Freisprüche in Blasphemie-Mordfall in Pakistan endgültig
Der Oberste Gericht Pakistans hat die letzten drei Todesurteile rund um die Ermordung eines christlichen Ehepaares 2014 aufgehoben. Das berichtete Kathpress zufolge das Portal asianews.it bereits am Samstag. Die drei Männer wurden damals mitbeschuldigt, das Ehepaar gewaltsam misshandelt und anschließend in dem Ofen einer Ziegelei verbrannt zu haben. Die drei Männer waren wegen der Tötung von Shahzad Masih und seiner schwangeren Ehefrau Shama Bibi zum Tod verurteilt worden.
Ein dreiköpfiger Senat unter Vorsitz von Richter Malik Shahzad Ahmad Khan sprach sie nun frei. Das Gericht begründete die Entscheidung mit Mängeln in der Beweisführung und Widersprüchen in den Zeugenaussagen. Die Schuld der Angeklagten sei nicht zweifelsfrei erwiesen, heißt es von Seiten des Gerichts. Durch diese Entscheidung gilt eines der international bekanntesten Verfahren wegen religiös motivierter Gewalt gegen Christen in Pakistan nun rechtlich als abgeschlossen.
Nach Ermordung alle Angeklagten freigesprochen
Der Fall hatte sich am 4. November 2014 in Kot Radha Kishan in der Provinz Punjab im Osten Pakistans ereignet. Das christliche Ehepaar arbeitete dort in einer Ziegelei und war, nachdem sie der Gotteslästerung beschuldigt worden waren, von einer aufgebrachten Menschenmenge angegriffen worden. Die beiden wurden gewaltsam verprügelt und anschließend in einem Brennofen der Ziegelei verbrannt. Die Vorwürfe, das Paar habe Seiten des Koran verbrannt, konnten nie nachgewiesen werden.
Nach der Tat waren 2014 Hunderte Personen angeklagt worden. Ein Antiterrorgericht verurteilte mehrere Beteiligte, darunter fünf Männer zum Tod. Der Lahore High Court sprach später 102 Angeklagte frei und bestätigte zunächst nur die Urteile gegen die drei nun ebenso begnadigten Männer. Mit der jüngsten Entscheidung des Obersten Gerichtshofs wurden nun auch diese Verurteilungen aufgehoben.
Menschenrechtsorganisationen warnen vor Blasphemiegesetz
Die Tat löste damals international Entsetzen aus. Von Seiten des Vatikan bezeichnete man die Ermordung als “sinnlose Barbarei” und betonte, Religion könne niemals eine Rechtfertigung für die Tötung von Menschen sein. Menschenrechtsorganisationen verwiesen hingegen auf die Gefahren des pakistanischen Blasphemiegesetzes sowie auf die schwierigen Arbeitsbedingungen in der Ziegelindustrie, in der viele Beschäftigte in Abhängigkeit von Arbeitgebern lebten. Sie sehen in dem Fall weiterhin ein Beispiel für die Gefährdung religiöser Minderheiten in Pakistan.
Blasphemie ist nach wie vor ein schwerwiegender Vorwurf in Pakistan, das mehrheitlich von Muslimen bevölkert ist. Selbst unbestätigte Gerüchte über angebliche Schändungen religiöser Symbole lösen oftmals Krawalle aus. Wer wegen Beleidigung des Islam verurteilt oder auch nur verdächtigt wird, droht als Opfer tödlicher Selbstjustiz zu enden.
Kommission fordert “Verfolgung von Gewalt gegen Christen”
Die pakistanische Kommission “Gerechtigkeit und Frieden” der katholischen Bischofskonferenz verurteilt das jüngste Urteil des Obersten Gerichts scharf. Sie bezeichnete es als Teil eines wiederkehrenden Musters, bei dem schwere Verbrechen gegen religiöse Minderheiten straflos blieben. In ihrer Stellungnahme verwies die Kommission auf ähnliche Fälle, auch dort wurden sämtliche Angeklagte mangels ausreichender Beweise freigesprochen.
Als konkrete Beispiele nannte die Kommission einem Bericht von Vatican News zufolge etwa die Gewalt gegen Christen in Gojra im Jahr 2009 oder den Angriff auf das christliche Viertel Joseph Colony in Lahore im Jahr 2013. Auch bei diesen Vorfällen führten “Blasphemie”-Vorwürfen zu brutalen Ausschreitungen gegenüber der christlichen Minderheit im Land.
Der Vorsitzende der Kommission, Bischof Samson Shukardin von Hyderabad, einer Stadt im Süden des Landes, äußerte sich gegenüber dem Hilfswerk “Kirche in Not” bestürzt: “Shahzad und seine schwangere Frau Shama wurden lebend ins Feuer geworfen. Was ist am Ende das Ergebnis all dieser Bemühungen um Gerechtigkeit? Die Menschen haben das Gefühl, keine Stimme zu haben und dass niemand ihnen zuhört”, so der Geistliche zu den Freisprüchen der Männer, die bisher verdächtigt wurden, für den Mord mitverantwortlich zu sein. Der Bischof forderte die Regierung Pakistans auf, den Schutz von Zeugen zu verbessern und sicherzustellen, dass Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten künftig konsequent verfolgt werden.
Bischof: “Urteil ist kein Einzelfall”
Auch der Bischof Indrias Rehmat von Faisalabad im Osten Pakistans zeigte sich zutiefst enttäuscht über die jüngste gerichtliche Entscheidung. Das Urteil sei aber kein Einzelfall: Nach Angriffen gegen Christen komme es zwar häufig zu raschen Festnahmen, später würden jedoch viele Beschuldigte wieder freigelassen. Im Nachhinein würden Anklagen oft zurückgezogen oder Urteile aufgehoben werden, erklärte er weiter.