Düster: Sibylle Bergs Roman “RCE. #RemoteCodeExecution”

04.05.2022 • 07:37 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Düster: Sibylle Bergs Roman "RCE. #RemoteCodeExecution"

Unter dem Titel “RCE” legt die in Zürich lebende Autorin Sibylle Berg den zweiten Band ihrer Romantrilogie vor. Einmal mehr zeichnet sie ein düsteres Bild unserer Welt. Die drei Buchstaben stehen für “RemoteCodeExecution” und deuten an, dass nach dem erfolgreichen Roman “GRM” abermals die digitalen Technologien im Zentrum stehen.

Entlang der sozialen Verwerfungen, die Überwachung, Ungleichheit und Öko-Katastrophe erzeugen, erzählt Berg, wie ein paar kreative Hacker den letzten Versuch unternehmen, die Welt zu retten. Den großen Plan verwirklichen sie, indem sie ein globales RCE-Netzwerk aufbauen, das ihnen erlaubt, auf beliebige Computer zuzugreifen und sie zu manipulieren – im Übrigen vom Tessiner Centovalli aus. Nach dem umstürzenden “Ereignis”, auf das der Roman zusteuert, soll alles anders werden.

Zwischen märchenhaftem Idealismus und bitterbösem Sarkasmus entwirft die Autorin eine ebenso technoide wie rabenschwarze Szenerie. Vieles, etwa das beklemmende “Internet of bodies” mag dabei futuristisch wirken, doch die Autorin beweist wie im Vorgängerroman ein feines Gespür für wegweisende Szenarien, in der unsere Gegenwart gut erkennbar bleibt.

“RCE” erzählt “GRM” – wofür Berg 2019 den Schweizer Buchpreis erhalten hat – mit Verve weiter. Die Welt präsentiert sich als libertäres Schein-Paradies, in dem die natürlichen Ressourcen privatisiert sind, der Reichtum steuerbefreit ist, sich niemand um Ökologie kümmert und die einfachen Menschen Arbeit, Wohnung, Recht und Würde verlieren. Sie bleiben Spielfiguren, die mal persönliche Züge erhalten, mal zu Karikaturen verzerrt werden.

Der fast 700-seitige Roman pendelt zwischen hitziger Erregung und kühler Sachlichkeit. Zuweilen ermüdet die aufzählende Erzählweise etwas, doch immer wieder blitzt Sibylle Bergs Idealismus durch, der das Buch unterschwellig trägt. Sie öffnet die Pandora-Büchse der Krisen und Katastrophen und rührt damit an unsere Ängste und mulmigen Gefühle. Wozu die Rebellion übrigens schließlich führt, lässt “RCE” mit einem “Fortsetzung folgt” für den dritten Teil offen.

(S E R V I C E – Sibylle Berg: “RCE. #RemoteCodeExecution”. Kiepenheuer & Witsch, 698 Seiten, 27 Euro)

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