“profil” liegen Protokolle vor: Taliban-Vertreter in Wien

04.09.2026 • 16:36 Uhr
"profil" liegen Protokolle vor: Taliban-Vertreter in Wien

Vor rund einem Jahr reisten Vertreter der afghanischen Taliban-Verwaltung nach Wien, um die österreichischen Asylbehörden bei Abschiebungen nach Afghanistan zu unterstützen. Sie sollten die Identität und Staatsangehörigkeit von ausreisepflichtigen und straffälligen Afghanen feststellen, damit die notwendigen Heimreisezertifikate ausgestellt und Abschiebungen ermöglicht werden konnten. Protokolle des Besuchs liegen nun dem “profil” vor, so das Nachrichtenmagazin am Freitag.

Taliban-Delegation in Wien

Vertreter der radikalislamistischen afghanischen Taliban-Verwaltung haben Mitte September 2025 in zwei Wiener Haftanstalten mehr als 30 ausreisepflichtige und straffällige afghanische Staatsangehörige zur Feststellung ihrer Identität und Staatsangehörigkeit befragt. Die Gespräche in der Justizanstalt Simmering und im Polizeianhaltezentrum Hernalser Gürtel dienten der Ausstellung von Heimreisezertifikaten und sollten damit Abschiebungen nach Afghanistan ermöglichen. Die Befragungen wurden großteils auf Dari mit Unterstützung eines sprachkundigen österreichischen Referenten geführt, teilweise aber auch auf Paschto.

Auf Anfrage der APA erklärte das Innenministerium, dass die auf Paschto geführten Interviews anschließend auf Englisch oder Dari nachbesprochen wurden, um “eine korrekte inhaltliche Erfassung” durch die anwesenden Vertreter der österreichischen Behörden sicherzustellen. Laut “profil” Recherche hing es vom Goodwill der Häftlinge und der Taliban ab, wie viel die österreichischen Beamten von den Gesprächen verstanden.

Entlassung von 14 Afghanen nach den Interviews

Aus den dem “profil” vorliegenden Protokollen geht hervor, dass 14 der von den Taliban befragten Afghanen nach dem Interview wieder entlassen wurden. Demnach befanden sich die Männer offenbar nicht in regulärer Haft. Tatsächlich wurden sie für die Vorführung vor der afghanischen Delegation von der Polizei abgeholt. Das Innenministerium erklärte dazu, dass das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) unter bestimmten Voraussetzungen die Festnahme von unrechtmäßig aufhältigen Fremden anordnen könne. Eine solche Anhaltung könne bis zu 72 Stunden dauern, in denen geprüft werde, ob weitere Sicherungsmaßnahmen wie Schubhaft oder ein gelinderes Mittel erforderlich seien.

Alle Personen seien im Zuge der Festnahme über den Grund der Festnahme und die geplante Vorführung vor Vertretern der afghanischen Verwaltung informiert worden, erklärte das Innenministerium. Die Interviews hätten ausschließlich der Feststellung von Identität und Staatsangehörigkeit zur Ausstellung eines Heimreisezertifikats gedient. Da es sich dabei um eine reine Beweisaufnahme gehandelt habe, habe nach Ansicht des Ministeriums kein Recht auf Beiziehung einer Rechtsvertretung bestanden.

In mindestens zwei Fällen beschwerten sich Betroffene laut “profil” über das “ruppige” Vorgehen der Polizei bei Festnahmen. Das Vorgehen der österreichischen Behörden wurde dabei als rechtswidrig beurteilt.

Nur wenige direkte Abschiebungen nach Afghanistan

Laut Innenministerium verließen 202 afghanische Staatsangehörige im Jahr 2025 Österreich, davon 170 zwangsweise und 32 eigenständig. Im ersten Halbjahr 2026 kamen weitere 166 afghanische Staatsangehörige hinzu, darunter 108 zwangsweise und 58 eigenständige Ausreisen. Die Statistik erfasst allerdings die Nationalität der Ausreisenden und nicht das jeweilige Zielland.

Laut “profil”-Recherchen wurden die meisten Afghanen nicht nach Afghanistan, sondern in Drittstaaten abgeschoben.

Frauen werden nach Angaben des Innenministeriums aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Oktober 2024 nicht nach Afghanistan abgeschoben. Weitere Abschiebungen nach Afghanistan seien derzeit in Vorbereitung.

Europas Zusammenarbeit mit den Taliban nimmt zu

Österreich gehörte mit der Identifizierungsmission im September 2025 zu den ersten europäischen Staaten, die auf Behördenebene direkt mit Vertretern der Taliban-Verwaltung zusammenarbeiteten. Seither haben sich die Kontakte in Europa ausgeweitet: Die radikalislamistischen Taliban entsenden eigene Vertreter nach Europa und verfügen etwa in Deutschland und Norwegen über diplomatische Vertretungen, ohne von diesen Staaten offiziell als Regierung Afghanistans anerkannt zu sein. Auch in Brüssel kam es zu Kontakten mit der EU-Kommission. Im Juni empfing die Kommission Taliban-Vertreter und bezeichnete sie dabei als “de facto Machthaber”, um den Eindruck diplomatischer Anerkennung zu vermeiden.