karin Mack und Margot Pilz schuf sie die monumentale Fotoserie “Wir über uns” (1978-1981), die Ecker als eines der Schlüsselwerke der feministischen Avantgarde bezeichnete.

“Vaginaflieger”

Christanells Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die sich etwa in der Werkgruppe “Vaginaflieger” äußerte, wird in der Ausstellung aber nicht nur durch Werke von Wegbegleiterinnen, sondern auch mit Arbeiten von Künstlerinnen nachfolgender Generationen ergänzt. Arbeiten von Gudrun Kampl, Andrea Freiberger, Claudia-Maria Luenig und anderen zeigen die ungebrochene Aktualität der Themen, die Christanell bearbeitete.

(S E R V I C E – Ausstellung “Linda Christanell – Die Gaben der Göttin” im Künstlerhaus, Karlsplatz 5, 1010 Wien von 7. November bis 7. Februar 2027. Mo bis So 10-18 Uhr. )