Medien nach Anzeige gegen Grasser-Richterin kontaktiert

22.08.2026 • 15:14 Uhr

“Wir wissen, dass sehr viele Akten an die Medien gehen. Das wollten wir verhindern” – damit hat Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer zuletzt erklärt, warum die Anzeige der Anwälte von Karl-Heinz Grasser gegen BUWOG-Richterin Marion Hohenecker direkt beim Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien eingebracht wurde. Man habe “gebeten, möglichst diskret zu ermitteln”, sagte Böhmdorfer. Ganz ging das nicht auf. Medienschaffende wurden nach Einbringen der Anzeige nämlich kontaktiert.

Die Sachverhaltsdarstellung, in der Hohenecker des Amtsmissbrauchs und der Bestechlichkeit verdächtigt wurde, legte Böhmdorfer am 24. Juni 2025 dem Chef der Oberstaatsanwaltschaft, Johann Fuchs, vor. Die Anzeige fußte auf den Unterlagen eines 60-Jährigen, der den Grasser-Anwälten Mail vorgelegt hatte, aus denen sich vorgeblich belegen ließ, dass Hohenecker das BUWOG-Verfahren parteilich und voreingenommen geleitet hatte, Grassers Verurteilung vorab garantiert und dafür Bestechungsgelder kassiert habe. Inzwischen steht fest, dass die Behauptungen des 60-Jährigen samt und sonders erfunden und die Mails gefälscht waren. Die Staatsanwaltschaft Wien hat Ende Juli 2026 das Ermittlungsverfahren gegen Hohenecker und weitere Verdächtige eingestellt.

Rund ein Jahr sah sich Hohenecker allerdings dem Verdacht ausgesetzt, eine korrupte Richterin zu sein. Im gegen sie laufenden Verfahren wurde der 60-Jährige zunächst als Zeuge geführt und – wie man inzwischen weiß – vom Umfeld Grassers für von ihm geltend gemachte Aufwendungen und Spesen bezahlt. Erst am 19. Mai 2026 wurde der Mann fest- und wegen Tatbegehungsgefahr in U-Haft genommen, nachdem der Unterstandlose, der keinen eigenen Laptop besaß, gefakte Mails im öffentlich zugänglichen Lesesaal der Arbeiterkammer in der Wiener Prinz-Eugen-Straße produziert haben soll. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen den mutmaßlichen Schwindler, der Ende Juli nach fünfwöchiger U-Haft gegen gelindere Mittel wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, derzeit wegen Verleumdung, Fälschung von Beweismitteln und schweren gewerbsmäßigen Betrugs.

Journalistin bereits im Sommer 2025 kontaktiert

Wie sich aus der APA vorliegenden Bestandteilen des Ermittlungsakts ergibt, hatte der 60-Jährige offenbar bereits im Sommer 2025 – also kurze Zeit nach Einbringen der Anzeige gegen Hohenecker – versucht, an eine Journalistin einer Tageszeitung heranzutreten. In seiner unmittelbar auf seine Festnahme folgenden Beschuldigtenvernehmung am 19. Mai 2026 gab der Mann dazu zu Protokoll, Grasser-Anwalt Norbert Wess sei “nach meiner zweiten (diese fand laut Aktenlage am 22. Juli 2025 statt, Anm.) oder auch nach meiner dritten Zeugenvernehmung mit der Idee an mich herangetreten, zu Aufklärungszwecken mit Journalisten zusammenzuarbeiten.” Wess habe ihm dabei den Namen einer Journalistin genannt, mit der er “in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht habe”. Das wird von Wess vehement bestritten, wie der APA am Samstag aus dem Umfeld des Anwalts versichert wurde. Wess selbst war zu keiner Stellungnahme bereit, er sei nicht von der Verschwiegenheit entbunden, hieß es gegenüber der APA.

Der mutmaßliche Schwindler behauptet, er habe die Journalistin zu kontaktieren versucht, wie er dem Bundesamt für Korruptionsbekämpfung (BAK) dartat. Er habe ihr “insgesamt drei Mails geschickt, wobei nur einmal ein Autoreply zurückgekommen ist.”

Dass es je zu einem unmittelbaren bzw. persönlichen Kontakt mit der Journalistin gekommen ist, ist aus dem Ermittlungsakt nicht belegt. In der Zeitung, für die die Medienschaffende tätig ist, wurde jedenfalls nicht über den Korruptionsverdacht gegen Hohenecker berichtet. Auch ein weiterer Journalist, der vom Ermittlungsverfahren gegen Hohenecker gewusst haben soll, hielt dicht.

Ex-ORF-Journalist traf mutmaßlichen Urkunden-Fälscher

Im Winter sei er “überraschenderweise” von einem ehemaligen ORF-Journalisten kontaktiert worden, “wobei ich mir nicht erklären konnte, woher er meine Nummer hatte”, legte der 60-Jährige dem BAK dar. Mit diesem Medienvertreter kam es laut Aussage des 60-Jährigen zunächst zu einem Treffen in einem Lokal am Schwedenplatz. “Er legte dann gleich seine Karten auf den Tisch und sagte, dass er mit mir über das BUWOG-Verfahren und das laufende Ermittlungsverfahren gegen die Mag. Hohenecker sprechen möchte. Er zeigte mir auch Inhalte des Aktes, die ihm offenbar zugegangen waren”, gab der mutmaßliche Urkunden-Fälscher in seiner Einvernahme zu Protokoll.

Der Journalist habe ihm “auf keinen Fall seine Quelle nennen” wollen. Es sei danach zu drei oder vier weiteren Treffen gekommen: “Ich war vor allem neugierig, wie und von wem er über diese Sache informiert wurde. Damals hatte ich dann wieder die Hoffnung, dass für mich ein lukrativer Auftrag entstehen könnte, was jedoch nicht der Fall war.” Der Journalist habe “sehr gut informiert” gewirkt und auf einen Kontakt “zu einem Mitarbeiter oder ehemaligen Mitarbeiter des BVT (jetzt DSN)” verwiesen. Nach mehreren Treffen, “in denen wir uns teilweise auch sehr ausführlich ausgetauscht haben”, sei der Kontakt wieder abgebrochen.

Auch dieser Medienvertreter ging mit den Informationen über die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Grasser-Richterin nicht vorschnell an die Öffentlichkeit. “Weil es ihm suspekt war und weil es seinem Ruf als Journalist geschadet hätte”, wie das “Ö1 Mittagsjournal” am Samstag aus einem Gespräch mit dem Medienschaffenden zitierte. Publik wurden die Ermittlungen gegen Hohenecker und der dahinter stehende Angriff gegen die BUWOG-Richterin und die unabhängige Justiz erst, indem die APA und die Wochenzeitung “Falter” nach Einstellung des Verfahrens gegen Hohenecker vor wenigen Tagen darüber umfassend berichteten.