Illegales Netzwerk verschiebt Erntehelfer durch Italien

21.07.2026 • 06:00 Uhr

Eine Erntesaison folgt der nächsten – und mit ihr bewegt sich auch das System der illegalen Arbeitsvermittlung durch Italien. Tausende Saisonarbeiter ziehen jedes Jahr einer festen Route folgend von Region zu Region, um Obst und Gemüse zu ernten. Eine parlamentarische Untersuchungskommission warnt nun vor einem landesweiten Netzwerk des sogenannten “Caporalato”, das Migranten für die Arbeit auf den Feldern rekrutiert und zwischen den Regionen verschiebt.

Von März bis September kommen zahlreiche Erntehelfer in das Gebiet der süditalienischen Region Basilikata. Zunächst werden Erdbeeren geerntet, zuletzt waren es Pfirsiche, anschließend folgen Tomaten. Viele Arbeiter kommen zuvor aus der Ebene von Sibari in Kalabrien, wo sie von Oktober bis Februar Orangen und Oliven gepflückt haben. Im Herbst geht es weiter in den Norden nach Piemont, bevor das Jahr in Friaul-Julisch Venetien mit der Verarbeitung von Rebenpflanzen endet.

System der illegalen Vermittlung von Arbeitskräften

Diese saisonale Wanderbewegung machen sich laut Experten auch die Organisatoren des “Caporalato” zu eigen. Das System der illegalen Vermittlung von Arbeitskräften greift an jeder Station der Route ein und hält viele Beschäftigte in Abhängigkeit. Nach Angaben der Gewerkschaft Flai Cgil, die jährlich den Bericht über Agrarmafia und illegale Arbeitsvermittlung erstellt, sind in Italien mindestens 200.000 Beschäftigte in der Landwirtschaft von Unregelmäßigkeiten betroffen. Viele von ihnen arbeiten unter ausbeuterischen Bedingungen.

Immer wieder hat die Regierung in Rom unter verschiedenen Ministerpräsidenten versucht, die Missstände zu bekämpfen – ohne Erfolg. Vor allem im auch Mezzogiorno genannten Süden Italiens ist die Lage schwierig. Die angeworbenen ausländischen Arbeitskräfte bekommen ein Flugticket und eine Arbeitserlaubnis für eine Saison, die sie teuer bezahlen müssen. Auch für ihre Unterkünfte müssen sie mit ihrem Hungerlohn aufkommen.

Staatlich vorgesehenes, faires Netzwerk greift nicht

Seit 2016 gibt es in Italien ein Gesetz gegen das Caporalato, das auch Unternehmen fördern sollte, die sich an Arbeits- und Sozialstandards halten. Doch von rund einer Million landwirtschaftlichen Betrieben gehören bisher nur 11.895 der “Rete del lavoro agricolo di qualità” an – dem entsprechenden, staatlich vorgesehenen Netzwerk zur Zertifizierung fairer Arbeitsbedingungen. “Wir müssen Anreize schaffen, damit mehr Unternehmen diesem Netzwerk beitreten”, fordert Chiara Gribaudo von der sozialdemokratischen Partito Democratico, Vorsitzende der parlamentarischen Untersuchungskommission zum Thema, zuletzt in italienischen Medien.

Varianten

Die unerlaubte Arbeitsvermittlung zeigt sich laut Experten vor allem in zwei Varianten. Beim klassischen “schwarzen” Caporalato gehören Gewalt, Drohungen und Kontrolle über die Lebensbedingungen der Arbeiter zum System. Daneben gibt es eine “graue” Form, bei der Arbeitsverhältnisse scheinbar legal erscheinen, tatsächlich aber durch gefälschte Angaben manipuliert werden. Besonders häufig geschieht dies über sogenannte “landlose Genossenschaften”, die mit weniger vorbildlichen Betrieben zusammenarbeiten. Auf den Lohnabrechnungen werden oft nur wenige Arbeitstage angegeben, obwohl die Beschäftigten tatsächlich deutlich länger arbeiten. So werden Sozialabgaben reduziert.

Für die Arbeiter hat dies gravierende Folgen, warnen die Gewerkschaften: Sie verlieren Ansprüche auf landwirtschaftliches Arbeitslosengeld, das erst ab einer bestimmten Zahl nachgewiesener Arbeitstage gewährt wird, und ihre Möglichkeiten, den Aufenthaltsstatus zu sichern, werden erschwert.