Schubertiade bietet vollendetes Musikglück im Bregenzerwald

“Ach wie schön muß sich’s ergeben / Dort im ew’gen Sonnenschein. / Und die Luft auf jenen Höhen, / O wie labend muß sie sein.” Diese Schiller-Zeilen, von der deutschen Sopranistin Christiane Karg gesungen und in der Vertonung von Franz Schubert vom Franzosen David Fray am Klavier begleitet, können getrost als Motto über diesen Sonntag in Schwarzenberg stehen. Die Schubertiade feiert heuer ihr 50-Jahr-Jubiläum, und im Bregenzerwald feiert eine internationale Gästeschar mit.
Die “Financial Times” veröffentlichte kürzlich “A love letter to the Schubertiade”, in dem schwärmerische Sätze wie diese zu lesen waren: “Der Konzertsaal in Schwarzenberg mit 600 Plätzen bietet einen Blick auf Butterblumenwiesen und ferne Hügel. Stellen Sie sich vor, Londons Wigmore Hall wäre in eine der weniger bekannten Ecken des Lake District oder in ein abgelegenes Tal in den Highlands versetzt worden. Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum so viele Musiker hierher pilgern: eine dringend benötigte Auszeit von ihrem ansonsten unerbittlichen Alltag zwischen Flughäfen und städtischen Konzertsälen.”
Schubertiade-Sonntag: Musik von 11 bis 22.15 Uhr
Ein Besuch in dem malerischen 2.100-Einwohner-Ort in 700 Meter Seehöhe, wo das 1976 von Sänger Hermann Prey und Kulturmanager Gerd Nachbauer in Hohenems gegründete Festival seit 1994 seine zweite Heimstätte hat, macht es tatsächlich schwer, nicht zu Superlativen zu greifen. Die sanft geschwungenen grünen Hügel, die alten Häuser mit geschindelter Fassade und die in Holz errichteten modernen Bauten, vor allem aber der in seiner jetzigen Form seit einem Vierteljahrhundert bestehende Angelika-Kauffmann-Saal, den die “FAZ” zu den besten Kammermusiksälen Österreichs und “Die Welt” auf Platz sieben der weltweit schönsten Konzertsäle reiht, bilden eine Einheit, dessen Zauber kaum zu widerstehen ist.
Der Schubertiade-Marathon an diesem prächtigen Sonntag, der inmitten der zweiten sechstägigen Festivaltranche liegt (Anfang Oktober folgen vier weitere Konzerttage im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems), beginnt um 11 Uhr, wenn zwei in Dirndl gekleidete junge Musikerinnen auf der Wiese vor dem Konzertsaal das hier traditionell mit live gespielten Horn-Duetten Schuberts gegebene Einlasssignal anstimmen, und endet um 22.15 Uhr mit den Ovationen nach der letzten Zugabe der Pianistin Elisabeth Leonskaja.
Saal mit Waldblick
Dazwischen kann man nicht nur wunderbarer Musik lauschen, sondern auch durch eine an der linken Saalseite gelegene Fensterfront dem Bregenzerwald bei der Veränderung seiner Lichtstimmungen zusehen. Wenn man nach dem letzten der drei Konzerte über den Balkon ins Freie tritt, leuchtet einem der Mond entgegen. “Und jetzt die Mondscheinsonate!”, denkt man sich. Die wird an diesem Tag nicht gespielt, doch möglich wäre es.
Dass Nachbauer das strenge “Schubert only”-Konzept bald aufweichen musste, wird im Matineekonzert des Sonntags vom tschechischen Pavel Haas Quartett mittels mit Präzision und Leidenschaft vorgetragener Kammermusik von Antonin Dvořák unter Beweis gestellt. Doch nur die Interpretinnen und Interpreten können jung sein, die Komponistinnen und Komponisten nicht. Nachbauer, mittlerweile 75 Jahre alt, verweigert sich der Programm-Blutauffrischung durch zeitgenössische Musik. Und manch ein Beobachter hat Sorge, wie es mit der Schubertiade nach dem Jubiläum weitergehen wird.
Pop-up-Restaurant und Ausstellungen
Noch immer sind die Konzerte voll, doch das sich über den Kartenerlös finanzierende Festival hat sein Angebot reduziert. Waren es in den 2010er-Jahren zwischen 85 und 100 Konzerte, die pro Saison zwischen 32.000 und 39.000 Besucher anlockten, zählte man im Vorjahr bei 69 Veranstaltungen 26.500 Besucher, rund 60 Prozent davon aus Deutschland und der Schweiz. Die Gastronomie hat sich – unter anderem durch ein Pop-up-Restaurant – auf den Gästeansturm der zwei jährlichen Festivalwochen ebenso eingestellt wie die Kunstszene, die während der Schubertiade einige (Verkaufs-)Ausstellungen bietet.
Wenige Meter vom Ortszentrum lockt das Angelika-Kaufmann-Museum, ein prächtiges Heimatmuseum mit einer in den ehemaligen Stall nach allen Regeln der Handwerkskunst gebauten Wechselausstellungshalle (bis 31. Oktober wird hier “Erlesen. Angelika Kauffmann und die Literatur” gezeigt), und mit dem Musikfestival “:alpenarte” (16. bis 18. Oktober) zeigt der Ort, dass es hier mehr als Schubert zu hören gibt. Der wird allerdings in herausragender Qualität geboten.
Sonnenschein und “Leichenfantasie”
Die mittlerweile 80-jährige Elisabeth Leonskaja etwa, weltweit gefeierte Klaviervirtuosin, spiel seit über vier Jahrzehnten regelmäßig bei der Schubertiade. An diesem Sonntag verstörte sie zwar zunächst mit forciertem harten Anschlag der Sonate H-Dur, D 575, der den Bregenzerwälder Holzhackern abgeschaut schien, versöhnte danach aber mit melodiösen vier Impromptus D 935 und wurde am Ende nach dem schwelgerischen Motivreichtum der Sonate A-Dur, D 959, mit Standing Ovations gefeiert.
Und Christiane Karg, seit 2010 bei der Schubertiade, bestritt gemeinsam mit dem sensiblen, völlig in den Hintergrund tretenden Liedbegleiter David Fray mit einem Programm aus Schuberts Vertonungen von Schiller-Gedichten den Mittelteil dieses Tages, der mit Kammermusik, Lied und Klavier das ganze Schubertiade-Füllhorn ausgoss. Zwischendurch brachte sie mit der schaurigen “Leichenfantasie” D7 gespenstische Friedhofsstimmung in diesen strahlenden Sommernachmittag. Doch deutlich stimmiger fasst Schillers “Sehnsucht” zusammen, was in Schwarzenberg geglückt ist und hoffentlich noch viele Jahre Fortsetzung findet: “Du mußt glauben, du mußt wagen, / Denn die Götter leihn kein Pfand, / Nur ein Wunder kann dich tragen / In das schöne Wunderland.”
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – )