Radu Jude zeigt “menschlichen Preis der Arbeitsmigration”

30.10.2026 • 16:12 Uhr
Radu Jude zeigt "menschlichen Preis der Arbeitsmigration"

Feine Satire, zärtliches Beziehungsdrama, ein Theaterstück im Film, die Perspektive einer rumänischen 24-Stunden-Kraft in einer gut situierten französischen Familie: Die Filme von Radu Jude sind nicht leicht einzuordnen. “Tagebuch einer Kammerzofe” feiert seine Österreich-Premiere auf der Viennale. Darin erzählt der Regisseur von einer Hausangestellten in der Ferne, die ihre Tochter zurücklässt. Der Roman von 1900 diene, erzählt er im APA-Interview, nur als Orientierung.

Der 49-jährige Drehbuchautor und Filmemacher, der 2021 mit “Bad Luck Banging or Loony Porn” den Goldenen Bären der Berlinale erhielt, ist längst Stammgast bei der Viennale. Heuer will er – neben Premierenfeiern, Screenings und Interviews – auch noch u.a. das Kunsthistorische Museum und die Albertina besuchen. “Ich beende gerade die Postproduktion meines nächsten Films”, erzählt der Vielarbeiter im Interview im Hotel Intercontinental Wien.

“Eine Art rumänischen Film im Ausland”

APA: Sie haben “Tagebuch einer Kammerzofe” nach dem Roman von Octave Mirbeau adaptiert. Was stand am Beginn Ihrer Überlegungen: die literarische Vorlage oder reale Geschichten über Arbeitsmigration?

Radu Jude: Alles und nichts davon. Ich habe ein Angebot des französischen Produzenten Saïd Ben Saïd für einen Film mit französischem Bezug erhalten. Ich bin Rumäne und Filmemacher und habe nie länger als ein paar Monate im Ausland gelebt. Also habe ich eine Art rumänischen Film im Ausland gedreht.

APA: Welche Rolle hat der Roman für den Film gespielt?

Jude: Ich habe gedacht, ich könnte das Buch als eine Art Orientierung benutzen. Nämlich als eine Wand, gegen die man Tennis spielt. Die Geschichten über Arbeitsmigration sind in Rumänien sehr stark im Alltag präsent: Ein Viertel der Bevölkerung – oder noch mehr – ist aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert. Auch ich habe Familienmitglieder im Ausland, Kollegen und Freunde. Für manche geht es gut aus, für andere nicht. Einige kommen wieder zurück. Die Arbeitsmigration hat die rumänische Wirtschaft wahrscheinlich in den letzten 25 Jahren gerettet, aber sie hat auch einen menschlichen Preis.

Blick in verborgenen Teil des neuen Europas

APA: Können Sie das näher erläutern?

Jude: Immer wieder hört man von Kindern, die versuchen, sich das Leben zu nehmen, weil ihre Eltern im Ausland sind, um zu arbeiten. Jede einzelne dieser Meldungen hat mich als Vater erschüttert. Ich habe mir schon lange überlegt, wie ich drumherum eine Geschichte erzählen könnte.

APA: In Ihrem Film leidet die Tochter sehr darunter, dass die Mutter nicht da ist und ihren Urlaub daheim immer wieder verschiebt.

Jude: Ich wollte dieses Phänomen zeigen und die menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen, die allesamt Teil eines neuen Europas sind, beschreiben. Das Kind sterben zu lassen, hätte ich nicht übers Herz gebracht.

Fokus auf weibliche Perspektiven

APA: Sie erzählen von Arbeitsmigration aus weiblicher Perspektive. Gibt es dabei große Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Jude: Bei vielen dieser Tätigkeiten handelt es sich um Care-Arbeit und damit um Jobs, die vielfach von Frauen ausgeübt werden; also Putzen, Pflege, Kinderbetreuung. Ich habe von Anfang an eine Frau als Mittelpunkt dieser Geschichte gesehen. Warum, ist mir selbst ein Rätsel, mittlerweile stehe ich bei rund zehn Filmen mit weiblichen Hauptfiguren. Ich arbeite einfach gern mit Frauen. Inhaltlich ist es die Verletzlichkeit der gesellschaftlichen Position von Frauen und die Tatsache, dass sie unter deutlich größerem Druck stehen als ihre männlichen Kollegen.

APA: Sie wagen einen Kunstgriff in diesem Film: Sie verweben die Erzählung der 24-Stunden-Kraft in der Familie mit einer Theaterinszenierung. Die Arbeitsmigrantin Gianina, toll gespielt von Ana Dumitrașcu, probt mit einer Laientruppe Szenen von “Tagebuch einer Kammerzofe”. Was wollen Sie uns damit erzählen?

Jude: Ich betrachte den Film auch als Literaturverfilmung; allerdings durch die Montage. Ich wollte weder das Buch im traditionellen Sinn noch als freie Version adaptieren, sondern Teile davon mit ähnlichen Szenen aus der Gegenwart aufeinanderprallen lassen. So werden unterschiedliche Formen von Ausbeutung sichtbar. Früher war diese offensichtlicher und stärker sexualisiert. Heute existiert das nach wie vor, ist aber oft unter einer Schicht von Höflichkeit, Fortschrittlichkeit und Freundlichkeit verborgen.

An den Grenzen der gutbürgerlichen Freundlichkeit

APA: Diese Angestellte kommt in eine linksliberale, gutbürgerliche und wohlhabende Familie. Wollten Sie ihre bemühte Freundlichkeit demaskieren?

Jude: Nein, ich wollte sie als ganz normale und fürsorgliche Menschen zeigen und erzählen, was passiert, wenn sie in Gefahr geraten und ihre Interessen über die der anderen stellen. Diese Menschen sind freundlich, aber ihre Freundlichkeit kennt Grenzen. Ich sage nicht, dass sie Heuchler sind. Ich finde, das gesamte System unserer Beziehungen muss infrage gestellt werden.

APA: Immer wieder kommunizieren die Mutter und die Tochter über eine große Distanz über Videotelefonie miteinander. Was hat Sie daran interessiert?

Jude: Mich interessiert die Form des Briefromans, die durch neue Technologien andere Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Alte Frauen auf dem Land betreiben Videotelefonie, verschicken Fotos, bleiben über Social Media in Kontakt. Die Menschen verschicken Videobriefe. Das wollte ich darstellen.

APA: Daneben beinhaltet die Montage Bilder von verlassenen Dörfern.

Jude: Ich habe die Bilder aus Rumänien nicht einfach deswegen verwendet, weil ich Rumäne bin. Sie waren wichtig für die Sprache dieses Films. Heute gibt es auf dem Land in Rumänien sehr viele verlassene Dörfer. Jenes, in dem wir gedreht haben, war leer. Nur ein paar Menschen aus Bukarest kommen am Wochenende oder im Sommer in ihre Zweitwohnsitze dorthin. Wir haben im Winter gedreht.

(Das Gespräch führte Julia Schafferhofer/APA)

(S E R V I C E – “Tagebuch einer Kammerzofe” ist im Rahmen der Viennale am 30.10. um 20.15 Uhr im Wiener Gartenbaukino sowie am 31. Oktober um 23.00 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus zu sehen. )