„Ich bin ein Leben lang Lehrer gewesen“

Bruno Hartmann wird heute 80 Jahre alt. Die Institution im österreichischen (Frauen-)Ringen ist unweit des Ringerzentrums in Götzis zu Hause und war 1972 bei denkwürdigen Olympischen Spielen in München als Athlet. Als Trainer war er bei seiner Tochter zumeist an der Matte, als diese fünf Mal Weltmeisterin wurde.
Insgesamt über 70 Stufen sind zu bewältigen, bis die Terrasse der Hartmanns erreicht ist. Einen Treppenlift braucht Bruno Hartmann aber noch lange nicht, wie es den Anschein hat. ,,Aber ich merke das Alter schon. Beim KSV Götzis bin ich noch ein wenig engagiert, als Assistenztrainer bei den Schülern. Der Vorteil jedoch ist: ich muss nicht mehr“, sagt der heute 80 Jahre alt werdende Prof. Dr. Bruno Hartmann, dem man das Alter allerdings überhaupt nicht ansieht. Vor Kurzem stellte der Götzner ein Bild in den Status, auf dem er wie ein 60-Jähriger rüberkommt. ,,Das war ein Versehen“, sagt die Institution des österreichischen Ringsports und lacht. Über 40 Jahre Trainer (,,Ich hätte früher des Öfteren 1000 Schilling gegeben, wenn man mir gesagt hätte: du musst heute nicht kommen. Aber ich habe es durchgezogen, die Erfolge waren motivierend.“), davon 20 Jahre Bundestrainer.
Die Männer wiesen lange nicht den Ausmaß der Triumphe auf, die die rot-weiß-roten Ringerinnen vorzuweisen hatten, ,,wir hatten den richtigen Zeitpunkt gewählt, es war noch alles in der Entwicklung“, so Bruno Hartmann, der damit freilich seine Tochter Nikola, die fünf Mal Welt- und Europameisterin wurde, ins Spiel bringt. „Ich war in meiner Funktion als Männer-Bundestrainer auf einem Turnier in Prag, dem Grand Prix von Tschechien, und habe einen Anruf bekommen, dass Niki Weltmeisterin geworden ist“, erinnert sich Bruno Hartmann – und wird sogleich von seiner Tochter korrigiert: „Du hast von einer Raststelle auf der Autobahn angerufen, du hattest ja noch kein Handy!“ Beide müssen lachen. Am 8. August 1993 wurde die gebürtige Götznerin das erste Mal Weltmeisterin, bis zum Jahr 2000 wurde sie in jedem Jahr Welt- oder Europameisterin, in den Jahren 1998 und 2000 gar Welt- und Europameisterin. Bruno Hartmann, der zweifelsohne als der Macher des österreichischen Frauenringens bezeichnet werden kann, saß beim ersten großen Erfolg seiner Tochter also gar nicht an der Matte.
Bücherwurm
Den Vater hat’s gefreut, dass die Tochter vom Speerwerfen zum Ringen wechselte, schließlich hatten ihn die Chinesinnen in Martigny fasziniert, „das Frauenringen, wo 1987 die erste WM zur Austragung kam, wurde in Österreich weder akzeptiert noch groß gefördert“. 1992 war es in Frankreich, wo auf eigene Kosten hingefahren wurde, noch WM-Rang zwölf, die Junioren-WM 1993 fand dann in Götzis statt. Bruno Hartmann entdeckte in dieser Zeit in Kuba eine Trainingspuppe, die von der Decke hing, damit ließen sich spezielle Techniken üben. Und vor allem waren mit ihr auch Trainings alleine möglich, „vormittags hatten wir oft keine Partner. Und am 24. Dezember gingen wir vormittags in die Halle, weil an diesem Tag dort genügend Platz war“, erinnern sich die Hartmanns. „Er war ein brutal ruhiger Trainer, das Konzept wurde auch im Vorfeld besprochen. Und obwohl er natürlich auch Vater war, wusste er vor allem in den Trainings immer, wie weit er gehen konnte“, so Niki.
Der Autor dieser Zeilen kämpfte sich also die Treppe hoch, er war wohl nicht zu überhören. Das Ringer-Urgestein legte seinen Wälzer weg, ,,Bücher sind meine Droge. Wir haben einen kleinen Lesezirkel, mit Wolfgang Berchtold, und unseren Frauen. Jeder schlägt abwechselnd ein Buch vor“, lässt Bruno Hartmann wissen.
Auch Wolfgang Berchtold ist beileibe kein Unbekannter in Götzis, viele erinnern sich an den ehemaligen Starter und vor allem Stadionsprecher des weltbesten Mehrkampfmeetings, für das er vor anderthalb Jahren den Film zum 50-Jährigen geschaffen hatte. Bruno Hartmann hat sich auf seiner Terrasse eine Wohlfühloase geschaffen, einen Steinwurf vom Ringerzentrum entfernt. ,,Du wirst 80, schießt es dir durch den Kopf, und viele sind nicht mehr da, die du gekannt hast. Rosi hat mit mir studiert, wir waren dicke Freunde. Dann ist sie nicht mehr da, und du denkst nach. Sie war 76. Damit setzt du dich auseinander.“

Dann eben zu Hause
Der Götzner wirkt nachdenklich, bei all dem Schmäh, der ihn umtreibt, bei all der Lebensfreude, die der nun 80-Jährige an den Tag legt. ,,Ich nütze den Tag, mache Dinge, die ich noch machen kann. Christl, die Frau an meiner Seite, toleriert das. Auch, dass ich noch immer sehr viel reise. Allein oder mit meiner älteren Tochter Angie. Wir schreiben Reiseblogs unter mexikobrunosolo.worldpress.com, den nächsten im November, wenn es nach Cancun, Belize, Honduras und El Salvador geht. Es gibt Leute, die fragen, was los ist, wenn ich mich dort zwei Tage nicht melde.“ Wenn es nach Bruno Hartmann gegangen wäre, dann wäre er auch zum 80. nicht zu Hause gewesen, ,,aber Angie meinte, das könne ich nicht bringen. Sie fertigte eine spezielle Einladungskarte an, mit mir sozusagen als Buddha in einer Höhle in Laos, und so bin ich also nicht auf Reisen“. Der Götzner („Das Bild mit mir soll die Furchtlosigkeit und den Schutz symbolisieren.“) genießt es sehr wohl, in Verein oder Verband nicht mehr die Hauptverantwortung zu tragen, ein guter Bordeaux ziehe er einer Tätigkeit in der Ringerhalle vor.
Allerdings ist er eben dort noch immer zu finden, eine der einstmals ganz großen Hoffnungen des Frauenringens, Kathrin Mathis, hat sich dort wieder eingefunden und will es als zweifache Mutter noch einmal wissen. Und mit dem ukrainischen Ringer Anton Hrybelnik war Hartmann schon in Georgien im Trainingslager. ,,Du musst zu den Besten der Welt, das habe ich schon immer gesagt.“ Die Kontakte ins Ausland, die Hartmann in seiner Zeit als Bundestrainer so forcierte, um die Erfolge seiner Athletinnen und Athleten sicherzustellen, versuchte er schon Anfang der 1970er aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt freilich, um sich selbst zu helfen. So lernte der damals 24-Jährige bei der WM 1970 in Edmonton den erfolgreichen DDR-Ringer Wolfgang Nitschke kennen (Fünfter in München 1972), den er bald darauf per Brief kontaktierte, ob dieser ihm vielleicht helfen könne, bei der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) unterzukommen.

Dietmar Stiplovsek
München 1972
Seine wohl in jeglicher Hinsicht abwechslungsreichste Zeit waren wohl die Olympischen Spiele 1972. Bruno Hartmann sagt, „die Erinnerungen an diese Zeit waren lange Zeit weg. Sie kamen immer mal wieder auf, als meine Tochter Niki um die Olympia-Qualifikation kämpfte“, sagt der 80-Jährige. Über 30 nationale Titel sammelte der Götzner in seiner aktiven Zeit, alleine 17 in der allgemeinen Klasse. Olympia-, WM- und EM-Teilnahmen waren keine Seltenheit, der sechste Platz an den Europameisterschaften in Skopje war die beste Platzierung. „Als ich die Leichtathletik-EM in München verfolgt hatte, kamen die Erinnerungen auch wieder hoch“, so der Professor, der Philosophie, Psychologie, Erziehungswissenschaften und Sport studiert hat. 26 sei er damals gewesen, „das kritische Denken, wie es im heutigen Ausmaß vorhanden ist, hat erst später eingesetzt“, ließ Bruno Hartmann schon vor knapp fünf Jahren aufgrund von „50 Jahre Olympia 1972“ gegenüber der NEUE wissen und lacht.
September
Das österreichische Ringerteam reiste ein paar Tage vor den Ringer-Wettkämpfen nach München, „der Kontakt mit den israelischen Ringern hatte schon zuvor Bestand und er besteht noch immer. Ich weiß noch, wie ich drei Monate zuvor gegen einen von ihnen gekämpft habe, der dann den Attentätern zum Opfer fiel“, erinnert sich der Weltergewichtler, der in München im Freistil auf die Matte ging, jedoch auch im griechisch-römischen Stil seine Erfolge feierte.“ An den Tag, den 5. September, kann ich mich noch genau erinnern.“ Am Morgen des besagten Tages überfielen die acht bewaffneten palästinensischen Terroristen das Wohnquartier des israelischen Teams in der Conollystraße 31 im olympischen Dorf. Vier der elf Opfer kamen aus der Ringer-Mannschaft. „Wir haben auf dem Balkon die Attentäter gesehen“, erzählt Bruno Hartmann von diesen nicht enden wollenden Stunden im Dorf, das für Freude, Gemeinschaft und Friedlichkeit stehen sollte.
„Die mit Waffen ausgestatteten Gestalten auf dem Balkon waren furchteinflößend, für mich war es schlichtweg ein Verbrechen, dort einzudringen, Menschen zu bedrohen und zwei von ihnen zu erschießen. Da gibt es keine politische Rechtfertigung dafür.“ Auch im rot-weiß-roten Team sei natürlich diskutiert worden, ob die Spiele abgebrochen werden sollten, „aber die weit verbreitete Meinung, dass dies dann nur der Erfolg der Attentäter gewesen sei, war auch bei uns vorherrschend“. Im Weltergewicht war der Götzner chancenlos, wie er selbst sagt, und verlor beide Kämpfe. Auch als Bundestrainer war der 80-Jährige bei Olympia im Einsatz. Das Frauenringen forcierte der Götzner schon vor 1990.
Bis 2009 ging es jeden Monat auf Ringer-Tour, 2010 ließ der ,,ehemalige“ Lehrer die Matten links liegen. ,,Die Reisen, die ich mit meinem Sport unternommen habe, sind nicht mit denen nach meiner Tätigkeit als Trainer zu vergleichen. Da habe ich selten mehr gesehen als die Wettkampfstätten. Aber ich konnte froh sein, einen Direktor wie Alfons Bechter auf dem Bundesgymnasium zu haben, der mit Freistellungen überaus großzügig war.“ Erst nach der Pensionierung habe Hartmann gesehen, wie die Welt richtig aussehe, ,,wie etwa in Laos zwölfjährige Mädchen am Straßenrand irgendwelche Sachen verkaufen, um sich über Wasser zu halten“. Der ,,ehemalige“ Lehrer war zuvor aus einem bestimmten Grund in Anführungszeichen gesetzt, ,,eigentlich bin ich immer noch Lehrer, belehrend, aufklärend. Ich will ins Becken springen, um jemandem das Schwimmen beizubringen. Es ist eine Motivation, die bis heute geblieben ist. In Laos gehe ich in Schulen, um mit Lehrern zu reden. Ich bin ein Leben lang Lehrer gewesen.“
Hartmann ist überzeugt, dass eine Beziehung zu den Schülern entsteht, zwischenmenschliche Beziehungen. ,,Aufgrund meiner Kompetenz herrscht nicht der Aspekt vor, was will der Alte? Ich zeige verschiedene Techniken immer noch vor, auch wenn ich nicht mehr durch die Luft wirble.“ Auf der Terrasse erscheint seine Frau Christl, ,,sie ist das Beste, was mir passieren konnte. 2028 sind wir 60 Jahre verheiratet, ohne sie hätte ich nicht studieren können.“ 2013, als ihr Mann drei Monate auf Südamerika-Tour war, legte Christl Hartmann ihr Veto ein, seither sind derartig lange Reisen passé. ,,Aber wenn es kalt wird, bin ich weg“, so der Götzner, der etwa in Laos über Weihnachten war und ,Stille Nacht‘ sowie die Internationale außer Haus anstimmen musste – ,,das ist Tradition an Weihnachten“. Den sozialen Aspekt habe er von seiner Mutter, die Solidarität mit Menschen und Völkern, denen es nicht so gut geht, wird groß geschrieben.
So ist das Leben. ,,Es ist eine traurige Sache, wie sich die Welt derzeit präsentiert. Es liegt mir sehr am Herzen, dass die Demokratie weiterhin präsent ist und dem Aufkommen eines neuen Faschismus Einhalt geboten wird. Den Jüngeren ist dies nicht so nah, aber für uns, die den Zweiten Weltkrieg oder die unmittelbare Zeit danach noch mitbekommen haben, ist es beängstigend.“ Sagt’s und fügt mit ernster Miene hinzu: ,,Ich bin froh, dass ich schon so alt bin!“ Dass das Erstarken rechter Kräfte in Österreich wie in Deutschland derart auf dem Vormarsch sei, ,,ist den derzeitigen Regierungen geschuldet, sie tun schlichtweg zu wenig“. Aber: Asi es les vida! (So ist das Leben).
Das trifft auch auf diverse Enttäuschungen zu, die Bruno Hartmann von einzelnen Athleten (in die viel Zeit investiert wurde), Verein oder Verband zugefügt wurden, ,,da will ich aber nicht mehr darüber reden. Genauso wenig wie über Athleten, die meinen, es würde ausreichen, drei Mal in der Woche zu trainieren, um oben dabei sein zu können.“ Es sei nun einmal so, dass 1991 nach der Auflösung der Sowjetunion 15 Staaten hinzugekommen sind und 2022 nach dem Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine etliche Athleten nun für Frankreich, Deutschland oder Italien starten.
Bruno Hartmann sagt, er würde eigentlich alles wieder so machen, ,,ich habe fast nichts ausgelassen. An das Ende denkst du unwillkürlich, wenn gute Freunde gehen. Da fällt mir eine witzige Anekdote ein: Als wir vom Jahrgang 1946 einen Ausflug rund um den See gemacht haben, kam im Bus die obligatorische Frage, ob wir alle da seien. Die Antwort von einem in der letzten Reihe war: Ja, aber nicht mehr lange. Es soll auch keine traurige Stimmung sein, es ist schlichtweg eine reale Situation, dass es nicht ewig weitergeht.“
Weinkeller
Bevor die 70 Stufen wieder vor einem auftauchen, geht es zu einem Abstecher in den Weinkeller. Hunderte Flaschen edelster Tropfen sind hier eingelagert, heute zum 80. will sich Bruno Hartmann mit seinen besten Freunden einen Schluck genehmigen. Vielleicht denkt er dabei an seine Tour 2011 auf der rund 80 Kilometer langen Schotterpiste in La Paz/Bolivien („The death road“), als er mit dem Mountainbike in einer Gruppe von 4800 Höhenmetern auf 1200 hinab düste, den Blick 200 Meter links hinunter. Als verdienten Lohn gab es ein Shirt mit der Aufschrift ,,I did it, I’m still alive“. Darauf einen Schluck eines edlen Tropfens aus dem Weinkeller. Zum Wohl!