Die Widerständige: Das Belvedere würdigt Erna Rosenstein
Polens Nachkriegsavantgarde ist bunt, vielfältig – und hierzulande weitgehend unbekannt. Dies gilt auch für das Œuvre von Erna Rosenstein. Die 1913 im damals zum Habsburgerreich gehörenden Lemberg geborene Holocaustüberlebende schuf ein vielgestaltiges bildnerisches Werk, das von lyrischen Arbeiten und politischem Aktivismus flankiert wurde. Das Untere Belvedere würdigt die 2004 mit 91 Jahren verstorbene Rosenstein nun mit ihrer ersten Retrospektive in Österreich.
“Wer ist Erna Rosenstein?”, warf am Donnerstag Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig die Grundfrage der Schau auf. Dass die Künstlerin bis heute im Kunstbetrieb ihren Platz sucht, liegt zum einen an ihrer künstlerischen Haltung, die sich nach dem Weltkrieg der Doktrin des sozialistischen Realismus in Polen widersetzte, was zur Marginalisierung in ihrer Heimat führte. “Erna Rosenstein stand für eine Autonomie der Kunst ein”, betonte Kuratorin Stephanie Auer.
Zum anderen fokussierte sich die Malerin nie auf einen Stil, sondern blieb zeit ihres Lebens im Fluss auf der Suche nach ihrer Ausdrucksform. “Sie hat sich nie auf einen Stil festlegen lassen”, umriss Rollig Rosensteins Arbeiten. Dieser Pluralismus spiegelt eine von Brüchen und Neubeginnen geprägte Biografie.
“Eine Mutmacherin”
In Teenagerjahren nach der Ermordung der Eltern zur Waise geworden, die Shoah im Untergrund überlebend und doch stets mit dem Antisemitismus als Damoklesschwert über sich, eckte Rosenstein auch mit den Machthabern im kommunistischen Polen an. Und doch schuf sie über 60 Jahre lang Werke in ihrem Gestus. “Sie ist eine Mutmacherin”, würdigte Rollig diese Lebenshaltung, die auch heute dazu gemahne, aktiv zu bleiben und den Kampfgeist zu bewahren.
Wie sehr sich Rosensteins Stilistik über die Jahrzehnte stets im Werden und nie im Sein befand, sich nicht in ein starres Korsett pressen ließ, zeigen die 80 Arbeiten der Schau. Die Werke aus den 50ern sind noch klar dem Surrealismus verpflichtet, was sich zusehends in collageartige, buntere Arbeiten wandelt, bis in den 80ern die Gegenständlichkeit beinahe vollständig verlassen wird. Aus diesen Jahren stammen auch gezeigte Assemblagen, kleine Installationen, dreidimensionale Collagen, die immer wieder Rosensteins Humor verdeutlichen, wenn etwa ein alter Wählapparat mit Gänsefüßen ausstaffiert wird.
“Jenseits der Stille” ist eine Schau der Dichotomie – Verfolgung steht neben Aufbegehren, Verlust neben Lebenskraft, Trauer neben unbändiger Lebensfreude, biografische Aufarbeitung des Verlusts der Eltern neben politischem Aktivismus. Bei Rosenstein haben Traum und Traumata Platz, der leichte Gestus neben der Schwere der Weltgeschichte.
Was sich nicht in der Schau findet, sind indes Dokumente aus jenen zwei Jahren Anfang der 1930er-Jahre, in denen Rosenstein zwei Jahre zum Studium in Wien weilte, wurden diese doch in den Wirren des Krieges zerstört. Überhaupt findet sich in den Sammlungen des Belvederes keine Arbeit von Rosenstein, wie Stella Rollig bedauerte: “Und mittlerweile sind die Werke in einer Preisklasse, die es für uns nicht leicht macht, diesen Umstand zu ändern.”
(S E R V I C E – “Erna Rosenstein. Jenseits der Stille” von 3. Juli bis 10. Jänner 2027 im Unteren Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien. Dazu erschienen “Erna Rosenstein. Jenseits der Stille”, hrsg. von Stella Rollig und Stephanie Auer, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König Köln, 312 Seiten, 34,90 Euro. )