Sport

Ernst bringt Kuala Lumpur ins Laufen

04.10.2026 • 08:00 Uhr
Günter Ernst
Günter Ernst mit zwei der vielen Helfer und Arbeiter. Privat

Kommenden Sonntag findet der Sparkasse 3-Länder-Marathon mit dem Start in Lindau und dem Ziel in Bregenz statt. Rund 3500 Teilnehmer aus 100 Nationen werden erwartet. Rennleiter Günter Ernst ist aktuell noch in Malaysia, wo er in Kuala Lumpur an diesem Wochenende als rechte Hand des Organisators dabei hilft, einen Marathon mit 44.000 Teilnehmern abzuwickeln. Exklusive Einblicke.

Eigentlich sind die Gegebenheiten in Malaysia für Günter Ernst längst zum Alltag geworden. Seit 2012 unterstützt er den Organisator Rainer Biemans bei der Umsetzung des gigantischen Marathons in Kuala Lumpur, wo 44.000 Läufer an den Start gehen. Trotzdem muss der Rennleiter des 3-Länder-Marathons immer noch schmunzeln, wenn er an die Unterschiede zwischen dem Marathon im Dreiländereck und dem Marathon in der malaysischen Millionenhauptstadt Kuala Lumpur denkt. „Beim Sparkasse 3-Länder-Marathon liegen uns zwei Monate vor dem Rennwochenende alle Genehmigungen für die benötigten Straßensperren vor. Hier in Kuala Lumpur ist es gang und gäbe, dass die letzten Genehmigungen selbst zwei, drei Tage vor dem ersten Event noch ausständig sind“, schildert der 55-Jährige im kurzweiligen Telefongespräch und schickt dann sogar hörbar stirnrunzelnd hinterher: „Wenn der Sachbearbeiter bei der Stadt einen schlechten Tag hat, kann es auch vorkommen, dass wir gewisse Genehmigungen gar nicht bekommen. Dann müssen wir bei der Streckenführung innerhalb weniger Stunden umplanen.“ In Anbetracht der peniblen Auflagen des Weltdachverbands World Athletics, der bei den Dis­tanzen selbst kleinste Abweichungen untersagt, sind solche kurzfristigen Streckenänderungen ein wahrer Horror für die Veranstalter.

Riesige Dimensionen

Ernst hat diese und andere organisatorische Herausforderungen in Kuala Lumpur schon zuhauf erlebt seit 2012. Der Zufall, wie sollte es anders sein, verschlug den Leis­tungsdiagnostiker zum Lauf­event in den Fernen Osten. „Alle zwei Jahre wird ein Kongress veranstaltet, an dem weltweit alle Marathon-Veranstalter teilnehmen. Dabei lernte ich Rainer Biemans kennen, der in Kuala Lumpur den Marathon veranstaltet. Wir verstanden uns sehr gut und am Kongressende hatte er mich gefragt, ob ich ihn unterstützen möchte.“
Ernst steigt seither zwei Wochen vor dem Marathon in die Organisation ein. Der gebürtige Burgenländer, der als Ausdauersportler die Welt gesehen hat, zum Beispiel drei Mal beim New-York-Marathon antrat, ist während dieser beiden Wochen als rechte Hand von Biemans für das Start- und Zielgelände verantwortlich. Das Gelände befindet sich am zentral gelegenen Platz Dataran Merdeka mit einer riesigen Rasenfläche.

Günter Ernst
Ein Foto aus dem Vorjahr. Privat

Entscheidungsträger

ine ganz allgemeine Aufgabe von Ernst ist es, Entscheidungen zu treffen, weil, wie der Laufsportenthusiast schildert, „die Arbeiter setzen zwar alles bereitwillig um, was man ihnen vorgibt und sind sehr nett. Aber bei Entscheidungen sind sie sehr zögerlich, was manchmal zu brenzligen Situationen führen kann.“ So sei es nach einem Rennen mal zu einem Stau im Zielgelände gekommen, weil beim Fußgängerübergang ein Brett gewackelt hätte. „15.000 Menschen konnten das Gelände nicht verlassen, weil Biemans bei der Pressekonferenz war und von den Einheimischen niemand entscheiden wollte, ob die Brücke benutzbar ist oder nicht. Die Situation wurde beengend. Ich habe mir den Übergang angeschaut und sofort gesehen, dass überhaupt keine Gefahr bestand.“

Zeltstadt

Beim Lösen solcher Probleme hilft Ernst auch, dass die Kommunikation reibungslos verläuft. Viele der Helfer sprechen Englisch, dort, wo eine Sprachbarriere herrscht, sind Gruppenleiter als Dolmetscher im Einsatz. In der ersten Woche arbeitet Ernst den Detailplan fürs Rennwochenende aus, wie den Zeitplan für die Siegerehrungen, die Einrichtung der VIP-Zonen, die Sponsoren-Präsentation und vieles mehr. Eine Woche vor dem Laufevent wird dann Maß genommen, um den Aufbau der Zeltstadt zu planen, die von Partnerfirmen aufgestellt wird. In den Zelten wird jeweils ein Boden verlegt und sogar eine Klimaanlage installiert.
Wobei es bei der Umsetzung Geduld braucht. „Es läuft hier alles anders als bei uns in Vorarl­berg ab. Vor 11 Uhr fängt selten ein Arbeiter an, und kaum haben sie bei der schwülen Hitze die ers­ten Handgriffe gemacht, steht dann auch gleich die Mittagspause an. Dafür arbeiten sie aber bis Mitternacht oder noch länger, weil es abends und nachts viel kühler ist, da geht dann auch richtig was weiter auf der Baustelle“, schildert Ernst.
Auch die Arbeitsweise an sich würde sich völlig unterscheiden: „Wenn ein Lkw einen Anhänger voll Mineralwasser bringt, ist da kein Stapler, mit dem man palettenweise die Flaschen herunterlädt. Vier, fünf Arbeiter laden das Mineralwasser händisch ab, was natürlich stundenlang dauert.“ Trotzdem sei es Veranstalter Biemans gelungen, der Organisation seine Schweizer Genauigkeit aufzudrücken, wie Ernst weiter erzählt: „Wenn früher eine Sitzung für 15 Uhr veranschlagt war, konnte man froh sein, wenn um 16 Uhr alle da waren. Jetzt halten sich alle an die Zeitpläne.“
Nichtsdestotrotz bleibt es laut Ernst dabei, dass immer alles erst auf den letzten Drücker fertig wird. Einen Effekt hat auch, dass an diesem Wochenende parallel zum Marathon in Kuala Lumpur die Formel 1 gas­tiert. Die staatlichen Behörden sprühen winzige Salzpartikel in die vorhandenen Wolken, um die Regenwahrscheinlichkeit zu erhöhen – so legt sich der Rauch. Davon profitiert der Marathon, weil die Laufveranstaltung aufgrund der Luftverschmutzungsgrenzwerte praktisch bis zum Startschuss auf der Kippe steht. Im Nachbarland Indonesien wird nämlich oftmals illegal Urwald abgebrannt, der starke Rauch zieht dann bis nach Kuala Lumpur weiter. „Übersteigen die Immissionen den Wert von 150, ist die Veranstaltung abgesagt“, erklärt Ernst und hofft: „Durch das Provozieren des Regens für das Formel-1-Rennen sollte die Luft an diesem Wochenende sauber sein.“

Günter Ernst
Eine aktuelle Momentaufnahme der Zeltstadt. Privat

Andere Sitten

Aufgrund der klimatischen Bedingungen in Malaysia unterscheiden sich auch die Startzeiten elementar von den europäischen Gewohnheiten. Am gestrigen Samstag begann der Zehn-Kilometer-Lauf um 5 Uhr, der Fünf-Kilometer-Lauf um 6 Uhr. Der heutige Marathon begann um 3 Uhr in der Früh, tagsüber wären die 42,195 Kilometer bei der schwülen Hitze nicht bewältigbar. Solche Beginnzeiten wären hierzulande undenkbar.

Ortszeit heute Mittag, Kuala Lumpur liegt sechs Stunden vor der mitteleuropäischen Zeitzone, ist der letzte Läufer im Ziel. Anschließend findet noch eine Nachbesprechung statt, danach reist Ernst sofort ab. Schon morgen ist der gebürtige Burgenländer wieder für den 3-Länder-Marathon im Einsatz. Der Wissenstransfer findet übrigens in beide Richtungen statt: „Es gibt Ideen, die bringe ich in Malaysia ein, es gibt aber auch Umsetzungen, die wir beim 3-Länder-Marathon übernehmen“, erzählt Ernst. So hat der 55-Jährige für den 3-Länder-Marathon übernommen, dass die Trinkflaschen der Eliteläufer mit Stickern und nicht mehr händisch beschriftet werden. „Das klingt zwar nach einer Kleinigkeit, erleichtert aber die Organisation ungemein“, verdeutlicht der Rennleiter.

Anders als eben in Kuala Lumpur warten auf Rennleiter Ernst beim 3-Länder-Marathon keine ganz großen Aufgaben mehr in den Tagen vor dem Laufevent: „Das hat natürlich viel damit zu tun, dass OK-Leiter Robert Küng und Geschäftsführer Dieter Heid­egger absolute Vollprofis sind. Ich kann viele meiner Aufgaben schon relativ früh klären, in meinen Verantwortungsbereich fallen zum Beispiel die Eliteläufer.“ Außerdem: So ganz los lässt Ernst der 3-Länder-Marathon auch im Fernen Osten nicht: „Abgesehen von einzelnen Aufgaben endet mein Arbeitstag in Kuala Lumpur etwa um 20 Uhr. Aufgrund der Zeitverschiebung sind danach meine Mitstreiter in Vorarlberg noch mehrere Stunden erreichbar.“

Ernst bringt Kuala Lumpur ins Laufen
Kommenden Sonntag steht in ­Lindau wieder der Start des 3-Länder-Marathons an. Philipp Steurer

Rekord

So sind noch einige Details mit den Tempomachern zu klären, damit die Siegerzeit so gut wie möglich wird. „Der 3-Länder-Marathon wird großartig“, freut sich Ernst auf das Lauf­event im Dreiländereck. 3400 Läufer haben sich allein für den Hauptlauf gemeldet: „Das ist nicht nur ein Rekordfeld, das ist ein Quantensprung gegenüber früheren Jahren. Nach Corona hofften wir, dass wir nicht unter 1000 Teilnehmer rutschen.“
Im Vorjahr lag die Teilnehmerzahl noch unter 2700. „Damit haben wir uns in Österreich mit großem Abstand vor Linz und Salzburg als zweitgrößter Marathon des Landes etabliert. Vielleicht reißen wir sogar schon in diesem Jahr die Marke von 3500 Teilnehmern.“ Für die Zukunft ist ein weiteres Wachstum sowohl angestrebt als auch möglich. Ernst resümiert: „Es ist beeindruckend, was für ein hohes Interesse weltweit am 3-Länder-Marathon herrscht.“ Dafür sorgt der Rennleiter unter anderem derzeit auch in Kuala Lumpur.