Schutzbrief gegen weibliche Genitalverstümmelung ab Herbst

01.08.2026 • 11:59 Uhr

Die Bundesregierung hat sich in ihrem Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen und Mädchen auch den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) zur Aufgabe gemacht. Ab Herbst soll nun der geplante “Schutzbrief” für Gefährdete vorliegen, sagte eine Sprecherin des Familienministeriums am Samstag zur APA. Nach internationalem Vorbild wird das Dokument über FGM aufklären, darauf hinweisen, dass die Praxis in Österreich verboten ist und mit hohen Strafen geahndet wird.

Aussehen soll das Dokument wie ein offizieller Ausweis. “Der Schutzbrief soll beispielsweise einer Familie helfen, die einen Heimatbesuch in Ägypten macht, wenn sie Druck von den Großeltern oder Tanten bekommt”, sagte Projektleiterin Hilde Wolf gegenüber dem ORF-Radio. Viele Familien wüssten gar nicht, dass die Praxis in Österreich als Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen unter Strafe steht. Verboten ist die FGM nicht nur im Inland, auch Mädchen dafür ins Ausland zu bringen, kann bestraft werden.

Im Kanzleramt geht man von 11.000 hierzulande Betroffenen und bis zu 3.000 gefährdeten Mädchen aus. Die Justiz beschäftigen Fälle von FGM aber kaum: Lediglich ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren ist im Zeitraum 2020-2025 bekannt, wie eine aktuelle Anfragebeantwortung von Ministerin Anna Sporrer (SPÖ) an die FPÖ zeigt. Einen vergleichbaren Schutzbrief gibt es auch in Deutschland und der Schweiz. In Österreich soll dieser an “Brennpunktschulen”, in Ordinationen sowie über den Österreichischen Integrationsfonds verteilt werden.

Praxis weit verbreitet

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) ist nach wie vor weit verbreitet. In 92 Ländern, die meisten davon in Afrika, Asien und der arabischen Welt, wird sie durchgeführt, sagte unlängst Cécile Mazzacurati, Programme Adviser Gender beim Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) bei einem Gespräch mit der APA. Motive für die schädliche Praxis gebe es einige, etwa als “Übergangsritus” in der Frauwerdung, zur Heiratsfähigkeit oder aufgrund eines vermeintlichen religiösen Gebots.

Viele Eltern würden “nicht versuchen, ihrer Tochter zu schaden”, sondern versuchen, soziale oder religiöse Normen zu erfüllen. Man beobachte derzeit eine “Medikalisierung” des Eingriffs, also, dass dieser öfter von medizinischem Personal durchgeführt werde. Außerdem wird FGM immer früher durchgeführt. Etwa die Hälfte der rund vier Millionen jährlich betroffenen Frauen würden vor ihrem fünften Geburtstag Opfer des Eingriffs, viele innerhalb der ersten Woche ihres Lebens. Neben Aufklärung der Mädchen sei es daher besonders wichtig, Eltern und Führungspersonen, etwa religiöse Führer, aufzuklären.