Interpretation von Hitzewelle als “Ausreißer” greift zu kurz

Die aktuelle Kombination aus massivem Regendefizit und Extremtemperaturen lädt zur Interpretation als “Ausreißer” ein. Da die Temperaturen hierzulande zuletzt stärker gestiegen sind, als noch vor zehn Jahren gedacht, greift die Sicht auf den heurigen Sommer als reine “Ausnahme” aber zu kurz. “Auch wenn der Klimawissenschaft oft Alarmismus vorgeworfen wird, zeigt sich mittlerweile, dass die Modelle tendenziell zu ‘kalt’ waren”, so der Klimaforscher Daniel Huppmann zur APA.
Blickt man auf den im Vorjahr präsentierten “Zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel” (AAR2), dann ist die aktuelle Hitzewelle “konsistent mit den Projektionen”, so der Obmann des Climate Change Centre Austria (CCCA), der an der Erstellung des Berichts federführend mitbeteiligt war. Die immer stärker spürbar vom Klimawandel geprägte Realität hat mittlerweile auch pessimistische Prognosen der vergangenen Jahrzehnte überholt. Gegenüber den Annahmen in den “Österreichischen Klimaszenarien” (ÖKS15) aus dem Jahr 2015 liegt die tatsächliche Erwärmung bis zu ein Grad Celsius höher als im Vergleich zu 1971 bis 2000 ursprünglich angenommen. Dementsprechend haben auch die Extremwetterereignisse “deutlicher zugenommen”, so Huppmann.
Entwicklung auch keineswegs “normal”
In dem Zusammenhang ist eben auch in absehbarer Zukunft “eher mit einer noch stärkeren Zunahme von Hitzetagen” zu rechnen. Das bedeute aber nicht, dass man jetzt Hitzewellen als mehr und weniger normal ansehen sollte. Der Klimawissenschafter vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ) sieht nämlich die “Normalisierung” von solchen Wellen “als problematisches Framing”. Denn: Trotz der Erkenntnis, dass man es hier nicht mehr mit einer “Ausnahme” zu tun hat, ist das, was sich in den vergangenen Tagen und Wochen zeigt, eben “auch nicht normal”.
Welchen Anteil der beschleunigt fortschreitende Klimawandel an solchen und anderen Extremphasen hat, kann die Attributionsforschung mit statistischen Methoden mittlerweile deutlich besser aufzeigen als noch vor einigen Jahren. Für die ungewöhnlich starke Juni-Hitzewelle dieses Jahres mit bereits Monats-Allzeit-Rekordtemperaturen errechneten zuletzt Experten der World Weather Attribution-Initiative (WWA) in einer Schnellanalyse, dass die allgemeine Durchschnittstemperaturzunahme selbige schon deutlich verstärkt hat: Im Jahr 1976 wären unter ähnlichen Umständen geschätzt rund 3,5 Grad Celsius niedrigere Tagestemperaturen und ungefähr 2,4 Grad niedrigere Nachttemperaturen in weiten Teilen des hitzegeplagten Europa registriert worden, so ein zentraler Schluss.
Mahnung zu besserer Vorbereitung
Wie sehr sich eine Hitzewelle auf den Klimawandel zurückführen lässt, sei zwar für die Wissenschaft interessant und wichtig, letztlich gehe es aber darum, sich als Gesellschaft viel besser auf die drohenden Auswirkungen der Entwicklung vorzubereiten, betont Huppmann: “Das bedeutet einerseits einen raschestmöglichen Ausstieg aus Öl und Gas sowie Stopp für fossile Infrastrukturprojekte, andererseits Anpassungsmaßnahmen wie Entsiegelung des öffentlichen Raums, Renaturierung von Flussläufen und Kulturlandschaften sowie Steigerung der Resilienz von Infrastruktur und Gebäuden.”
(S E R V I C E – Österreichischer Sachstandsbericht zum Klimawandel: , WWA-Studie online: )