“Queeres Altern” besondere Herausforderung

Der Juni rückt traditionell als “Pride-Monat” die Rechte der LGBTIQ+-Community in den Vordergrund. Ab Juli geraten diese dann oft in Vergessenheit, kritisieren NGOs jedes Jahr. “Diskurs. Das Wissenschaftsnetz” hat das Monatsende als Anlass genommen, um über aktuelle Herausforderungen zu sprechen. Erstmals gehen in den nächsten Jahren viele offen queere Menschen ins Pensionsalter über. Studien des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigen positive und negative Entwicklungen.
Die Bundeshauptstadt etwa sei “out at work”, betonte Studienautorin Viktoria Eberhardt vom Institut für Konfliktforschung. Drei Viertel der Befragungsteilnehmer (4.581 Teilnehmer:innen, 4.6.2024 – 17.11.2024) in Wien seien der Studie zufolge zumindest einer Person gegenüber am Arbeitsplatz geoutet. Nur mehr 13 Prozent seien niemandem gegenüber offen. In einer vorhergehenden Studie 2015 waren das noch 30 Prozent. Besonders gestiegen ist die Offenheit gegenüber Vorgesetzten: von einem knappen Drittel (2015) auf zwei Drittel (2025).
Leicht zurückgegangen seien Gewalt und Diskriminierung im Bildungsbereich. Wenn, dann handelt es sich jedoch nicht um einen Einzelfall, sondern “andauerndes lächerlich Machen, Einschüchterungen, Witze und Drohungen gegenüber der Community”, so die Studie. Das Problemfeld sei aber der öffentliche Raum: Gaben 2015 noch 28 Prozent an, in den vergangenen zwölf Monaten Gewalt- oder Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben, waren es 2025 gar 38 Prozent. Am stärksten betroffen sind laut IHS-Studie Personen, die sich als trans oder non-binär identifizieren, knappe 60 Prozent erfuhren Gewalt oder Diskriminierung. 40 Prozent der Befragten unternehmen nichts gegen körperliche Gewalt, wohl auch, weil viele nicht um die Antidiskriminierungsregeln Bescheid wüssten, mutmaßte Eberhardt.
Älteren-Einrichtungen kaum sensibilisiert
“Es gibt uns und wir werden jetzt auch alt”, leitete Karin Schönpflug vom IHS ihren Beitrag ein. “Queeres Altern” bringe viele Herausforderungen mit, die es bei Heterosexuellen nicht gäbe. Erstmals erreicht gerade eine große queere Kohorte das höhere Alter. Konservativ geschätzt seien fünf Prozent der über 60-Jährigen LGBTIQ+ Personen, was in Österreich 80.000 Menschen entspreche. Während in Deutschland eigene Altersheime gebaut würden, gäbe es in Österreich kaum Organisationen, die sich mit dem Thema LGBTIQ+-Altern befassen, bestehende Einrichtungen seien kaum sensibilisiert, so Schönpflug.
Probleme wie kumulierte Diskriminierung im Lebensverlauf, soziale Isolation, das “AIDS-Überlebenden-Syndrom”, mangelnde Gesundheitsversorgung, fehlendes Spezialwissen zu Pflege, Demenz und Palliativ-Versorgung für queere Menschen hängen von der Eigeninitiative weniger Spezialisten und Spezialistinnen ab. “Es gibt keine spezifischen psychosozialen Betreuungs- oder physischen Pflegeangebote für Betroffene, die – einmal mehr – auf sich allein gestellt sind”, so die Kritik.