Mediziner fordern Erstattung von Abnehmmedikamenten

09.09.2026 • 12:03 Uhr
Mediziner fordern Erstattung von Abnehmmedikamenten

Die Ärztekammern für Wien und Niederösterreich sowie die Österreichische Adipositas Gesellschaft fordern eine Erstattung der medikamentösen Adipositastherapie durch die Sozialversicherungen. Auch die ärztliche Beratung und Therapiebegleitung dazu solle in den Leistungskatalog aufgenommen und Gesundheitskompetenz im Lehrplan verankert werden, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. An Gesundheitsministerium und Sozialversicherungen wurde ein Offener Brief gerichtet.

Adipositas ist eine chronische Krankheit, für die es heutzutage wirksame Medikamente gibt. Für den Einsatz liegen medizinische Leitlinien vor, sodass eine evidenzbasierte Therapie möglich sei. Dennoch bleibt vielen Patientinnen und Patienten in Österreich der Zugang dazu verwehrt, da die Erstattung im Leistungskatalog der Sozialversicherungen unzureichend abgebildet ist, wurde in der Aussendung zu dem Medientermin erläutert.

Starke Gewichtsverluste ohne OP

“Die Gesundheitspolitik ist gefordert, diese Versorgungslücke zu schließen”, sagte Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. “Adipositas ist die Volkskrankheit unserer Zeit und eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft”, erläuterte die Medizinerin. Das Krankheitsbild entsteht durch ein Zusammenspiel genetischer, hormoneller, psychologischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren und erfordert eine langfristige Behandlung.

Die Adipositasmedizin habe in den vergangenen Jahren einen Paradigmenwechsel vollzogen. Neue Medikamente erreichen nun Therapieerfolge, die bisher nur durch Chirurgie möglich waren, wurde betont. Ohne Operation sind heute durch medikamentöse Therapie Gewichtsverluste von 15 bis zu 25 Prozent erreichbar. Gleichzeitig sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten, die Gesundheit verbessert sich und sogar die Sterblichkeit wird gesenkt.

“Veralteter gesetzlicher Rahmen”

“Wir reden hier nicht von Menschen, die ein paar Kilo abnehmen wollen. Wir reden von Patientinnen und Patienten mit einer schweren chronischen Krankheit. Und diese Krankheit können wir mittlerweile sehr wirksam medikamentös behandeln. Wir greifen mit den neuen Wirkstoffen in jene gestörten neuronalen Verbindungen und Regulationsmechanismen im Gehirn ein, die Hunger, Sättigung und Essverhalten steuern”, erläuterte Bianca Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft.

Die Adipositas Gesellschaft empfiehlt eine medikamentöse Therapie bei einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30 beziehungsweise ab einem BMI von 27 bei Begleiterkrankungen oder Risikofaktoren. “Es ist nicht vertretbar, dass ein veralteter gesetzlicher Rahmen darüber entscheidet, wer Zugang zu einer heute leitliniengerechten Therapie erhält”, sagte Dagmar Fedra-Machacek, Vizepräsidentin der Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich.

Milliardenkosten durch Nichtbehandlung

Die Nichtbehandlung hat auch gesundheitspolitisch einen hohen Preis, wurde in der Aussendung betont. Laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2024 verursacht Adipositas in Österreich geschätzte volkswirtschaftliche Kosten von rund 2,4 Milliarden Euro jährlich.

Auch die Grünen forderten am Mittwoch in einer Aussendung eine öffentlich finanzierte Versorgung bei Adipositas “als rasch umsetzbare Übergangslösung”. Parallel dazu sollen die aus dem Jahr 2004 stammende Liste nicht erstattungsfähiger Arzneimittelkategorien an den heutigen Stand der Wissenschaft angepasst und geeignete medikamentöse Adipositastherapien in die reguläre Erstattung überführt werden, forderte Grünen-Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner. “Wir werden den Antrag in der kommenden Sitzung des Nationalrats einbringen und hoffen im Oktober im Gesundheitsausschuss auf breite Zustimmung.”