Schwebendes Museumsdach von Norman Foster in Bilbao

04.10.2026 • 15:33 Uhr
Schwebendes Museumsdach von Norman Foster in Bilbao

Wie eine riesige silberne Haube scheint sich Norman Fosters Erweiterungsbau über das Museo de Bellas Artes in Bilbao zu legen. Der horizontal geschichtete, leicht geschwungene Baukörper schwebt über den historischen Museumsteilen und wird von markanten v-förmigen Stahlstützen getragen.

Aluminium, Stahl und Glas verleihen dem Neubau “eine futuristische Leichtigkeit, ohne den historischen Bestand zu verdrängen”, erklärte der britische Stararchitekt am Sonntag in Bilbao das Konzept hinter der Konstruktion. Es handelt sich um eine Art “architektonische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart”, welche den ursprünglichen Bau von 1945 und die Erweiterung aus dem Jahr 1970 über eine Länge von 55 Metern überspannt, ohne dass sich die beiden Gebäude berühren, um ihnen nicht ihre eigenständige Präsenz und historische Bedeutung zu rauben.

“Schwebe”-Körper über historischer Substanz

Vor allem der Kontrast zwischen dem historischen Museumsbau aus Backstein und Naturstein und dem darüberliegenden hellen “Schwebe”-Körper erinnert in der Grundidee an Foster-Projekte wie den Reichstag oder den Great Court des Britischen Museums – historische Substanz bleibt sichtbar, während eine modern geprägte Struktur darübergelegt wird.

“Agravitas” – so der Name des Projekts, das Foster gemeinsam mit dem baskischen Architekten Luis María Uriarte entworfen hat – ist eine riesige, freischwebende Fläche von mehr als 2.500 Quadratmetern mit einem Oculus von sechs Metern Durchmesser. Über einer Decke aus weißen Lamellen befinden sich in elf Metern Höhe zwei Etagen sowie eine Terrasse. Die untere Ebene mit einer Fläche von 900 Quadratmetern ist dem Design und der Architektur gewidmet.

Das Obergeschoss “BBK Museoa” bildet das Herzstück: ein prachtvoller, offener Raum von 1.500 Quadratmetern Fläche und sechs Metern Höhe für Wechselausstellungen. Er wird mit zeitgenössischer spanischer Kunst der letzten 25 Jahre mit Werken von June Crespo, Ibon Aranberri, Sergio Prego und Itziar Okariz Klanginstallation “Respiración Oceánica” eröffnet. Die über 500 Quadratmeter große Terrasse mit spektakulärem Blick auf die Stadt dient als Freiluftgalerie mit monumentalen Skulpturen von Anthony Caro.

Unter der schwebenden Konstruktion öffnet sich ein fast 2.000 Quadratmeter großer Platz, der die beiden älteren Gebäude erstmals zu einem zusammenhängenden Museum verbindet. Das stützenfreie und mit einer riesigen Glasfassade versehene sogenannte Atrio Arriaga wirkt dabei eher wie ein überdachter öffentlicher Platz, der “zum neuen Herzen des Museums” werden soll, so Foster.

“Neudimensionierung des Museums”

Dabei wird das Atrio bereits mit beeindruckenden Skulpturen von Eduardo Chillida, Pello Irazu, Cristina Iglesias, Richard Serra und Susana Solano zum ersten Highlight des Museumsbesuchs. Den Mittelpunkt des Atriums bildet die von Francisco Durrio geschaffene Brunnen-Klangskulptur in Erinnerung an den aus Bilbao stammenden Komponisten Arriaga. Den Platz vor dem neuen Museumseingang ziert die Bücherskulptur “Sappho” von Anselm Kiefer, eine Schenkung der Familie Foster.

Fosters Projekt sei jedoch viel mehr als eine bloße Erweiterung, die es dem Museum mit 6.000 zusätzlichen Quadratmetern erlaubt, über 750 der fast 18.000 Kunstwerke auszustellen, die eine Zeitspanne vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart abdecken. “Es handelt sich vielmehr um eine Neudimensionierung des Museums, die uns eine ganz neue Dramaturgie erlaubt”, versicherte Museumsdirektor Miguel Zugaza.

Das traditionsreiche Museum der Schönen Künste verabschiedet sich teilweise von einer streng chronologischen Präsentation. Stattdessen entstehen Dialoge zwischen Epochen und Künstlern, zwischen alten und zeitgenössischen Positionen. Diese Philosophie hänge dabei eng mit der Geschichte des Hauses zusammen. Das Bellas Artes sei vor allem eine “Sammlung von Sammlungen”, erklärte Museumsdirektor Zugaza. Es handelt sich um Vermächtnisse und Schenkungen privater Sammler.

Zwei Ausstellungen zur Eröffnung

So eröffnen auch zwei Ausstellungen die neue Museumsstruktur, die jeweils einem zeitgenössischen Mäzen und Sammler gewidmet sind – dem 2020 verstorbenen Mexikaner Plácido Arango und der Venezolanerin Patricia Phelps de Cisneros. Die Ausstellungen sind in den Gebäuden von 1945 beziehungsweise 1970 untergebracht.

Die erste trägt den Titel eines Textes von Octavio Paz – “Die Suche nach dem Anfang”. Die Familie Arango hat rund hundert Werke der ursprünglichen Sammlung als Leihgabe bis 2030 zur Verfügung gestellt; die Exponate werden alle sechs Monate gewechselt. Zur ersten Auswahl gehören Werke von El Greco, Velázquez, Zurbarán, Murillo, Goya, Fortuny, Zuloaga, Miró und Tàpies.

Die zweite Ausstellung “Visionen von Übersee. Reisende Künstler in der Sammlung Patricia Phelps de Cisneros” bietet anhand von 150 Gemälden, Zeichnungen, Stichen, Karten und Fotografien zwischen dem 17. bis 20. Jahrhundert eine neuartige Sicht auf die Entdeckung der Neuen Welt.

Frank Gehrys nahe Guggenheim-Museum wird das architektonische Wahrzeichen Bilbaos bleiben. Doch Norman Foster gab dem Museo de Bellas Artes zweifellos eine moderne Hülle, die sich auf der Höhe der ausgestellten Werke befindet. Es war das erste in Spanien für moderne Kunst konstruierte Museum und verfügt noch heute über eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des Landes.

Es spannt dabei einen unvergleichbaren Bogen von Altmeistern wie El Greco, Murillo, Zurbarán oder Lucas Cranach dem Älteren über Sorolla, Gauguin und Goya bis hin zu Francis Bacon, Chillida, Tàpies, Miquel Barceló und natürlich den baskischen Avantgardisten wie Eduardo Chillida, Ignacio Zuloaga oder Jorge Oteiza.

(Von Manuel Meyer/APA)

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