Farbenpracht und Krisenoptimismus: 70er-Schau im Graz Museum

Die 1970er-Jahre – ein Jahrzehnt, das wie ein Kaleidoskop aus Farben, Ideen und Gegensätzen erscheint. Unkonventionelle Muster in olivgrün, senfgelb und orange, Disco-chic, Sichtbeton, Bürgerinitiativen, Ölkrise und Zukunftsoptimismus. Die Zeit war bunt und bewegt. Im Graz Museum kann man in der aktuellen Ausstellung “Morgen war alles besser” anhand von elf ausgewählten Örtlichkeiten in das Leben der 1970er-Jahre und deren spezielle Ausformung in Graz eintauchen.
“Rückblickend nehmen wir die 70er-Jahre als eine Zeit wahr, die trotz aller Krisen von einem Zukunftsoptimismus getragen war, der uns heute verloren gegangen zu sein scheint”, erklärte Sibylle Dienesch, Direktorin des Graz Museum am Dienstag beim Rundgang durch die Ausstellung in der Grazer Sackstraße. Die Schau will mehr als nur Nostalgie wecken. Sie solle das Publikum auch dazu anregen, “sich mit Fragen und eigenen Beiträgen zu einer Vision für 2076 zu beschäftigen”, so die Museumsleiterin.
Gestaltet wurde die Ausstellung von Bernhard Bachinger und Catalin Betz. “Im historischen Graz vor 50 Jahren passierte einiges, das man sich heute nicht mehr vorstellen kann – der Landhaushof war zugeparkt, eine Tiefgarage darunter geplant. Die Pyhrn-Autobahn (A9) hätte sich als überdachte Unterflurschneise durch die Stadt ziehen sollen, für den Schloßberg waren abwechselnd ein Einkaufszentrum, eine Parkgarage oder die Nutzung als Atomschutzbunker geplant”, wie Bachinger erzählte. Wie sich das alles weiterentwickelt hat und die demokratische Mitgestaltung gelebt wurde, kann man unter anderem in drei Räumen im zweiten Obergeschoß und einem Saal im Erdgeschoß nachvollziehen.
Elf Orte erzählen Geschichte
Elf Orte wurden als Stellvertreter ausgewählt, um über das Leben in Graz und die vor sich gehenden Veränderungen und damit verbundenen Reibungen in einer Stadt zwischen Aufbruch und Bewahren zu erzählen. Neben dem Verkehr geht es um Themen wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Bildung, Schul- und Kirchenbau, Umweltschutz bis hin zum Freizeitverhalten mit Sport in der Liebenauer Eishalle und Soul und Funk im Szeneclub “Push’n Pull”.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schau, dass sich Bürgerinnen und Bürger bei der Gestaltung der Zukunft ihrer Stadt eingemischt und dadurch diese nachhaltig geprägt haben. “Der Einsatz von Stadtbewohnern, Medien und Politikern schob 1972 im Zuge der Initiative ‘Rettet die Grazer Altstadt’ den Planungen einer Tiefgarage unter dem Landhaus den Riegel vor”, schilderte Betz. Durch die Einrichtung von Schutzzonen und ein eigenes Gesetz zur Altstadterhaltung wurde Graz zum Vorbild für andere europäische Städte. “Andererseits war Barrierefreiheit im Bau eine Ausnahme. Hohe Randsteine, schwer zugängliche Gebäude und fehlende Orientierungshilfen erschwerten die selbstständige Mobilität”, merkte die Ausstellungsmacherin auch an. “Selbst das Landesinvalidenamt in Graz war nur über eine Treppe erreichbar”, hob Betz hervor.
Die 1970er waren auch die Jahre der wichtigen Reformen im Familienrecht – Ehefrauen mussten ihren Männern nicht mehr gehorchen und durften endlich ohne deren Erlaubnis selbstständig Geld verdienen. Das Fraueninformationszentrum Bergmanngasse versorgte seit 1977 Frauen mit den vorerst noch schwer zugänglichen Informationen.
Jahrzehnt wird lebendig
Die Ausstellung lebt von den Geschichten der Menschen, die diese Zeit geprägt haben. Dutzende Stadtbewohner haben mit ihren Objekten und Geschichten an der Rekonstruktion des Jahrzehnts beigetragen. Sie machen die 1970er sicht-, greif- und hörbar.
Wer nach all den Eindrücken eine Pause braucht, findet im Erdgeschoß die Rauminstallation “Flux – Ladestation für Optimismus” des Künstlerkollektivs “Roter Keil”. Ganz im Stile der 1970er-Jahre scheint eine blau-orange Sitzlandschaft aus dem historischen Gemäuer zu quellen und lädt zum Relaxen, Abchillen und Träumen ein – vielleicht über eine bessere Zukunft – oder auch nur über die nächste Disco-Nacht.
(S E R V I C E – “Morgen war alles besser. Im Graz der 70er”, Graz Museum, Sackstraße 18, 8010 Graz von 18. Juni bis 25. April 2027. )