Komiker sind in der internationalen Politik in Mode

14.08.2026 • 07:58 Uhr
Komiker sind in der internationalen Politik in Mode

Die Politik bietet den Menschen eher wenig Anlässe zur Heiterkeit. Vielleicht schaffen es auch deshalb Komiker immer wieder in die erste politische Reihe. Nun ist es auch in Großbritannien so weit. Bei einer Unterhaus-Nachwahl in Clacton erzielte der Spaßkandidat “Count Binface” (Graf Mistkübelgesicht) einen beispiellosen Erfolg. “Count Binface” ist nicht der erste Komiker, der ins vermeintlich ernste politische Fach wechselt. Ein Überblick:

COUNT BINFACE (46) – Hinter dem “Lord Mistkübelgesicht” verbirgt sich der Satiriker Jonathan Harvey, der seit mehreren Jahren an verschiedenen britischen Wahlen als Spaßkandidat teilnimmt. Harvey trat zunächst als “Lord Buckethead” auf, musste diesen Namen aber wegen eines Urheberrechtskonflikts ablegen. Er kandidierte bei den Londoner Bürgermeisterwahlen 2021 und 2024 sowie bei den Unterhauswahlen 2019 und 2023 gegen Premierminister Boris Johnson, landete aber jeweils abgeschlagen auf den Rängen. Bei der Nachwahl in Clacton wurde er zum “Gesicht” des Protests gegen den Rechtspopulisten Nigel Farage, der den Urnengang vom Zaun gebrochen hatte, um sich politisch von einem Spendenskandal reinzuwaschen. Weil die etablierten Parteien die Nachwahl boykottierten, kam Harvey auf 26,9 Prozent der Stimmen.

WOLODYMYR SELENSKYJ (48) – Seine Gegner im Kreml und anderswo tragen dem ukrainischen Präsidenten seinen früheren Brotberuf immer noch nach. Als Fernsehkabarettist wurde er landesweit bekannt, wobei er immer schon eine starke politische Note hatte. Den Durchbruch schaffte er im Jahr 2015 mit der Fernsehserie “Diener des Volkes”, in der er den Geschichtelehrer Wassyl Holoborodko spielt, der nach einem Wutausbruch gegen Korruption überraschend zum Präsidenten wird. Vier Jahre später war es dann tatsächlich so weit, und Selenskyj wurde mit einer gewaltigen Mehrheit zum Staatsoberhaupt gewählt. Kritikern galt er als politisches Leichtgewicht und Marionette des Oligarchen Ihor Kolomojskyj. Der von Kreml-Chef Wladimir Putin begonnene Angriffskrieg gegen sein Land brachte diese Kritik zum Verstummen. Durch sein mutiges Ausharren im belagerten Kiew durchkreuzte er Putins Plan einer raschen Machtübernahme im Nachbarland.

MARJAN ŠAREC (48) – Der Ex-Politikerimitator war gut ein Jahr lang slowenischer Ministerpräsident. Dabei gelang ihm ein besonderes Kunststück: Obwohl seine “Liste Marjan Šarec” bei der Parlamentswahl 2018 abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete, stach er bei der Regierungsbildung den konservativen Wahlsieger Janez Janša aus und zimmerte eine Fünf-Parteien-Minderheitsregierung. Das instabile Bündnis hielt aber nur bis Anfang 2019. Als Politiker gab Šarec ganz und gar nicht den Kasperl, sondern setzte auf Begriffe wie “Verantwortung” und “Ordnungsliebe”. Er startete in den 1990er-Jahren als Politikerimitator und Fernseh-Kabarettist. Dabei nahm er auch seinen politischen Widersacher Janša wiederholt auf die Schaufel. Als “Ivan Serpentinšek” mimte er einen typischen Slowenen, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Im Jahr 2010 stieg er als Bürgermeister von Kamnik in die Politik ein. In die nationale Politik wechselte er bei der Präsidentenwahl im November 2017, als er Amtsinhaber Borut Pahor überraschend in die Stichwahl zwang und nur knapp unterlag. Seine Fertigkeiten als Verwandlungskünstler zeigte er auch in der Politik: Als seine Partei im Jahr 2022 nach nur einem Mandat aus dem Parlament flog, dockte er bei Wahlsieger Robert Golob an und wurde zunächst Verteidigungsminister, ehe er bei der Wahl 2024 ins Europaparlament gewählt wurde.

SLAWI TRIFONOW (59) – Als Sänger und Fernsehkomiker eroberte der kahlköpfige Zwei-Meter-Mann die Herzen seiner bulgarischen Landsleute, und 2016 wagte er erste Schritte in die Politik. Ein Referendum gegen Politikerprivilegien scheiterte damals nur knapp, fünf Jahre später gewann seine Partei ITN (“Es gibt so ein Volk”) die Parlamentswahl. Die Regierungsbildung misslang und es kam zu vorgezogenen Neuwahlen, nach denen die ITN einige Monate lang als Juniorpartner in der Regierung war. Bei der jüngsten Wahl 2024 schaffte die populistische Partei nur noch knapp den Wiedereinzug ins Parlament.

BEPPE GRILLO (76) – Der italienische Satiriker machte sich jahrzehntelang über die Politik lustig, ehe er selbst mit einer Protestbewegung durchstartete. Die “Fünf-Sterne-Bewegung” landete bei der Parlamentswahl im Jahr 2013 auf Anhieb mit 25 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz. 2017 eroberte Grillos Kandidatin Virginia Raggi den Bürgermeisterposten der Hauptstadt Rom, von 2018 bis 2023 waren die “Grillini” auch die führende Regierungspartei im Land. Er prangerte Korruption an, versprach mehr direkte Demokratie und gab sich EU-kritisch. Ein politisches Amt wollte er nie bekleiden, und kam seinem Regierungsteam immer wieder mit radikalen Vorschlägen in die Quere. 2024 trennte sich die Fünf-Sterne-Bewegung von Grillo.

JÓN GNARR (59) – Der isländische Comedian wurde im Zuge der Finanzkrise ins Amt des Bürgermeisters der Hauptstadt Reykjavik gespült. Eigentlich war seine “Beste Partei” bei der Kommunalwahl 2010 eine Persiflage auf die völlig diskreditierte politische Kaste des Landes, doch die Bewohner der Hauptstadt bewiesen Sinn für Humor und wählten Gnarr mit 35 Prozent der Stimmen zum Stadtoberhaupt. Gnarr, zu dessen Forderungen etwa ein Eisbär für den Zoo der Hauptstadt gezählt hatte, verzichtete im Jahr 2014 auf ein neuerliches Antreten. Zehn Jahre später stieg er in die nationale Politik ein. Bei der Präsidentenwahl im Juni 2024 landete er mit zehn Prozent der Stimmen auf dem vierten Platz, wenige Monate später wurde er dann für die Liberalen ins Parlament gewählt. In Vortragstouren durch die Welt hatte er zuvor von seinen Erfahrungen als Politiker berichtet. “Als ich das erste Mal im Bürgermeisteramt war und mir mein zukünftiges Büro anschaute, war das einfach nur ein Schock. Das Büro war ein ganzes Stockwerk mit 20 Mitarbeitern”, sagte er etwa bei einem Auftritt in Wien.

JIMMY MORALES (57) – Der guatemaltekische TV-Komiker war von 2016 bis 2020 Staatspräsident des mittelamerikanischen Landes. Im Wahlkampf präsentierte er sich als Saubermann und Korruptionsbekämpfer, obwohl er als Kandidat der nationalistischen Partei FCN selbst dem politischen Establishment angehörte. Seinen Wahlkampf organisierte er vor allem über soziale Netzwerke und wurde innerhalb weniger Monate vom politischen Nobody zum Wahlsieger. Doch schon bald unterschied ihn nicht viel von seinen korruptionsbelasteten Vorgängern und er geriet unter anderem wegen der ungeklärten Herkunft von 600.000 Dollar (rund 530.000 Euro) in seinem Wahlkampf ins Visier der Justiz.

MARTIN SONNEBORN (61) – Der deutsche Satiriker und Journalist (“Titanic”) sorgte mehrfach mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufsehen und mischte in mehreren Wahlkämpfen als vermeintlicher Kandidat von etablierten Parteien wie der FDP oder SPD mit, ehe er im Jahr 2004 mit “Titanic”-Kollegen die “Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative” (DIE PARTEI) gründete. Die Aufhebung der deutschen Sperrklausel bei der Europawahl 2014 ermöglichte ihm den Einzug ins Europaparlament, in das er 2019 und 2024 wiedergewählt wurde. Nach einem Eklat wegen eines rassistischen Witzes kehrte ihm sein Kollege Nico Semsrott im Jahr 2021 den Rücken und schloss sich den Grünen an.

AL FRANKEN (75) – Mit Auftritten in der US-Comedyshow “Saturday Night Live” wurde er populär, die “Yes we can”-Welle um Barack Obama spülte ihn im Jahr 2008 in den US-Senat. Als Demokrat setzte er sich in Minnesota knapp gegen den republikanischen Amtsinhaber Norm Coleman durch, sechs Jahre später wurde er mit deutlicher Mehrheit im Amt bestätigt. Clownerien konnte Franken auch als Senator nicht lassen. So sorgte er im Jahr 2010 für einen Eklat, als er eine Rede des Republikanerführers Mitch McConnell mit Gesten und Grimassen kommentierte, während er die Sitzung leitete. “Das hier ist nicht Saturday Night Live, Al”, kommentierte McConnell den Auftritt Frankens. Im Jahr 2017 nahm Frankens politische Karriere aber ein jähes Ende. Nachdem mehrere Frauen ihn der sexuellen Belästigung beschuldigt hatten, musste er auf parteiinternen Druck hin zurücktreten.

LUKA MAKSIMOVIĆ (35) – Der serbische Komiker landete bei der Präsidentenwahl im April 2017 mit fast zehn Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. Unter dem Pseudonym “Ljubiša Preletačević Beli” (Ljubiša Überflieger, der Weiße) machte er einen betont satirischen Wahlkampf, der vor allem bei jugendlichen Wählern ankam. Er wolle Osten und Westen versöhnen, ein neuer Tito sein und die Banken abschaffen. “Ich verfolge meine persönlichen Interessen, werde aber auch dem Volk was abgeben. Kurz und gut, ich werde stehlen, um mich zu bereichern, werde aber auch dem Volk etwas geben”, führte Maksimović einen Anti-Korruptions-Wahlkampf der etwas anderen Art.

ROLAND DÜRINGER (62) – Betonte Ernsthaftigkeit steht Komikern in der Politik eher nicht so. Dies zeigt das Beispiel des Kabarettisten Roland Düringer, der seine große Bekanntheit und Beliebtheit als Kleinkünstler (“Hinterholz 8”, “Poppitz”, “MA 2412”) nicht in politischen Erfolg ummünzen konnte. Mit seiner Liste GILT wollte er bei der Nationalratswahl 2017 dem radikalen Konzept der “offenen Demokratie” zum Durchbruch verhelfen, der Nationalrat sollte nur noch ausführendes Element von nach dem Losverfahren besetzten Bürgerparlamenten sein. Zum Wahlkampfabschluss entlud er eine Fuhre Mist vor dem Parlament. “Wenn schon Schmutzkübelkampagne, dann aber richtig”, kommentierte er. Letztlich konnten sich nur 48.233 Wähler für Düringers Ideen erwärmen. Unmittelbar nach der Wahl startete er mit dem Kabarettprogramm “Der Kanzler”.