Militärkommandant Dialer: Verteidigung gemeinsame Aufgabe

Für Vorarlbergs neuen Militärkommandanten Georg Dialer ist Landesverteidigung eine gesamtstaatliche Aufgabe. “Jeder hat die Pflicht, unser Land zu verteidigen”, so Dialer im APA-Gespräch, er verstehe darunter nicht nur den Dienst an der Waffe. Zuletzt war er als Militärattaché in der Ukraine im Einsatz, der Drohnenkrieg stelle alle europäischen Armeen vor Herausforderungen. Mit dem Aufbauplan 2032+ würden Lücken gefüllt, im Luxus schwelge das Bundesheer deswegen aber nicht.
Als Militärattaché sammelte der 1969 geborene Niederösterreicher noch bis Mitte August an der ukrainischen Front bei den dortigen Kommandeuren Informationen aus erster Hand als Beitrag zum Lagebild, das vom Heeresnachrichtenamt als strategischem Nachrichtendienst der Republik erstellt wird. Seit Anfang September in Bregenz stationiert, wird er künftig nicht mehr von Raketenlärm aufgeweckt. Die rasanten Entwicklungen bei Drohnen bedeuteten einen Paradigmenwechsel in der Kriegsführung wie zu Ende des Ersten Weltkriegs, als Panzer aufkamen. “Luft- und Bodendrohnen erfüllen immer mehr und neue Aufgaben”, so Dialer. Wie Drohnen sich in bestehende militärische Strukturen einreihen und wie man in Rüstung, Beschaffung und Ausbildung reagiere, beschäftige derzeit alle europäischen Armeen.
Für die Planer des Bundesheeres sei diese volatile Lage herausfordernd, weil die Einführung neuer Systeme lange dauere und hohe Militärausgaben der Bevölkerung trotz gewachsenen Bewusstseins für ihre Notwendigkeit noch immer schwer zu verkaufen seien. “Treffen wir heute eine Typenentscheidung für Drohnen, kann diese in sechs Monaten obsolet sein”, verdeutlichte er, “daher ist jetzt nicht der Moment, um hastige Entscheidungen zu treffen.” Was derzeit in Beschaffung begriffen sei, fülle vor allem durch Sparmaßnahmen der Vergangenheit entstandene Lücken: “Das bringt uns wieder auf einen vernünftigen Stand – aber wir schwelgen nicht im Luxus.” Vielmehr ermögliche der Aufbauplan 2032+, dass das Bundesheer seine Primäraufgabe, nämlich die Landesverteidigung, in einem sich ändernden Sicherheitsumfeld erfüllen könne. Derzeit sei man allen Aufgaben gewachsen, “aber man weiß nicht, wie sich die Lage entwickelt”, dem trage der Aufbauplan Rechnung.
Personalgewinnung als größte Herausforderung
Als größte Herausforderung für das Heer nannte Brigadier Dialer die Personalgewinnung: “Soldaten sind das, was wir in Zukunft brauchen werden. Viele Soldaten, auch für die Miliz.” Allein durch mehr Geld und mehr Freizeit werde man aber nicht mehr Personal gewinnen können. Er wolle stärker den Kontakt zur Bevölkerung suchen, in die Schulen gehen. “Ich möchte jungen Leuten sagen: Kommt’s! Es ist nichts perfekt, auch das Militär nicht. Aber ihr könnt hier eine Erfahrung machen, die ihr nirgends sonst macht”, so Dialer, der selbst nach einem Schulabbruch 1987 als 17-Jähriger zum Bundesheer ging und als Jagdkommando-Soldat und Militärattaché zahlreiche Auslandseinsätze absolvierte. Es zeige sich, dass viele Soldaten Erfahrungen in Kampfverbänden als wertvolle und abenteuerliche Zeit in Erinnerung behielten und von angebotenen Ausbildungen profitierten, hier müsse man in der Rekrutierung ansetzen.
Zur geplanten Wehrdienstreform zeigte er sich zurückhaltend: “Wir müssen warten, was angeordnet wird, und das werden wir umsetzen. Aber es wird auf jeden Fall besser, als es jetzt ist.” Ein längerer Grundwehrdienst bedeute vor allem mehr Übungszeit, denn “Militär lebt vom Zusammenwirken.” “Das ist etwas, worauf wir sehr hoffen: Dass die Großverbände dann wieder einmal mit Volltruppe üben können”, betonte er. Nichts könne die Übung im Feld substituieren. Besonders erfreut zeigte er sich über die Wiederbelebung der Miliz und des Einjährig-Freiwilligen Jahres (EF). Die Modernisierung versetze Bundesheerangehörige teilweise durchaus in Aufbruchstimmung, er selbst sei “euphorisch”.
Landesverteidigung als gemeinsame Aufgabe
Aufholbedarf sah Dialer bei der geistigen Landesverteidigung. “Geistige Landesverteidigung ist auch eine Aufgabe der Schulen. Das ist keine Aufgabe, die allein auf unseren Schultern lasten kann”, befand der Militärkommandant. Es müsse vermehrt vermittelt werden, wofür das Bundesheer stehe und worum es bei der Landesverteidigung gehe. Hierbei dürfe nationale Identität nicht klein- oder schlechtgeredet werden. “Jeder hat die Pflicht, unser Land zu verteidigen”, betonte Dialer, der darunter nicht nur den Dienst an der Waffe verstand. Verteidigung sei eine gemeinschaftliche Aufgabe. Umgekehrt gelte: “Ein österreichischer Staatsbürger hat ein Recht darauf, dass das Militär in der Lage ist, ihn zu schützen.”
Die neue Position bedeute für ihn einen “Karrieresprung in jeder Hinsicht”. Angezogen habe ihn an Vorarlberg vor allem die alemannische Mentalität. “Mir taugt der Menschenschlag. Die Leute arbeiten hier von sich aus”, lobte Dialer Arbeitsauffassung, Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit von Stab und Truppe. Mit der Landesregierung und regionalen Sicherheitspartnern werde man mit gemeinsam beschafftem Gerät, das sowohl für militärische Zwecke als auch im Katastrophenfall genützt werden kann, weiter eng zusammenwirken. Die unter Vorgänger Brigadier Gunther Hessel aufgegleisten Vorhaben, etwa die Revitalisierung des Schießplatzes Berg Isel, die Modernisierung der Walgaukaserne in Bludesch (Bez. Bludenz) und der Bilgerikaserne in Bregenz, werde er weiter vorantreiben.
Zur Person: Georg Dialer wurde 1969 in Wiener Neustadt geboren und ist seit 1987 beim Bundesheer. Er absolvierte die Militärakademie und ließ sich in Frankreich weiterführend ausbilden, so besuchte er die französische Heereskriegsschule, den französischen Kommandokurs sowie den Dschungelkampfkurs der Fremdenlegion in Französisch-Guayana. 1998 musterte er als Leutnant zum Jagdkommando aus, wo er bereits zuvor als Unteroffizier eingesetzt war. In der Eliteeinheit bekleidete er zahlreiche Funktionen, darunter Gruppen-, Zugs- und Kompaniekommandant, Lehroffizier für Kampfschwimmer sowie Stabsoffizier. Der Fallschirmspringer und Bergführergehilfe war mehrere Jahre im Ausland im Einsatz, etwa am Balkan, in Afghanistan und in Zentralafrika. Dialer ist verheiratet und Vater eines Kindes.
(Das Gespräch führte Angelika Grabher-Hollenstein/APA.)