“Ein Nobody gegen Putin”: Erschütterndes Dokument

Fast hätte der russische Lehrer Pavel Talankin seinen Job aufgegeben, weil er es nicht mehr aushielt, den Kindern seit Beginn des Ukrainekriegs Regierungspropaganda eintrichtern zu müssen. Doch dann kontaktierte ihn ein westlicher Filmemacher und schlug ihm vor, seine Beobachtungen zu dokumentieren. So filmte Talankin zwei Jahre lang, wie der Staat seine Schulkinder auf den Krieg einschwört. Am 2. Oktober läuft das oscargekrönte Dokument nun exklusiv im Wiener Stadtkino.
Dabei kam es Talankin bei “Ein Nobody gegen Putin” zugute, dass er der Videobeauftragte in seiner Schule in der russischen Kleinstadt Karabach im Ural war. Er filmte, wie die Kinder lernten, im Gleichschritt zu marschieren. Er filmte einen Wettbewerb im Granatenwerfen und Unterrichtsstunden, in denen die Ukrainer als Neonazis bezeichnet wurden.
Schulbesuch von Wagner-Söldnern
Bei einem Schulbesuch von Wagner-Söldnern bekamen die Kinder verschiedene Waffentypen erklärt und wurden mit militärischen Überlebenstipps bedacht. “Macht den Helm nicht unterm Kinn zu. Wenn Ihr einen Kopfschuss bekommt, bricht es Euch das Genick”, erklärte da ein Uniformierter vor einer Klasse mit betreten schauenden Jugendlichen.
Irgendwann wurde Talankin klar, dass er nicht mehr bleiben konnte. Er verließ seine Heimat, seine Mutter und Geschwister und schaffte es bis nach Prag. Im Gepäck hatte er sieben Festplatten mit stundenlangen Aufnahmen, die auf erschreckende Weise deutlich machen, wie sehr die nächste Generation in Russland bereits manipuliert wird.
Premiere auf dem Sundance Festival
Der US-dänische Filmemacher David Borenstein, der Talankin kontaktiert hatte, verarbeitete dieses Material zu einem Dokumentarfilm mit dem Titel “Mr. Nobody against Putin”, der auf dem legendären Sundance Festival in den USA Premiere feierte und im Vorjahr als bester Dokumentarfilm einen Oscar erhielt.
Talankin weiß, dass er nun nicht mehr so leicht nach Russland zurückgehen kann. “Ich bin dort zur unerwünschten Person erklärt worden”, sagt der 34-Jährige im AFP-Gespräch. Dennoch bereut er seine Aktion nicht. “Ich würde es wieder machen”, erklärt er. “Es war ein riesiges Opfer für ihn”, sagt auch Regisseur Borenstein. Er war erleichtert, dass die Premiere des Films von der Kritik gut aufgenommen wurde.
Ohne Gas “werden die Franzosen auf Pferden reiten”
“Der Film zeigt die verdeckte Seite der Propaganda in Russland, wo schon kleine Kinder im Visier sind”, sagt Alexandra Fechner, die den Dokumentarfilm in Frankreich vertreibt. “Für sie wird die Geschichte umgeschrieben, und man gibt ihnen Waffen in die Hand”, fügt sie hinzu. Dabei hat der Film durchaus auch komische Momente. In einer Szene erklärt ein Geschichtslehrer den Kindern, dass Europäer bald nicht mehr in der Lage sein würden, Gas zu kaufen. “Die Franzosen werden dann auf Pferden reiten müssen, wie die drei Musketiere”, erklärt er ihnen.
Auch der russische Präsident Wladimir Putin kommt in dem Film zu Wort: “Nicht Befehlshaber gewinnen Kriege, sondern Lehrer”, sagt Putin. Deutlicher lässt sich das russische Interesse an der Indoktrination der Schulkinder nicht beschreiben.
(Von Anna Smolchenko/AFP)
(S E R V I C E – )