Österreichischer IS-Anhänger von Polizei in Türkei getötet

08.09.2026 • 14:12 Uhr

Im Zuge eines Polizeieinsatzes gegen den Islamischen Staat (IS) in Istanbul hat die türkische Polizei am vergangenen Donnerstag, 3. September, einen österreichisch-türkischen Doppelstaatsangehörigen erschossen, nachdem dieser das Feuer auf die einschreitenden Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten eröffnet hatte. Das teilte das österreichische Innenministerium am Dienstagfrüh in einer Aussendung mit.

Der 20-Jährige wurde demnach von den türkischen Behörden verdächtigt, in Verbindung mit der Terrororganisation IS zu stehen und einen Anschlag in der Türkei zu planen. Bereits seit 2025 wurde in Österreich aufgrund seiner Absicht, ins Ausland auszureisen und sich dem IS anzuschließen, ermittelt. Nach einer Verurteilung und dem Durchlaufen eines Deradikalisierungsprogramms von Derad hielt der Beschuldigte laut Innenministerium an seinen Plänen fest und reiste schlussendlich in die Türkei aus. Ende August beendete die Bundesregierung die Zusammenarbeit mit Derad, weil “mehrere im Verein relevante Akteure” Bezüge zur Ideologie der Muslimbruderschaft aufwiesen, hieß es vom Verfassungsschutz.

In Österreich wegen Terrorverdacht verurteilt

Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) stellte 2025 in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) Wien die Radikalisierung und IS-Sympathien des österreichisch-türkischen Doppelstaatsbürgers fest und beobachtete dessen Absicht, sich dem IS anschließen zu wollen. Damals hatte der Verfassungsschutz eindeutige Hinweise auf eine bevorstehende Ausreise nach Ägypten. Daraufhin nahm ihn die DSN schließlich im Mai 2025 fest.

In der Folge befand sich der Beschuldigte zwischen Mai und November 2025 in Untersuchungshaft. Er wurde unter Auflagen freigelassen und im März 2026 erneut im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien festgenommen, nachdem die DSN festgestellt hatte, dass er sich trotz aufrechten Waffenverbots für Waffenkäufe interessierte.

Ende Mai 2026 wurde der Beschuldigte im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation und terroristischen Vereinigung sowie Verstößen gegen das Waffengesetz verurteilt und unter der Anrechnung der zuvor geleisteten Untersuchungshaft entlassen.

Der 20-Jährige hatte sich gemäß einer gerichtlichen Auflage laufend bei Sicherheitsbehörden zu melden und ein Deradikalisierungsprogramm zu durchlaufen. Dabei nahm er seit seiner ersten Entlassung im November 2025 an einem Programm des Vereins Derad teil.

Derad-Gründer Moussa Al-Hassan Diaw sagte, dass eine Deradikalisierung bei dem Mann “gar nicht richtig begonnen” habe. Er habe den jungen Mann im November 2025 kennengelernt. Der Verdächtige habe sich nicht an die Bewährungsauflagen gehalten und den Kontakt abgebrochen, sagte er im Ö1-Mittagsjournal. Die eigenen Eltern hätten den jungen Mann den Behörden gemeldet, weil sie sich Sorgen gemacht haben. Er habe Propaganda verbreitet und sei zudem suizidgefährdet gewesen.

Wer nicht bereit sei, Hilfe anzunehmen, könne von Deradikalisierungsprogrammen allein nicht aufgefangen werden, erklärte der Grazer Politikwissenschafter Jeremy Stöhs: “Wenn es dann soweit ist, dass die Person nicht dafür zu gewinnen ist, dann müssen wir uns auf unsere Nachrichtendienste und auf unseren Staatsschutz verlassen, dass die diese Person im Auge behalten. Dafür sind sie da”, sagte der Experte des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) dem ORF-Radio.

Festnahme in der Türkei nach Zusammenarbeit mit österreichischen Sicherheitsbehörden

Im Juli 2026 reiste der Mann widerrechtlich in die Türkei aus, wo er von den türkischen Behörden nach enger Zusammenarbeit mit österreichischen Sicherheitsbehörden festgenommen werden konnte.

Unter Auflagen wurde er von türkischen Justizbehörden schließlich in der Türkei wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei einer Amtshandlung rund um den IS in der Türkei eröffnete der 20-Jährige das Feuer auf Polizistinnen und Polizisten, woraufhin er beim anschließenden Schusswechsel durch die türkische Polizei erschossen wurde.

In Österreich lief bisher ein Verfahren zur Aberkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Ebenso trat nach seiner widerrechtlichen Ausreise eine Festnahmeanordnung in Kraft.

FPÖ fordert “Neuaufrollung” von Derad-Fällen

Angesichts der vor knapp zwei Wochen bekannt gewordenen Auflösung der Zusammenarbeit mit Derad fordert die FPÖ nun eine “Neuaufrollung” aller von Derad betreuten “Islamisten-Fälle”. “Hier darf nicht zur Tagesordnung übergangen werden. Denn es ist nicht auszuschließen, dass dieser Islamist bei diesem mutmaßlich von der Muslimbruderschaft unterwanderten Verein weiter radikalisiert wurde – finanziert mit Steuergeld”, erklärte der freiheitliche Sicherheitssprecher Gernot Darmann in einer Aussendung.

Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) sagte, am Dienstag am Rande einer Pressekonferenz danach gefragt, es müsse “klare Handlungsableitungen” geben, “wenn Menschen, nachdem sie in Haft gesessen sind und Deradikalisierungsmaßnahmen besucht haben und das alles nichts gebracht hat”. Es stimme sie “nachdenklich”, wenn der Nährboden für Islamismus und Terrorismus “sich in den Institutionen breit macht”. Sie verwies neben dem aktuellen Fall von Derad auf einen Mitarbeiter der DSN, der im Vorjahr Datenabfragen zur islamistischen Muslimbruderschaft vorgenommen und Informationen über Ermittlungen weitergegeben haben soll.