Neue Präventionsempfehlungen für Herz-Kreislauf-Krankheiten

Der veröffentlichte “Österreichische Lipidkonsensus 2026” gibt Medizinerinnen und Medizinern neue Behandlungsempfehlungen zu Cholesterin und anderen Blutfetten vor. Der Fokus lag auf der Früherkennung von Risikofaktoren, wie Florian Kronenberg und Florian Höllerl – zwei der vier Koordinatoren des Papiers – im APA-Gespräch erklärten. Die beiden Mediziner plädierten für regelmäßigere Vorsorgeuntersuchungen und leitliniengemäße Nutzung von cholesterinsenkenden Medikamenten.
“Oft wird fälschlicherweise angenommen, Krebs wäre die häufigste Todesursache in Europa, doch es sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen”, verdeutlichte Kronenberg, Leiter des Instituts für Genetische Epidemiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. In Österreich sterben 37 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer daran. “Frauen erhalten seltener eine adäquate Therapie”, erläuterte Höllerl den Unterschied, “Krankheiten werden unterschiedlich wahrgenommen, Herzinfarkte laufen anders ab.” Zu diesem Thema gebe es im Papier ein eigenes Kapitel.
Für alle Geschlechter gelte jedoch, dass die Menschen zu wenig behandelt werden würden – und meinten damit vor allem auch die Einnahme von cholesterinsenkenden Medikamenten. Die Experten betonten, dass man an einem erhöhten Cholesterinspiegel “nicht selbst schuld” sei: “Durch Lebensstilmaßnahmen wie Ernährung oder Sport hat man einen Spielraum von einer Verbesserung von zehn bis 15 Prozent.” Das sei zumeist nicht ausreichend, es brauche dann eine medikamentöse Behandlung, um die individuellen Therapieziele zu erreichen. Um diese würden sich aber nach wie vor Mythen und Fake News ranken: “Cholesterinsenkende Medikamente haben einen schlechten Ruf, völlig zu Unrecht. Daher sind Ärztinnen und Ärzte angehalten, ausreichend zu informieren und die Bedürfnisse und Ängste der Patientinnen und Patienten ernst zu nehmen.”
Risikofaktor Lipoprotein(a)
Der Fokus des neuen Konsensus liege dabei auf der Prävention. Denn ein Großteil der Herz-Kreislauf-Erkrankungen lasse sich durch eine konsequente Behandlung von erhöhtem LDL-Cholesterin und anderen Risikofaktoren vermeiden. Wichtig sei hier die Vorsorgeuntersuchung, die derzeit nur knapp 19 Prozent der Bevölkerung wahrnehmen würden. Doch gerade, was die Cholesterinparameter betreffe, könne die Vorsorgeuntersuchung optimiert werden. “Das ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen. Entscheidend ist, dass das Lipoprotein(a), kurz Lp(a), hinzukommt”, erklärte Höllerl.
Das Lp(a) sei ein Risikofaktor, der der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sei. Dabei habe jede fünfte Person einen Wert, der das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöhe. Die Empfehlung sei daher, dass der Wert bei jedem Erwachsenen mindestens einmal im Leben gemessen werden soll. Die Autoren berechneten konkret den Nutzen für Österreich: Würden 10.000 Menschen auf Lp(a) getestet und die Betroffenen intensiver behandelt werden, ließen sich 60 Herzinfarkte, 13 Schlaganfälle und 26 Todesfälle verhindern. “Lp(a) ist der Risikofaktor, von dem die meisten Menschen noch nie gehört haben – obwohl jede fünfte Person betroffen ist. Ein einziger Bluttest im Leben kann Familien warnen, bevor der erste Herzinfarkt passiert”, erläuterte Kronenberg.
Erstes Lipidprofil bereits in der Jugend
“Die eigentliche und über Fachdisziplinen hinweg gesehene Erfolgsgeschichte wäre es, wenn Menschen erst gar nicht mehr mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommen müssten. Drei von vier Betroffenen hatten vorher keine Behandlung – das ist der Punkt, an dem wir als Gesellschaft ansetzen müssen, nicht erst danach”, so Höllerl. Kronenberg ergänzte: “Wenn Sie ein Auto haben, dann fahren Sie regelmäßig zum Service. Sie fahren die Reifen nicht so lange, bis sie platzen oder vollkommen abgefahren sind. Bei der Gesundheit ist es offensichtlich nicht so. Die Leute ,fahren’ so lange, bis es irgendwann knallt, sie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben. Dabei wäre das vorhersehbar und durch vorbeugende Maßnahmen vermeidbar gewesen.”
Wichtig sei, dass man hier bereits in der Jugend ansetze. Ein erstes Lipidprofil solle bereits im Alter von 18 bis 20 Jahren erstellt werden. Auch hier gebe es wieder einen Unterschied bei den Geschlechtern, denn bei jungen Männern werde immerhin im Zuge der Stellung für den Wehrdienst ein Blutbild gemacht. Dafür seien Frauen tendenziell gesundheitsbewusster. Außerdem solle man mindestens einmal im Leben den Lp(a)-Wert messen lassen.
Das Papier wurde in der “Wiener klinischen Wochenschrift” veröffentlicht und gemeinsam mit 15 österreichischen Fachgesellschaften erarbeitet. Koordiniert wurde es von Kronenberg, Höllerl, Helmut Brath und Gersina Rega-Kaun.