Tiroler Fernpass-Vollsperre: Demos mit bis zu 1.000 Personen
Die Vollsperre der stark frequentierten Tiroler Fernpassstraße (B 179) wegen zweier Demonstrationen einer Bürgerinitiative hat am Samstag wie vorgesehen um 9.45 Uhr begonnen und ist ebenso planmäßig um 12.00 Uhr wieder aufgehoben worden. Insgesamt rund 950 bis 1.000 Teilnehmer – mehr als bei der “Premiere” am 27. Juni – versammelten sich bei den Kundgebungen im Bezirk Reutte und im Bezirk Imst. Protestiert wurde erneut vor allem gegen das “Fernpasspaket” der Landesregierung.
Nach erfolgter Sperre setzten sich auf beiden Seiten des Fernpasses – bei Nassereith/Rastland im Bezirk Imst und in Reutte/Burgenwelt Ehrenberg Klause-Parkplatz Außerfern – die Protestmärsche in Bewegung. Zuvor hatte man sich an zwei Standorten versammelt: Einerseits bei Reutte-Katzenberg im Außerfern – knapp 500 Menschen folgten hier dem “Protest-Ruf” der Bürgerinitiative “Lebensraum Gurgltal Außerfern Mieminger Plateau”, wie es vom Reuttener Bezirkspolizeikommando gegenüber der APA hieß. Und andererseits bei Nassereith-Rastland im Bezirk Imst – rund 470 Demonstranten waren hier zugegen. Der dazwischenliegende Straßenabschnitt umfasst 34 Kilometer und wurde für den gesamten Verkehr gesperrt. In Nassereith führte der Demo-Zug dann bis zum Parkplatz Fernstein, in Reutte abwärts bis zum Parkplatz Postwiese.
Auf Reuttener Seite machte sich der Demonstrationszug bereits um kurz vor 10.00 Uhr auf den dieses Mal verkürzten Demo-Weg. Ging es am 27. Juni ein paar Minuten den Katzenberg bergaufwärts in Richtung Salzsilo, war dieses Mal lediglich ein kleiner Marsch abwärts zur Postwiese vorgesehen. “Ein kurzer Marsch und viele Reden”, gab zuvor Hans Dreier von der Bürgerinitiative gegenüber der APA zu Protokoll. Leider hätten jedoch “Hauptpolitiker” abgesagt, bedauerte Dreier zu seinen Erwartungen gefragt und meinte damit Mitglieder der ÖVP/SPÖ-Landesregierung.
Lautstarker Demo-Zug
Neben dem veränderten Marschweg gab es dieses Mal auch ein weiteres Novum: Fand der Marsch Ende Juni quasi lautlos, zumindest aber ohne skandierte Sprüche, statt, war er dieses Mal überaus lautstark. “Wir wollen euren Tunnel nicht, wir wollen eure Maut nicht”, wurde mehrfach lautstark gerufen, begleitet von einer großen Trommel. Die Transparente wiederum glichen sich bei der Demo-Wiederholung. “Der überfahrene Außerferner Zwerg wehrt sich”, war etwa zu lesen. Auch “Mir graut vor der Maut” oder “Volkspartei am Volk vorbei” war zu lesen. Zudem wurde auf einem Transparent das “Original Tirol Tunnelschwein” etabliert, welches ein “Startup der Tiroler Landesregierung” sei.
Lautstark und mit diesen und ähnlich gelagerten Transparenten unterwegs kam der Demozug schließlich recht rasch bei dem Zielgelände, dem Postwiese-Parkplatz, an. Dort wartete bereits eine kleine Holzbühne, die ebenfalls von Transparenten geschmückt war. Unter anderem waren dort die Konterfeis von Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP), Landeshauptmannstellvertreter Philip Wohlgemuth (SPÖ) und Verkehrslandesrat René Zumtobel (SPÖ) vertreten. Auf einem Transparent mit ebenjenen war “Abwesenheitsmedaille” zu lesen, welche später auch symbolisch in deren Abwesenheit übergeben wurde.
Auflauf der Opposition, Attacken auf Landesregierung
Bei der Versammlung auf dem Postwiese-Parkplatz kamen auch das “Fernpasspaket”-ablehnende Oppositionspolitiker zu Wort, es wehte ein Hauch Vorwahlkampf für die Landtagswahl 2027. Der frühere Grünen-Nationalratsabgeordnete und jetzige Schwazer Lokalpolitiker Hermann Weratschnig etwa erwähnte bei seinem Statement im Rahmen einer Fragerunde, dass die Opposition in Sachen Fernpass “zusammensteht”. Es gehe aber nicht zuletzt darum, grüne Schwerpunkte auch bundesweit wieder mehr in den Vordergrund zu rücken: “Es geht uns um Lebensraum und Umweltschutz sowie um den Ausbau des Bahnverkehrs.” Liste-Fritz-Klubobmann Markus Sint wiederum betonte, dass die Liste Fritz “keinen Tunnel, keine Maut und keine Transitstrecke” wolle. Auch er sprach sich dafür aus, stattdessen “Bahnstrecken auszubauen”.
Vertreten bei den Versammlungen war ebenfalls die FPÖ, die zweitstärkste Partei im Land – und zwar durch den Reuttener Bezirksparteiobmann Vinzenz Schedle und Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler. Auch Vertreter der NEOS und Grünen-Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan waren vor Ort. Kurz blicken ließ sich auch ÖVP-Landesgeschäftsführer und Außerferner Landtagsabgeordneter Florian Klotz (ÖVP). Dieser stellte sich am “Sammplatz” Ehrenberg Parkplatz den Demonstranten. Den Demo-Marsch ließ er wenig überraschend aus.
Demo-Mitorganisator Dreier hatte bereits vor den Politikern das Wort ergriffen und nahm vor allem Landeshauptmann Mattle ins Visier. Dass dieser über sein Büro ausrichtete, “dass er sich für die Verbesserung der Lebensqualität einsetzt” und sich unter anderen mit dieser Formulierung bei der Demo entschuldigen habe lassen, sei an “Dreistigkeit” nicht zu überbieten. Aber auch die SPÖ bekam ihr Fett weg: “Diese ist offenbar ganz von der Bildfläche verschwunden.” Die Abwesenheit von Mattle, Wohlgemuth und Zumtobel verdiene sich jedenfalls die “Abwesenheitsmedaille” gründlich.
Dreier zog nach der Demo schließlich auch durchaus zufrieden Bilanz. Die Versammlung sei “gut” gewesen, sagte er auf APA-Nachfrage. Weitere Demos seien indes “noch nicht konkret geplant”. Man habe aber “bereits gesprochen”, hielt er sich alles offen.
Umstrittenes “Fernpasspaket”
Bei den Demonstrationen handelt es sich jedenfalls um ein da capo: Bereits am 27. Juni war es am Fernpass zu zwei Kundgebungen der Initiative gekommen – bis zu 700 Menschen nahmen daran teil. Auch dabei wurde die Fernpassroute, eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen, zwei Stunden lang gesperrt.
Damals wie am Samstag protestierte man zwar auch gegen den überbordenden (Transit)-Verkehr in der Region an sich, aber vor allem gegen ebenjenes Anfang 2024 präsentierte “Fernpasspaket”. Durch dieses soll der Bezirk Reutte bzw. das Außerfern besser an den Tiroler Zentralraum angebunden werden. Zudem soll die Verkehrssicherheit auf der viel befahrenen Strecke erhöht und für einen flüssigeren Verkehr gesorgt werden. Das Projekt mit einer Investitionssumme von 500 Millionen Euro und einem Haftungsrahmen von 600 Millionen Euro umfasst unter anderem den neuen Fernpassscheiteltunnel, eine zweite Röhre beim Lermooser Tunnel, ein neues Mautsystem samt Infrastruktur sowie Lärmschutzmaßnahmen. Seit Verkündung des Projekts laufen Bürgerinitiativen dagegen Sturm, ist der Unmut in der Region teils groß. Die Kritiker sehen ein “Fernpass-Beschleunigungspaket”, das noch mehr Verkehr zur Folge haben werde.
Maßnahmen der Behörden
Neben der Fernpassstraße war indes am Samstag im selben Zeitraum – aus Kapazitäts- und Versorgungssicherheitsgründen – auch die enge Hahntennjochstraße (L 246) nicht passierbar. Das Land Tirol hatte auch diesmal im Vorfeld eindringlich an Reisende appelliert, die Fernpassroute am Samstag generell zu meiden bzw. diese großräumig zu umfahren. Und zwar wegen des prognostizierten starken Reiseverkehrs mit Ferienbeginn in Bayern und Baden-Württemberg und “möglichem vor- und nachgelagerten Verkehr”, wie es hieß. Seitens der zuständigen Behörden wurden zudem erneut Maßnahmen vorbereitet, um die (Versorgungs)-Sicherheit in der Region zu gewährleisten und Anrainer zu schützen. So wurde eben die Hahntennjochstraße im gleichen Zeitraum ebenfalls gesperrt – dies war bereits am 27. Juni aus “Kapazitäts- und Versorgungssicherheitsgründen” der Fall gewesen. Zudem galten die Fahrverbote für den Ausweichverkehr im Bezirk Reutte – konkret auf der Reuttener Straße (L 69) Fahrtrichtung Pflach, auf der Pinswanger Straße (L 288) Fahrtrichtung Pflach und der Zufahrtsstraße Heiterwang in Fahrtrichtung Norden.
Positive Bilanz, kein Verkehrschaos
Der kurze Demo-Tag bedeutete jedenfalls einmal mehr einen Großeinsatz für Polizei und Land. Und diese zogen eine positive Bilanz. Denn das befürchtete Verkehrschaos sowie kilometerlange Staus blieben – wie schon Ende Juni – aus. Die Lage auf beiden Seiten des Fernpasses sei “sehr ruhig” gewesen, erklärte der Bezirkspolizeikommandant von Reutte, Michael Eder. Die regulär aufrechten Fahrverbote für den Ausweichverkehr seien insbesondere auf den Alternativrouten über Scharnitz, Leutasch und Telfs bzw. Zirl engmaschig kontrolliert worden. Die Verkehrs- und Versorgungssicherheit in der Region sei gewährleistet geblieben, so das Land.
Auch beim ÖAMTC beobachtete man die Lage intensiv. Und war erfreut, dass die Verkehrs-Befürchtungen erneut nicht eintrafen. “Es schaut gut aus”, meinte ÖAMTC-Sprecherin Dzana Poturovic bereits am Vormittag kurz vor der Sperre zur APA. Man sehe kein überbordendes bzw. außergewöhnliches Verkehrsaufkommen – weder auf der Fernpassroute noch anderswo in Tirol. Lediglich auf der Brennerautobahn (A13) gebe es etwas Stau – aber eine solche Lage verzeichne man schließlich auch oft unter der Woche. Der Urlauberverkehr sei offenbar “gut ausgewichen” – die Menschen seien wohl bereits am Freitag und in der Nacht aufgebrochen oder würden dies Samstagnachmittag tun, zog die Sprecherin schließlich Bilanz. Die Informationen über die Vollsperre seien offenbar einmal mehr gut angekommen – und die Reisenden hätten sich entsprechend verhalten.