Fünf Tage ganz ohne Display: Im Offline Dorf wieder Mensch sein

Vom 28. Juni bis 3. Juli 2026 schließen 25 Menschen in Tirol ihre Smartphones weg. Linda Meixner vom Offline Institute will zeigen, wie sich Zeit und Beziehungen anfühlen, wenn diese ständige Unterbrechung wegfällt.
Linda Meixner hat ihr Smartphone selbst 66 Tage lang weggelegt. Nicht als Trend, sondern als Teil ihrer Masterarbeit und als Versuch, wieder herauszufinden, „Wer bin ich wirklich als Mensch und was macht es mit mir, wenn ich auf dieses Gerät verzichte?“ Aus dieser Erfahrung entstand das Offline Institute, nun folgt im Sommer das nächste „Offline Dorf“.
Meixner spricht von einem gesellschaftlichen Momentum. Was sie vor sechs Jahren recherchiert und beschrieben habe, sei heute „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“. Sie verweist auf Debatten rund um Social Media und Jugendliche, auf Initiativen wie „Smartphone Free Childhood“ in Großbritannien und auf Diskussionen in Österreich, die zuletzt noch lauter geworden sind. Aus ihrer Sicht ist das Thema längst nicht mehr Nische, sondern Teil des Alltags.

Mit guten Gefühl offline
Im Gespräch mit der NEUE am Sonntag macht Meixner klar, worum es ihr geht: nicht um ein Statement gegen, sondern um das Verhältnis zur Technik. „Ich bin absolut kein Technikfeind“, sagt die ehemalige Content Creatorin. Ein Smartphone sei „smart für uns als Mensch, als Technik, wenn wir sie smart nutzen“. Gleichzeitig seien die Räume, in denen Menschen „mit einem guten Gefühl ungehindert offline sein können“, seltener geworden. Diese Räume wolle sie wieder „erhalten, schützen, erschaffen“.

Monate am Smartphone, Für Meixner ist die große Zahl nicht nur die Bildschirmzeit, sondern das, was sie symbolisiert. Sie rechnet es in Lebenszeit um: mehrere Monate pro Jahr, die am Gerät vergehen können. Ihr zentraler Punkt ist die fragmentierte Aufmerksamkeit. Jedes „Ping“ zerlege den Fokus, und mit ihm die Präsenz im Hier und Jetzt. Das treffe Beziehungen besonders stark. Gemeinschaft, „Menschsein-Zeit“ und sozialer Austausch würden in Zukunft noch wertvoller, sagt sie. Verbote und einzelne Experimente seien zwar ein Schutz und wichtig, aber aus ihrer Sicht nicht die ganze Antwort. Sie spricht von Symptombekämpfung und fordert, früher anzusetzen, etwa in der Gesundheitsförderung und mit Angeboten, die soziale Kompetenz, Kreativität und Bewegung stärken.
Angst, etwas zu verpassen
Das „Offline Dorf“ soll dafür ein konkreter Rahmen sein. Von 28. Juni bis 3. Juli 2026 verbringen 25 Teilnehmende fünf Nächte im Holzgauer Haus in den Tiroler Bergen auf 1500 Metern Seehöhe ohne Smartphone. Das Programm ist organisiert, es gibt Bewegung, Natur, Gespräche, Struktur. Ein wichtiger Unterschied zum spontanen Selbstversuch: Die Vorbereitung beginnt schon rund zehn Tage vor der Anreise, damit der Schritt nicht „von 100 auf Null“ passiert. Teil davon ist auch, das Umfeld zu informieren, denn viele kennen den Druck, erreichbar sein zu müssen, und die Angst, etwas zu verpassen. Über diese sogenannte „FOMO“ (Fear of Missing Out) sagt Meixner, solche Ängste würden gezielt abgefedert.

Auch Künstliche Intelligenz ordnet Meixner in diese Entwicklung ein. Sie beobachte eine Verschiebung von der Aufmerksamkeitsökonomie hin zu einer „Bindungsökonomie“, in der Nähe und Beziehung wirtschaftlich verwertbar werden könnten. Besonders kritisch sieht sie die Vorstellung, „dass wir jetzt praktisch alle einen kleinen Psychologen in unserer Hosentasche“ haben. Gleichzeitig betont sie das Potenzial, wenn KI Aufgaben abnimmt und dadurch wieder Zeit frei wird. Entscheidend sei, „dass wir die Geräte nutzen und nicht andersherum“.

Für jeden etwas
Die Frage, ob ein mehrtägiges Retreat ein Angebot für Privilegierte sei, kennt Meixner. Sie verweist auf weitere Formate mit niedrigerer Einstiegsschwelle und auf Pläne für einen Verein, weil sich viele melden würden, die mitarbeiten wollen. Zudem setzt sie auf Kooperationen und Corporate-Formate, damit das Thema breiter wirksam wird. Nicht nur einzelne sollen profitieren, sondern Strukturen sollen sich ändern.
Dass der Beitrag am Weltfrauentag erscheint, führt im Gespräch zu einer zusätzlichen Perspektive. Meixner will nicht pauschal über „Social Media für Frauen“ urteilen, verweist aber auf die Datenlage: Junge Frauen seien oft stärker beim Thema Körperbild, Vergleich und Aussehensdruck betroffen. Gleichzeitig betont sie eine andere Seite, die in der Debatte häufig untergeht: Social Media sei auch ein Feld „von einem weiblichen Unternehmertum“, in dem viele Frauen als Unternehmerinnen agieren.

Das Offline Dorf ist für Meixner am Ende kein Rückzug aus der Gegenwart, sondern ein Trainingsraum für sie. Nicht zurück in eine Welt ohne Smartphones, sondern hin zu einem Alltag, in dem Aufmerksamkeit und Beziehungen wieder mehr Platz bekommen.