Familiengeschichte aufarbeiten: Gut für Seele und Demokratie

15.09.2026 • 06:00 Uhr
Familiengeschichte aufarbeiten: Gut für Seele und Demokratie

Der Psychotherapeut von Andreas Bönte ist mittlerweile Mitte 80. “Wie geht es Ihnen jetzt eigentlich damit?”, habe ihn der Therapeut kürzlich gefragt. “Und ich habe ihm gesagt: Interessanterweise wesentlich besser als vorher”, berichtet der deutsche Buchautor im APA-Interview mit Blick auf die schockierenden Erkenntnisse zur NS-Täterschaft seiner Familie, die er recherchiert und veröffentlicht hat. Zum Bruch des Familientabus brachte ihn eine psychische Erkrankung.

Nach einem Zusammenbruch wegen Angststörungen hatte sich Bönte Mitte der 1990er Jahre in therapeutische Behandlung begeben. Eine lapidare Bemerkung seines Onkels ließ den damals 37-Jährigen, der als Journalist beim Bayerischen Rundfunk arbeitete, hellhörig werden. Böntes Mutter “würde so eine Therapie nie machen, weil da müsste sie ja zugeben, dass sich unser Vater das Leben genommen hat”, sagte Peter Wiborg dem Zweitgeborenen seiner Schwester, die zeitlebens psychisch belastet gewesen war.

NS-Täterschaft und Suizid des Großvaters

Dorothea Wiborg fand ihren Vater am 20. Dezember 1944 erschossen im Keller des Familienhauses im westdeutschen Rheine. Angesichts der bevorstehenden Niederlage des Regimes wählte der glühende Nationalsozialist und SA-Führer den “Freitod”, wie es in der Sterbeurkunde hieß. Er entging damit auch der Verurteilung für seine Untaten. Peter Wiborg hatte nämlich am 9. November 1938 die Pogromnacht in Rheine organisiert, die nach dem Krieg gerichtlich aufgearbeitet wurde. Wie Bönte berichtet, trafen die Ausschreitungen in der katholischen Stadt nicht nur auf lautstarke Zustimmung, sondern auch auf offene Missbilligung. So bejubelten Bürger die Feuerwehr beim Löscheinsatz der Synagoge. Weil die pflichtbewussten Feuerwehrleute trotz Drucks der Nazis nicht aufhören wollten, zerschnitten Wiborgs Schergen kurzerhand die Wasserschläuche.

Im Zuge seiner Recherchen musste Bönte weitere schmerzhafte Entdeckungen machen, etwa, dass auch seine Großmutter führende Nationalsozialistin war und seine Mutter Dorothea wenige Monate vor Kriegsende noch als Minderjährige der NSDAP beigetreten war. All das schildert er schonungslos und objektiv. Gleichwohl räumt er ein, dass er sich mit der NS-Täterinnenschaft seiner Großmutter und Mutter wesentlich schwerer getan habe als mit jener des Großvaters, den er persönlich nicht kannte.

Doch zwei vermeintlich kleine Gesten kurz vor ihrem Tod im Jahr 2017 reichten Bönte, um diesbezüglich Frieden mit seiner Mutter Dorothea zu schließen. Einerseits die Aussage, dass ihr Vater “ein furchtbarer Antisemit” gewesen sei, und andererseits die Lektüre eines Buches über die Leipziger Familie Ehrlich, die in der Reichspogromnacht ihr Vermögen verloren hatte. “Ich glaube, sie wollte reinen Tisch machen. Und das war für mich eines der versöhnendsten Dinge, die man sich vorstellen kann.”

Neue Hausbesitzerin hat “immer schon gedacht, irgendwas ist da”

Bönte drängte jahrzehntelang auf Informationen zur Familiengeschichte, traf dabei aber auf eine Mauer des Schweigens. Besuche in Rheine seien düster und skurril gewesen. Das Grab seines Großvaters habe man besucht, “aber jede Frage, wer das jetzt eigentlich ist und warum wir da hingehen: Totales Schweigen”. Das Haus der Wiborgs habe den Zweiten Weltkrieg praktisch unbeschadet überstanden, “obwohl diese Stadt wahnsinnig von Bomben übersät worden war”, so Bönte. Im Familienbesitz sei es heute nicht mehr, sondern beherberge eine Arztpraxis. Als die Medizinerin von Bönte erfuhr, “dass sich in dem Haus da drin jemand das Leben genommen hat, war das ein ganz großer Schock”. Aber sie habe “immer schon gedacht, irgendwas ist da”.

Während mütterlicherseits bewusst zugedeckt wurde, sah Böntes Vater schlicht “keinen Wert” in einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Als Wehrmachtssoldat nach dem D-Day in US-Gefangenschaft, kam Bernhard Bönte “als ganz großer Demokrat aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zurück”, interessiert an Jazz und US-Sport. Mit der “brotlosen Kunst” des Journalismus, dem sich Bönte zuwandte, habe sein Vater nichts anfangen können.

“Kaputte Seelen, die in die Zukunft gehen”

Erst der Tod des Onkels im Jahr 2014 machte den Weg für die Aufarbeitung der Familiengeschichte frei. Beim Aufräumen seines Hauses fand Andreas Bönte zwei Kisten mit Dokumenten, und als er ein Jahr später in Pension ging, begann der Journalist eine monatelange Recherchereise. Er durchstöberte Archive, sprach mit Experten und verfasste das mehr als 300-seitige Buch.

Sein Fazit ist so klar wie niederschmetternd. Die große Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust sei, “dass da wirklich Generationen von traumatisierten Menschen auf ihre Kinder losgelassen worden sind”. Diesen psychischen Kriegsschäden widme man sich kaum, genauso wie in aktuellen Konflikten. Was bedeute es etwa für die nächsten Generationen in der Ukraine, Israel oder Palästina, “diese kaputten Seelen, die dann in die Zukunft gehen? Das ist für mich kaum zu ertragen, dieser Gedanke”.

Abrufen von NS-Karteien allein reicht nicht

Wie Bönte im APA-Gespräch berichtet, ist er nun selbst Anlaufstelle für Bekannte, die ihre Familiengeschichte erforschen möchten. Die jüngst von mehreren deutschen Medien wie “Zeit” oder “Spiegel” popularisierten NS-Mitgliederdateien sieht Bönte zwiespältig, aber überwiegend positiv. Es sei gut, dass der Zugang zu Karteien erleichtert werde. Gleichwohl brauche es profundes Wissen, um die Daten richtig interpretieren zu können. So mache es einen großen Unterschied, ob jemand vor dem Jahr 1933 der NSDAP beigetreten sei oder später. Entsprechend rät Bönte allen, die sich mit der Familiengeschichte beschäftigen wollen, sich entsprechendes historisches Wissen anzueignen. Dann solle man schauen, ob es zuhause alte Dokumente gebe, und gegebenenfalls auch therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es zu belastend werden sollte.

NS-Vergangenheit in Deutschland “geschönt” und “gedreht”

Vor dem Hintergrund des Triumphzugs der vermeintlich geschichtsvergessenen Alternative für Deutschland (AfD) sieht Bönte die Auseinandersetzung mit der verklärten und tabuisierten Familiengeschichte auch als Demokratiearbeit. 30 Prozent der Deutschen seien nämlich der irrigen Meinung, ihre Vorfahren hätten NS-Opfern geholfen, obwohl es vielleicht ein halbes Prozent gewesen seien. Man habe die Vergangenheit nicht nur nicht aufgearbeitet, man habe sie “geschönt” und “gedreht”. Das sei etwas, “was ich einfach nicht akzeptiere”.

Dass die AfD gerade in Ostdeutschland so erfolgreich sei, überrascht Bönte überhaupt nicht. Er verweist diesbezüglich auf die in der DDR-Zeit propagierte Einstellung, dass man im Osten Deutschlands mit dem Holocaust “nichts zu tun” gehabt habe, aber auch auf die Schwäche von traditionellen Institutionen wie den Kirchen, die in der NS-Zeit punktuell Widerstand geleistet hatten.

“Erinnerungsarbeit den jungen Menschen übergeben”

Das Buch endet mit einer Zusammenstellung von Links und Anlaufstellen, die Leserinnen und Lesern die Ahnenforschung erleichtern sollen. Bei Gedenkveranstaltungen “sind immer die Gleichen da”, kritisiert der 67-Jährige die ritualisierte Erinnerungskultur in Deutschland. “Wir müssen schauen, dass wir diese Erinnerungsarbeit den jungen Menschen jetzt übergeben”, fordert er.

Dabei gehe es darum herauszuarbeiten, was das eigentlich Schlimme an der NS-Zeit gewesen sei. “Der entscheidende Punkt ist: Der Holocaust hat nicht mit Auschwitz angefangen. Der Holocaust hat angefangen mit den kleinen und immer größer werdenden Ausgrenzungen, Beleidigungen, Diskriminierungen und vor allem Dehumanisierungen”, betont Bönte. Gerade dies sehe man heute in Deutschland wieder, auch auf den Schulhöfen.

Gezielte Arbeit im Geschichtsunterricht könnte auch Integrationschancen eröffnen, wenn etwa Schülerinnen und Schüler verschiedener Herkunft die oft ähnlich leidvollen Geschichten ihrer Vorfahren erforschen würden. So könnte in Deutschland “wieder ein neues Wir-Gefühl” entstehen, hofft Bönte.

(S E R V I C E: Andreas Bönte: Die Vergangenheit in mir. Meine Familie und die Schatten des Nationalsozialismus. Verlag Herder, 352 Seiten, 25,80 Euro, ISBN 978-3534611539 )

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)