Forderung nach mehr Tempo bei Inklusion in Schulen

21.10.2026 • 15:35 Uhr

Eigentlich hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) angekündigt, dass Kinder mit Behinderung ab 2027/28 einen Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr bekommen sollen. Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser hat am Mittwoch allerdings gravierende Zweifel geäußert, dass dieser Zeitplan halten wird. “Es geht nichts weiter”, kritisierte sie bei einem Pressetermin. Sie ortet beim Thema Inklusion in der Schule generell einen “Mangel an Haltung”.

Derzeit endet der Rechtsanspruch auf einen Schulplatz für Kinder, denen wegen einer Behinderung ein sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wird, mit dem Ende der Schulpflicht nach zehn Jahren. Ein elftes oder zwölftes Schuljahr kann nur dann freiwillig angeschlossen werden, wenn neben der Bildungsdirektion auch der jeweilige Schulerhalter (meist die Gemeinde) zustimmt. Für Moser ist allerdings “nicht einzusehen, wieso gerade Kinder, die etwas mehr Zeit zum Lernen bräuchten, weniger Zeit bekommen”.

Jugendliche mit Behinderung unter sich

Der Rechtsanspruch allein wäre für echte Inklusion außerdem nicht ausreichend, betonte Karin Riebenbauer von “Inklusion Österreich” bei dem Termin. Sie forderte den Zugang zu Regelklassen in der Sekundarstufe II (Berufsschule, Berufsbildende mittlere und höhere Schulen, AHS-Oberstufe), damit die Jugendlichen auch in dieser Zeit gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung lernen können. Im Evangelischen Gymnasium der Diakonie in der Donaustadt gibt es ein solches Angebot schon jetzt, die Nachfrage übersteigt das Angebot laut Moser allerdings bei Weitem. Die andere Realität ist laut Riebenbauer, dass Jugendliche ihre zusätzlichen Schuljahre zwar genehmigt bekommen, diese aber ausschließlich mit anderen Schülerinnen und Schülern mit SPF in separaten Klassen verbringen müssen und am Nachmittag kein Angebot bekommen.

Die Probleme mit der Inklusion beginnen allerdings weit früher, wie Moser kritisierte. Es halte sich immer noch das Stereotyp, dass Kinder mit Behinderung in einer Sonderschule besser aufgehoben seien. Dabei zeigten die Zahlen, dass sie dort trotz der deutlich besseren Personalausstattung weniger lernen, öfter vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen werden und danach schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt haben.

“Aus denen wird eh nix”

Für Riebenbauer sind die Einschränkungen bei der Inklusion dabei weniger ein Thema von fehlenden Ressourcen als ein “gesamtgesellschaftliches Problem”. Vor einigen Jahren sei ihre Forderung nach zusätzlichen Schuljahren für Kinder mit SPF von einem hochrangigen Beamten im Bildungsressort mit den Worten quittiert worden: “Aus denen wird ja eh nix.” Das sei nicht nur eine Unverschämtheit gewesen, sondern auch im klaren Widerspruch zur UN-Menschenrechtskonvention, zu deren Umsetzung Österreich sich verpflichtet hat. “Wir brauchen Sicherheit, dass unsere Kinder in die Schule dürfen”, forderte Riebenbauer.

Insgesamt werden derzeit zwei Drittel der Kinder mit SPF in den Pflichtschulen gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung beschult. Der Zugang zu inklusiven Angeboten hängt allerdings stark vom Bundesland ab, Moser sprach von einer “Wohnortlotterie”. Während in Kärnten und der Steiermark mindestens acht von zehn SPF-Kindern inklusiv beschult werden, sind es in Vorarlberg, Tirol, Wien und Niederösterreich weniger als die Hälfte.

Wahlrecht mit Einschränkungen

Eigentlich können Eltern von Kindern mit SPF seit den 1990ern wählen, ob sie einen inklusiven- oder Sonderschulplatz wollen. Oft wird er laut Moser den Eltern aber gar nicht angeboten. In anderen Fällen wird er ihnen auch aktiv verwehrt. Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe, berichtete von einer Familie in Niederösterreich, die für ihren autistischen Sohn bereits einen Inklusionsplatz an einer Mittelschule gefunden hatte, aber am Widerstand der Bildungsdirektion gescheitert ist. Diese sei so weit gegangen, das Jugendamt einzuschalten. Ihm sei noch ein zweiter ähnlicher Fall bei derselben Bildungsdirektion bekannt. Die Eltern hätten natürlich nicht die Obsorge verloren, aber viel Geld. Und das Kind sitze ohne Sozialkontakte im Homeschooling.

In anderen Fällen bekommen Kinder mit Behinderung zwar einen Schulplatz, die Eltern werden aber gebeten, das Kind immer früher abzuholen, weil Lehrkräfte oder Unterstützungspersonal nicht zurechtkommen. Im Bundesländerbericht zur schulischen Inklusion in Österreich, den Diakonie, Lebenshilfe und Inklusion Österreich gemeinsam erstellt haben, wird etwa ein Fall eines autistischen Kindes genannt, das am Schluss nur noch zwischen acht und neun Uhr in der Schule sein durfte. Ein Berufsleben sei da für die Eltern natürlich nicht möglich, gleichzeitig sitzen die betreffenden Kinder allein daheim, kritisierte Riebenbauer.

Moser forderte die komplette Umstellung auf ein inklusives Schulwesen, die Ressourcen aus den vergleichsweise teuren Sonderschulen sollten in inklusive Regelschulen verschoben werden. Italien zeige schon seit 1977, dass eine Abschaffung von Sonderschulen möglich ist, so Narval. “Wir Angehörigen wollen keine Sonderrechte für unsere Kinder”, betonte Riebenbauer von “Inklusion Österreich”. “Wir wollen, dass unsere Kinder die gleichen Rechte haben wie alle anderen Kinder. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.”

Gemeinsam mit einem Bündnis aus rund 30 Initiativen aus dem Behinderten- und Bildungsbereich haben Diakonie, Lebenshilfe und “Inklusion Österreich” gerade die “Aktionstage Bildung” in sieben Bundesländern veranstaltet. Mit Aktionen im öffentlichen will man bei der Politik Druck für mehr Personal und Geld für inklusive Bildung machen. Abschluss der Aktionstage bildet eine Demo am morgigen Donnerstag . Dabei sollen dann auch die Forderungen der Organisationen ans Bildungsministerium übergeben werden.