Marilyn Manson gastierte in Wien: “Heute bin ich eure Droge”

Jahrelang war es musikalisch still um US-Schockrocker Marilyn Manson, nachdem seine Ex-Freundin, die Schauspielerin Evan Rachel Wood, und weitere Frauen schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs erhoben hatten. Ende 2024 meldete sich der heute 57-Jährige schließlich mit einem neuen Album zurück, wenig später gab die Staatsanwaltschaft von L.A. bekannt, keine Anklage zu erheben. Seither steht Manson wieder auf der Bühne, am Dienstag spielte er in der Metastadt in Wien.
Der Sänger, der Ende der 1990er mit Platten wie “Antichrist Superstar” (1996) und “Mechanical Animals” (1998) weltweiten Ruhm erlangt hatte und in seiner Musik die amerikanische Doppelmoral anprangerte, wies die Vorwürfe stets zurück, ausgeräumt sind sie freilich nicht. Die Staatsanwaltschaft gab nach einer vierjährigen umfangreichen Untersuchung gegen Brian Warner, wie Manson bürgerlich heißt, bekannt, dass die Vorwürfe zum Teil verjährt seien oder eine Schuld nur schwer nachzuweisen wäre. Mit einigen Frauen einigte sich der Musiker außergerichtlich.
Wiedergewonnene Dynamik und starker Sound
Während seines jahrelangen Rückzugs aus der Öffentlichkeit machte Manson einen Entzug und nahm schließlich das Album “One Assassination Under God – Chapter 1” auf, auf das im August das gleich betitelte “Chapter 2” folgt. Optisch wie musikalisch vollzog er in dieser Zeit eine Wandlung: War Marilyn Manson in den 2010er Jahren mehr eine Karikatur seiner selbst, stand mit Wohlstandsbauch und zugedröhnt auf der Bühne, wo die Songs zu einem Einheitsbrei verschmolzen, präsentiert sich der Sänger nun deutlich erschlankt, dynamisch und stimmlich sattelfest mit einer Show, die weitgehend auf große Inszenierungen – man denke an Predigten von einer Kanzel, das Zerreißen von Bibeln und zahlreiche blutige Selbstverletzungen früherer Auftritte – verzichtet.
Nach dem druckvollen Opener “Nod If You Understand” vom aktuellen Album und einem vom zahlreich in die Metastadt gepilgerten Publikum, das mehrheitlich männlich und deutlich über 40 Jahre alt war, frenetisch mitgegrölten “Disposable Teens” aus dem Jahr 2000 fragte Manson in die Menge: “Wer von euch glaubt an Zeitreisen?” Hörbar viele. Und so begann mit “Angel With The Scabbed Wings” eine 80-minütige Reise in die 1990er Jahre, die musikalisch keine Wünsche offen ließ. Die Rückkehr von Tim Skold am Bass macht den Industrial Sound der frühen Jahre perfekt, Nick Annis und Piggy D. an den Gitarren sowie Gil Sharone am Schlagzeug komplettieren routiniert wie präzise das Klanggewitter, das von einer beeindruckenden Lichtkomposition begleitet wurde.
“Wien, I fucking love you”
Auf große Bühnenkulissen verzichtet man auf dieser Tour, lediglich ein halbes Dutzend umgedrehter Doppelkreuze blinkten zum Takt von 90er Jahre-Krachern wie “Great Big White World” oder “Dried Up, Tied and Dead to the World”. Manson wirbelte in enger Lederhose und ärmellosem Top über die Bühne, dirigierte das Publikum auf den Boxen stehend und rief immer wieder “Wien, I fucking love you” in die Menge.
Im zweiten Teil des Abends peppte Manson seinen Auftritt mit kleinen Kostümwechseln auf: So trug er bei “Nobodies” (“Damals haben sie das erste Mal versucht, mich zum Schweigen zu bringen”, erinnerte er an die Versuche der Medien, ihn für das Schulattentat von Columbine mitverantwortlich zu machen) eine Federboa, zu “The Dope Show” schlüpfte er in ein blassblaues Plüschjäckchen. Einleitend gab es die ersten Zeilen von “I don’t like the Drugs but the Drugs like me”, die Manson schließlich unterbrach und fragte: “Wer ist heute hier, um high zu werden? Heute bin ICH eure Droge!”.
Mit “This is the New Shit” und “mOBSCENE” gab es schließlich doch noch einen von der Menge gefeierten Ausflug in die frühen 2000er Jahre, bevor Manson sein recht kurzes Set mit dem Eurythmics-Cover “Sweet Dreams” und seinem Hit “Beautiful People” beendete. Als Zugabe brachte Manson schließlich noch “Tourniquet” (auf den obligaten Stelzen), das Depeche Mode-Cover “Personal Jesus” und schließlich “If I was your Vampire”. Es war der einzige Song von seinem 2007 erschienenen Album “Eat Me, Drink Me”. Auf Songs aus den fünf weiteren bis 2024 erschienenen Alben und somit jenen Zeitraum, als seine Beziehung zu Wood begann bis zum Ende der Ermittlungen, verzichtet Manson auf dieser Tour. Mit “Exit Wound” blickte er jedoch in die nahe Zukunft: Der Track findet sich auf dem am 14. August erscheinenden Album “One Assassination Under God – Chapter 2”.
(Von Sonja Harter/APA)