Priester schildert dramatische Zustände in Syrien

Unvorstellbare Armut, steigende Kriminalität, eine für die meisten Menschen unerschwingliche medizinische Versorgung, politische Instabilität und immer weniger Hilfe aus dem Westen. So fasst der in Wien tätige Priester Hanna Ghoneim aus Syrien die aktuelle Lage in seiner Heimat zusammen. Ghoneim leitet das Wiener Hilfswerk “Korbgemeinschaft”, das in Syrien tätig ist. Darüber berichtete die Katholische Presseagentur Kathpress am Sonntag.
Geschehnisse in Syrien “menschenunwürdig”
“Was in Syrien derzeit geschieht, ist auf jeden Fall menschenunwürdig”, so das Fazit des Geistlichen, der zugleich um Spenden bittet. In einem Kathpress vorliegenden Bericht schildert er die aktuellen Zustände vor Ort. Mittlerweile gebe es zwar mancherorts wieder Strom, “leider jedoch nicht überall und außerdem ist der Strom sehr teuer geworden”. Das Monatsgehalt der meisten Menschen könne die Kosten dafür nicht abdecken. “Die Energiepreise sind kürzlich wieder abrupt um 30 Prozent gestiegen. Damit sind fast alle Waren aufgrund gestiegener Transportkosten empfindlich teurer geworden”, berichtet Ghoneim. Selbst Brot sei teurer geworden.
Das durchschnittliche Monatsgehalt liege derzeit umgerechnet bei 100 Euro. Das sei immerhin höher als in der Vergangenheit. Eine Familie brauche jedoch mindestens 1.000 Euro, um über die Runden zu kommen. Zudem sei die Arbeitslosigkeit enorm und Einkommen sehr ungerecht verteilt. “Einige bekommen in fremden Devisen sogar vierstellige Summen, andere werden in lokaler Währung sehr schlecht bezahlt” schildert Ghoneim die ungleiche Vermögensverteilung.
“Chaos” in Politik und Wirtschaft
Außerdem gebe es in Syrien immer noch kein Parlament, das Gesetze erlässt. Man merke, “dass in der Politik und Wirtschaft Chaos herrscht und dass die jetzige Regierung viele Schwierigkeiten zu bewältigen hat”. Darüber hinaus sei das Unterrichtsniveau an staatlichen Schulen merklich zurückgegangen. Das Bildungsniveau an Privatschulen sei noch gut, allerdings seien Schulkosten enorm gestiegen und würden Familien sehr belasten. “Viele Familien fragen hier ratlos um Hilfe”, so der Priester.
Auch die medizinische Versorgung sei mangelhaft: “In Spitälern fehlt es oft an Materialien für Behandlungen und Operationen. In manchen Fällen muss der Patient diese selbst besorgen und beistellen, denn sonst kann die Behandlung nicht durchgeführt werden”. Allein die Kosten für eine Diagnose seien für viele Syrer unerschwinglich. Zwar gebe es auch private Krankenhäuser, “aber die sind sehr kostspielig”. Daher müssten etwa Krebskranke mit astronomischen Summen rechnen. Auch hier seien die Folgen für Familien verheerend.
Zudem drohe vielen sozialen Einrichtungen wie Altersheimen, Waisenhäusern oder Behindertenschulen die Schließung. Denn die Finanzierung von Personal und Aufrechterhaltung des Betriebs gestalte sich immer schwieriger.
Weniger finanzielle Unterstützung aus dem Westen
Zugleich nehme die finanzielle Unterstützung von Hilfswerken aus dem Westen ab. Auch Investoren würden in Syrien ausbleiben, “da es weder eine gesunde Infrastruktur, noch Sicherheit gibt”. Die politische Lage sei instabil und die Kriminalität nehme zu.
Als Beispiel nennt der Geistliche organisierte Kriminalität in der Umgebung von Damaskus: “Es gibt etwa große, spezialisierte Diebesbanden in der Umgebung von Damaskus, die auf den Raub von Kabeln spezialisiert sind. Da die Internetkabel teuer sind, werden sie abgerissen ohne Rücksicht auf die Dienstleistung, die sie erbringen. Dann bleiben die Menschen ohne Kommunikation zurück”.
Schwierige Sicherheitslage am Land
Auf dem Land sei die Sicherheitslage noch prekärer als in den Städten. “Große Angst hat man vor Motorradfahrern, die den Passanten Sachen im Vorbeifahren aus den Händen reißen”, erklärt Ghoneim. Die Bevölkerung sei hilflos gegenüber solchen Vorfällen: “Niemand kann etwas dagegen tun, da solche Räuber meistens bewaffnet sind. Den Schutz durch eine funktionierende Polizei gibt es kaum”.
Trotz dieses erschreckenden Befunds will Ghoneim die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgeben. “Es ist vielleicht gerade jetzt die Zeit, die Kultur der Nächstenliebe mit aller Kraft zu fördern und zu verbreiten. Es beginnt alles klein. Mit viel Ausdauer, Glaube, Hoffnung und Beharrlichkeit können wir viel zur Heilung der Gesellschaft beitragen”, so der Priester.
Tätigkeiten der Korbgemeinschaft in Syrien
Die Hilfe der Korbgemeinschaft kommt der christlichen Minderheit in Syrien, aber auch vielen Muslimen zugute. Partner vor Ort sind kirchliche Einrichtungen und einzelne Priester. Die Korbgemeinschaft unterstützt sie bei ihren seelsorglichen und sozialen Tätigkeiten. Beispielsweise erhalten Binnenflüchtlinge bei der Begleichung von Mieten und Energiekosten Unterstützung. Zudem wird Bekleidung für Bedürftige organisiert oder ärztliche Versorgung vermittelt.
Die Korbgemeinschaft hat auch bei Damaskus eine Großbäckerei errichtet. Die Bäckerei stellt günstiges Brot für bedürftige Menschen her. Zudem wurden einige Sozialmärkte eröffnet. Dort können Menschen Grundnahrungsmittel zu stark verbilligten Preisen kaufen. Für die Korbgemeinschaft sind in Syrien eine Reihe von lokalen Freiwilligenteams tätig, die konkrete Hilfe vor Ort umsetzen.
Protektor der “Stiftung Korbgemeinschaft” ist Erzbischof Josef Grünwidl.
(Redaktioneller Hinweis: Die “Korbgemeinschaft” bittet dringend um Spenden für Syrien: Spendenkonto: Korbgemeinschaft, IBAN: AT94 2011 1828 5755 6000, Spenden sind steuerlich absetzbar. Weitere Informationen unter: )