Eine Pionierin: Künstlerin Margot Pilz feiert 85. Geburtstag

21.09.2021 • 03:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Eine Pionierin: Künstlerin Margot Pilz feiert 85. Geburtstag

So möchte man mit 85 beisammen sein! Heute, Dienstag, feiert die Foto-, Medien- und Konzeptkünstlerin Margot Pilz ihren 85. Geburtstag und steckt voller Energie. Wenn sie nicht gerade in ihrem Sommerdomizil am Donau-Oder-Kanal an Keramiken arbeitet, die ab 24. in der Klagenfurter Galerie3 erstmals zu sehen sein werden, bespricht sie mit dem Team der Kunsthalle Krems ihre kommende Ausstellung. Oder empfängt die APA in ihrer Wohnung in Wien-Hernals zum Geburtstagsinterview.

Unwillkürlich denkt man bei der Begegnung mit der springlebendigen Künstlerin mit dem pfiffigen Haarschnitt und der modischen Brille ein wenig an Maria Lassnig, deren Karriere spät durchgestartet ist und die heute als Malerin von Weltrang gilt. Vor dem Sommer ist eine wunderbare Biografie erschienen, in der die Kunstjournalistin Nina Schedlmayer die abenteuerliche Lebens- und Werkgeschichte der gebürtigen Niederländerin erzählt, die als Kind mit den Eltern in Indonesien lebte und dort im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Mutter von der neuen Besatzungsmacht Japan jahrelang interniert wurde – ein traumatisches Erlebnis, das sie viel später künstlerisch aufgearbeitet hat. „Meine Mutter hat das alles viel tiefer und dauerhafter verletzt als mich. Die hat nichts Japanisches mehr gekauft. Ich habe aber keinen Hass mehr. Es ist ja eine tolle Kultur, die japanische Raku-Technik verwende ich in meiner Keramik.“

Die Vorgeschichte des Buches sei in der Ausstellung „Die Kraft des Alters“ im Belvedere zu suchen, wo man auf sie aufmerksam wurde, erzählt die seit 1954 in Österreich lebende Künstlerin. Dort war sie mit einem großformatigen farbigen Foto vertreten, das vieles über sie aussagt: Auf dem Selbstporträt stemmt sie lachend Hanteln und zeigt dabei Muskeln. Soviel Selbstbewusstsein hatte sie nicht immer. Lange traute sich die ausgebildete Fotografin, die zunächst in der Werbebranche reüssierte, nicht zu, als Künstlerin zu arbeiten. „Ich habe Kunst so hoch geschätzt, dass ich mir gedacht habe: Das kannst du nie!“

Erst durch den feministischen Aufbruch der 1970er, bei dem sie im Zuge einer Verhaftung beim dritten Frauenfest 1978 radikalisiert wurde, bekam sie genügend Antrieb, ihre Arbeit auch als künstlerisch zu verstehen. Heute sind Ausstellungen wie jene, die im Belvedere 21 derzeit unter dem Titel „Avantgarde und Gegenwart“ einen Überblick über die Sammlung des Belvedere gibt, oder jene im Linzer Lentos, die ab 24. September feministische Avantgarde aus der Sammlung Verbund zeigt, ohne Arbeiten von Margot Pilz unvollständig.

Wie bei Renate Bertlmann, die erst 2019 als 76-Jährige den Österreich-Pavillon bei der Kunstbiennale Venedig bespielen durfte, steht auch Margot Pilz für eine Frauen-Generation des politischen und künstlerischen Aufbruches. „Natürlich waren wir Vorreiterinnen, von denen die heutige Frauen profitiert haben. Wir haben damals viel erreicht. Aber der Kampf geht weiter“, zeigt sie sich überzeugt. „Ich bin total politisch, auch in meiner Kunst. Dazu stehe ich.“ Im Vorjahr wurde ihr aus Lein- und Tischtüchern zusammengeflicktes „Hausfrauendenkmal“, mit dem sie 1979 beim steirischen herbst an die viele unbezahlte Hausarbeit von Frauen erinnert hatte, am Wiener Karlsplatz erneut aufgebaut. Anders als damals habe man es wegen des grassierenden Vandalismus jede Nacht wieder abbauen und verwahren müssen, erzählt sie enttäuscht.

Am Karlsplatz fand auch jene Kunstaktion statt, die noch heute im Gedächtnis vieler Wienerinnen und Wiener ist – bloß, dass sie von den wenigsten als Kunst, und von noch weniger Menschen als ein Werk von Margot Pilz wahrgenommen wurde: Mit „Kaorle am Karlsplatz“ bespielte sie im Rahmen der Wiener Festwochen 1982 den Teich und den Platz vor der Karlskirche. Sie ließ Tonnen von Sand herankarren, mietete um teures Geld eine Palme und ließ im Wasser einen großen Wal schwimmen, aus dem Walgesänge zu hören waren – eine rundherum visionäre Aktion, die tausende junge Leute begeisterte, Jahrzehnte vor jenen künstlichen „Stadtstränden“, ohne die heutzutage kaum eine Großstadt auszukommen vermag: „Es war der erste Strand überhaupt in einer Stadt.“ Wenn Margot Pilz von den Schwierigkeiten und Widrigkeiten, die ihr Projekt damals begleiteten, spricht und von jenem Brief des Kulturstadtrats Helmut Zilk, ohne den viele bürokratische Hürden nie überwunden worden wären, dann kann sie sich noch immer herrlich aufregen und ist voll dabei. Wie damals, als sie jeden Morgen persönlich den Müll einsammelte und den Sand rechte. „Es ist mein Lieblingsprojekt“, strahlt sie.

In der Kunsthalle Krems wird im Rahmen ihrer kommenden großen Ausstellung „Selbstauslöserin“ in der zentralen Halle „eine ernüchternde neue Version im Wissen um die Zerstörung der Natur realisiert“, wie es Kurator Andreas Hoffer formuliert. Der Strand der neuen Kaorle-Installation besteht „nicht aus Sand, sondern aus Mikroabfällen und Plastikmüll“. Margot Pilz hat in ihrer Kunst nicht nur die mangelnde Gleichberechtigung der Frau sehr früh thematisiert, sondern auch unsere Ausbeutung der Natur aufgezeigt, als das noch nicht Common Sense war. Dabei war sie keineswegs technikfeindlich, sondern immer lustvoll dabei, mit neuen technische Möglichkeiten zu experimentieren. 1991 baute sie für die Ars Electronica einen Terminal, mit dem man über Umweltthemen kommunizieren konnte. Die Energie für „Delphi digital“ kam dabei über eine Photovoltaikanlage.

Heute zeigt sie in ihrer Hernalser Wohnung auf einem Tablet ihre neuesten Arbeiten, in denen sie sich mit Zukunftstechnologien beschäftigt, dem Umfeld, in dem sich wohl einmal ihre vier Enkel bewegen werden. Ihr Sohn arbeitet als Mediziner in Linz. „Er ist davon überzeugt, dass unser Wesen, unser Sein eines Tages auf einen Chip geladen wird und bestehen bleibt, während wir selbst zugrunde gehen.“ Es wäre nicht Margot Pilz, wenn sie sich dadurch nicht künstlerisch herausgefordert fühlen würde. Digitale Netze legen sich dabei über Selbstporträts, helmartige Ton-Strukturen umschließen ihr Gesicht. „timecapsule“ heißt die Serie, mit der sie ein neues Kapitel ihres Schaffens aufgeschlagen hat. Und sie ist neugierig, wohin sie diese visuelle Zeitreise noch führen wird.