Rainbacher Spiele überzeugen mit starkem Stück Geschichte

19.06.2026 • 11:14 Uhr
Rainbacher Spiele überzeugen mit starkem Stück Geschichte

“Im Schatten der Maulwurfshügel” hat am Donnerstag bei den Rainbacher Spielen eine lange beklatschte Uraufführung erlebt. Das Stück nach den ersten beiden Teilen von Friedrich Christian Zauners Romantetralogie “Das Ende der Ewigkeit” führt zurück an den Beginn des 20. Jahrhunderts, ins tiefste Innviertel. Es ist Geschichtsunterricht, echtes Sittenbild einer bäuerlich geprägten Gesellschaft und Liebesgeschichte in einem und reüssiert als stimmige Bühnenfassung der Romane.

“Verrückter hätte dieses Jahrhundert gar nicht anfangen können”, liest Erzähler Florentin Groll auf der Bühne aus Zauners Buch. Er ist roter Faden und Erklärer, hält die Szenen zusammen und bringt nach hitzigen Dialogen mit seiner sonoren Stimme Ruhe zurück. Und um ihn herum überschlagen sich die Ereignisse, nur halt im Tempo der Ortschaften Thal, Oed und Fegfeuer. In der schneereichen Silvesternacht kommt des Wirten Lipp (überzeugend: Eric Lingens) vierte Tochter Theres auf die Welt. “Bub ist es keiner”, vermeldet die Altwirtin (herrlich herrisch: Lennie Johnson) und der Wirt schaut nicht einmal nach Frau und Neugeborenem – “Weibsn hab i schon genug”. Einen Sohn bräuchte er, wie er Findelkind Maurits (Georg Hasenzagl), den er am Rückweg von der Hebamme (Vanessa Payer – stark in mehreren Rollen) auf der Straße aufgelesen hat, erklärt.

Damit sind die Hauptfiguren, das spätere Liebespaar Theres und Maurits, eingeführt. Der kleine Maurits schlägt sich durch in einer damals streng hierarchischen Gesellschaft, in der vom Rossknecht bis zur Küchenmagd genau geregelt war, wer was zu tun hat und was und wie viel zu essen kriegt. Vom Lixenbauer (Rainer Stelzig) kommt er zum Pfarrer (Leopold Dallinger) und zum Hölzenreytter (Peter Pausz), der ihm gleich noch die Vaterschaft für sein uneheliches Kind mit Jungmagd Juli (Magda Glas) anhängt, dazwischen sucht er Rat beim Wirten, in dem er eine Art Paten sieht. Als junger Knecht betört er die Frauen – aber wie die Einheimischen nie über seinen Stand hinaus. Nur die freche Theres (Lisa-Carolin Nemec), das vierte Wirtstöchterlein, spielt in einer anderen Liga, und ihr gehört schließlich sein Herz.

Von Zeppelin und Kriegsbeginn

Die geschichtlichen Ereignisse – der erste Zeppelin, die Anfänge der Sozialdemokratie, das Attentat auf das Thronfolgerpaar, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs – finden über Zeitungsschnipsel und in den Gesprächen am Wirtshaustisch statt. Bis ein Socialdemokrat (Simon Hübel) zu einem Vortrag anreist und Thal nicht lebend verlässt und der ersehnte Krieg, weil “Unser Militär ist das beste”, die ersten Thaler gar nicht mehr oder verstümmelt heimschickt.

Aus dem allesamt, Profis wie Laien, sehr gut spielenden Team seien ein paar hervorgehoben: Eva-Christina Binder, die in einer Doppelrolle sowohl die fromme, intellektuelle Wirtin Anna als auch die katzenhafte, lustvolle Hexe Vev sehr überzeugend gibt; Lisa Carolin Nemec als freche, fluchende und unerschrockene junge Theres; Georg Hasenzagl lässt sein unsicheres, verschrecktes, aber wehrhaftes Findelkind Maurits einen selbstbewussten, selbst denkenden jungen Knecht werden. Peter Pausz ist als Hölzenreytter ein Großbauer wie er im Buche steht: selbstgefällig, selbstgerecht und weibstoll. Leopold Dallingers Pfarrer ist eine Sphinx, die ihre Schäfchen aber im Griff hat. Mehrere kleinere Rollen bewältigen Lea Jungblut, Franz Glas, Walter Druckenthaler, Olivia Eder und Benedikt Freudenthaler.

Ungekünstelt und echt

Zwei Romane packt Regisseurin Babett Arens in ein dreistündiges Stück, mit Pause, ohne es zu überfrachten. Die vielen Streichungen und Straffungen tun der Aufführung gut und der Erzählung keinen Abbruch. Wie in Zauners Romanen kommt das damalige bäuerliche Leben ungekünstelt, ungeschönt, eben derb und hart und streng geregelt auf die Bühne. Geprägt von Arbeit, Glauben und Sorgen um die Existenz, gehalten von einer sicheren Ordnung, die aber nun zusehends durcheinander gerät – nicht nur politisch, auch durch rosa Damenunterhosen auf der Wäscheleine – und in einen Krieg mündet, der länger dauert als alle geglaubt hatten. “Keiner konnte voraussagen was passiert, wie heute, wo laute Marktschreier, die keine Vernunftstimmen sind, noch lauter werden”, zog Anne Zauner, Leiterin der Rainbacher Spiele und Tochter des Autors, in einer Einführung Parallelen zur Gegenwart.

Wandelbares Bühnenbild

Klug und herzig ist die Lösung, die ganz jungen Charaktere als Puppen an der Hand ihrer Erwachsenen-Darsteller umzusetzen. Die lange Bühne wird voll ausgenutzt. Auf einem Podest davor haben noch drei Wirtshaustische Platz. Der große Raum wandelt sich von der Wirtsstube zur Kirche – wenn die Rückwand verschwindet und Blick auf den Pfarrer auf seiner Kanzel freigibt – zum Postamt und zur Bauernstube. Kojen links und rechts, übereinander, schaffen Raum für weitere Zimmer und drei Musiker. Klarinette, Cello und Violine sowie acht Mitglieder des heimischen Juvenis-Chor rahmen die Handlung musikalisch – und mitspielend als Statisten. Matthias Deger ließ traditionelle Volksweisen in seine Kompositionen einfließen, die die Handlung sehr stimmig untermalen und begleiten.

Die starke Schlussszene, in der Maurits von drei maskierten Rauhnachtsgesellen “rekrutiert” und vor den Augen einer geheime Liebeszeichen sendenden Theres verschleppt wird, macht Lust auf die Fortsetzung im kommenden Jahr. An einer Bühnenfassung von Band drei und vier, “Früchte vom Taubenbaum” und “Heiser wie Dohlen”, aus Zauners Monumentalepos wird bereits gearbeitet. Dann erlebt man Thal, Oed und Fegfeuer nach dem Ersten Weltkrieg, bis die ersten Nazis über die Grenze kommen.

(Von Ulrike Innthaler/APA)

(S E R V I C E – Rainbacher Spiele “Im Schatten der Maulwurfshügel”, im Theaterstadel Rainbach im Innkreis, nach Romanen von Friedrich Ch. Zauner, mit Musik von Matthias Deger, Bühnenfassung und Regie: Babett Arens, musikalische Leitung: Lina vom Berg, mit u.a. Lisa-Carolin Nemec (Theres), Georg Hasenzagl (Maurits), Florentin Grill (Erzähler) und dem Juvenis Chor. Weitere Vorstellungen am 19., 20., 21., 25. – 28. Juni sowie 2. – 5. Juli, Karten unter Mail: ticket@rainbacher-spiele.at oder 0699 / 192 06 684 und )