Eva Schlegel lädt im Kunsthaus Graz zum Perspektivenwechsel

In der labilen Situation von Politik und Gesellschaft zählt der Verlust von Orientierung zu den prägenden Erfahrungen der Gegenwart. Die österreichische Künstlerin Eva Schlegel greift dieses Gefühl in ihrer Ausstellung “Falling up” im Kunsthaus Graz auf. Orientierungslosigkeit lässt sich darin auch als eine Chance für einen grundlegenden Perspektivenwechsel begreifen. Die von Katia Huemer kuratierte Schau im Space01 ist bis Ende März 2027 zu sehen.
Aufsteigen oder fallen, oben oder unten, Realität und Schein: Die von Katia Huemer kuratierte Ausstellung mit Werken von Eva Schlegel aus den vergangenen mehr als 30 Jahren fasziniert durch die Aushebelung von herkömmlichen Wahrnehmungsmustern. Reflexionen und Unschärfe sind wesentliche Elemente, Orientierung gerät ins Wanken und scheinbare Grenzen und Gesetzmäßigkeiten werden in Frage gestellt. Das führt immer wieder zur Hinterfragung der eigenen Wahrnehmung und Verortung, schafft aber zugleich eine neue Sicht auf die Dinge und Vorgänge sowie Momente einer Neuorientierung.
Bewegte Spiegelungen
Am Beginn der Ausstellung steht ein Spiegelkunstwerk (“Floating Orbit”, 2026) aus mehreren hochglanzpolierten Stahlringen, das sich langsam um seine eigene Achse dreht. Statt eines vertrauten Spiegelbilds können diese Orbits nur bewegte Fragmente der Umgebung liefern. Mit der Drehung setzt sich unsere Wahrnehmung des umgebenden Raums stetig neu zusammen. Spiegel und das Spiel mit deren Reflexionen sind wiederkehrende Elemente im Werk von Eva Schlegel. Sie werfen die Frage auf, was real ist und was Schein, was enthüllt wird und was verborgen bleibt.
Pigmentdrucke auf Bütten aus den Jahren 2022 und 2026, die verschwommenen Fotos von Architekturmodellen ziehen den Besucher tiefer in den Space01 des Kunsthauses hinein. Schlegel bezeichnet sie als “Liminal spaces”. Sie stellen weniger Architektur als Momente des Dazwischen-Seins, in dem Veränderung geschieht, dar. Der Weg führt die Besucher direkt zu menschengroßen Glasplatten (“O.T”, 1999), die auf den ersten Blick Texte zu zeigen scheinen. Allerdings sind die Schriftzüge so unscharf fotografiert, dass sie nicht mehr lesbar sind und damit die Erwartungen an das Gebotene unterlaufen. Stattdessen rücken Komposition, Struktur, Dichte der Bilder in den Vordergrund.
Zwischen Schwerelosigkeit und Fall
Ein Neuüberdenken des flüchtig Wahrgenommenen drängt sich auch bei den Siebdrucken auf Blei (2009) auf. Sind es Schwebende oder Fallende? Die Leichtigkeit des Fliegens trifft auf die Schwere der Körper und die mitgedachte Erdanziehungskraft. Im hintersten Teil des Saales wird die Installation “In between” (2010) gezeigt. Auf zwei übermannsgroße Rotoren werden Aufnahmen von Menschen aus einem Übungszentrum für freien Fall gezeigt. Dazwischen tauchen Vögel, Wetterballons und Newtons Apfel auf. Ebenso wie Zitate von Astronauten über ihr Erleben der Schwerelosigkeit, dem Verlust der Erdung und der Suche nach festen Bezugspunkten, wenn man sich nicht mehr darauf verlassen kann, was oben und was unten ist.
Zusammenschau
Die Ausstellung bietet insgesamt eine schöne Zusammenschau verschiedener Werkgruppen aus den letzten vier Jahrzehnten und zeigt, wie konsequent Schlegel Fragen nach Wahrnehmung und unserer Beziehung zum Raum verfolgt. In Skulpturen, Fotografie, Video und Bildobjekten fordert sie Sehgewohnheiten heraus und hinter dem vermeintlich Eindeutigen legt sie visuelle und gedankliche Räume frei. Den Abschluss macht die speziell für das Kunsthaus entwickelte monumentale Installation “Bubbles” (2026). Die wolkengleiche Anhäufung aus weißen Wetterballons bildet eine Barriere im Rundgang und zwingt den Besucher, den gemachten Weg durch die Ausstellung wieder zurückzugehen – so verändert sich nochmals der Blick auf die zuvor gesehenen Arbeiten.
Eva Schlegel (geboren 1960 in Hall in Tirol, lebt und arbeitet in Wien) prägt seit den späten 1980er-Jahren die österreichische Gegenwartskunst. Sie vertrat Österreich 1995 auf der Biennale in Venedig, 2011 kuratierte sie den österreichischen Pavillon, den Markus Schinwald künstlerisch bespielte. Von 1997 bis 2006 lehrte sie an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
(S E R V I C E – )