Ein Dornbirner fordert mit Kosovo den ÖFB

HINTERGRUND. Österreich gastiert heute in der Nations League im Kosovo. Das Spiel in Pristina beginnt um 18 Uhr (live ORF 1). Aufseiten der Kosovaren arbeitet ein Dornbirner: Der einstige AKA-Vorarlberg-Trainer Ahmet Cil ist der Videoanalyst von Kosovos Cheftrainer Franco Foda. Die Geschichte eines außergewöhnlichen Werdegangs.
Vier Jahre ist es her, dass der gebürtige Dornbirner Ahmet Cil als Trainer der AKA Vorarlberg U15 Kolumnist bei der NEUE war. In seinen Beiträgen zeigte Cil auf, wie wichtig es ihm ist, seine jugendlichen Spieler auch bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten. Inzwischen gilt Cil als einer der besten Nachwuchstrainer in der Türkei, den im Sommer Galatasaray und Fenerbahce Istanbul verpflichten wollten. Heute trifft er als Videoanalyst mit der kosovarischen Nationalmannschaft in der Nations League auf Österreich. „Ich freue mich auf unser Heimspiel gegen Österreich“, blickt Cil auf das Duell gegen sein Heimatland voraus.
Der Austrotürke prophezeit dem rot-weiß-roten Team ein schwierigeres Spiel als vergangenen Sonntag in Wien, als Österreich mit 3:1 gewonnen hat. „Wir haben das Spiel noch am selben Abend analysiert, haben uns bis nach Mitternacht die Szenen angesehen. Wir wissen sehr genau, was wir im Heimspiel besser machen müssen“, verrät Cil. Der 41-Jährige bildet beim Nationalteam Kosovos ein Trainerteam mit Österreichs Ex-Teamchef Franco Foda und dem ehemaligen Altacher Atdhe Nuhiu, der eine entscheidende Rolle dabei spielte, dass Cil beim Kosovo gelandet ist: Die beiden haben ja schon beim SCRA zusammengearbeitet.
Werdegang
Begonnen hat Cils Fußballkarriere beim SC Hatlerdorf. Sein Weg führte ihn bis zur Regionalliga, wo er für RW Rankweil, FC Höchst, BW Feldkirch und den FC Hard in der Westliga auflief. Im Sommer 2018 beendete Cil beim FC Schwarzach seine aktive Laufbahn. Mit der Erfahrung von vier Jahren als Nachwuchstrainer beim FC Dornbirn wechselte Cil zur AKA Vorarlberg, wo er unter Akademieleiter Didi Berchtold fünf Jahre als Trainer arbeitete. Zunächst als Co-Trainer, von 2020 bis 2022 als Cheftrainer der U15 und schließlich in der Saison 2022/23 bei der U16. Zwei der Spieler, die Cil damals als Cheftrainer weiterentwickelte, waren Yanik Spalt und Christopher Olivier, die heute beide Profiverträge unterschrieben haben: Spalt beim VfB Stuttgart, Olivier beim elffachen dänischen Meister Bröndby. Im Sommer 2023 machte Cil den Schritt zu Bundesligist SCR Altach, wo er als Co-Trainer insbesondere als Videoanalyst fungierte.
„Ich durfte mit den Cheftrainern Joachim Standfest und Fabio Ingolitsch zusammenarbeiten und habe viel gelernt“, blickt der 41-Jährige auf seine Zeit bei den Rheindörfler zurück, die im vergangenen Sommer endete. „Altach hat mir zwar ein Vertragsangebot gemacht, ich wollte aber in die Türkei zu meiner Frau und meinen Kindern, die seit vier Jahren in Istanbul leben.“ Jetzt begann Cils Trainerkarriere so richtig Schwung aufzunehmen. Sein Berater Ümit Cinar, davor jahrelang auf der Geschäftsstelle des SCR Altach tätig, vermittelte Cil den U19-Trainerposten beim türkischen Erstligisten Samsunspor.
Der Verein ist in Samsun beheimatet – das ist die größte Stadt der türkischen Schwarzmeerregion. Die Erwartungen vor Saisonbeginn waren gering, wie sich Cil erinnert: „Die Vereinsführung ging davon aus, dass ich eine komplett neue Mannschaft aufbauen muss, tabellarisch hatten wir keine sehr ambitionierten Ziele. Der Hauptwunsch war, dass ich als Trainer der zweiten Mannschaft einen Spieler in die Kampfmannschaft von Samsunspor bringe.“
Zusammenarbeit mit Fink
Doch Cil verblüffte alle. Er führte die U19 nicht nur auf Platz vier, sondern gleich sieben seiner Spieler feierten ihr Pflichtspieldebüt in der Kampfmannschaft. Darüber hinaus fungierte er bei den Profis an der Seite des deutschen Cheftrainers Thomas Reis als Individualtrainer. Reis musste im Februar gehen, mit Thorsten Fink folgte abermals ein deutscher Coach. Cil schwärmt vom 58-jährigen ehemaligen Bayern-Spieler: „Thorsten hat so viel Erfahrung. Er ist als Spieler Champions-League-Sieger geworden, er ist als Trainer Meister und Pokalsieger geworden, von jemandem wie ihm kann ich sehr viel lernen“, beschreibt Cil, ehe der Vorarlberger betont: „Mich beeindruckt nicht nur, wie er die Spiele analysiert oder mit den Spielern spricht.“
Auch unter Fink ist Cil als Individualtrainer wöchentlich mindestens ein Mal beim Training der Profis dabei. Wobei alles auch anders hätte kommen können. Im zurückliegenden Sommer waren Galatasaray und Fenerbahce an Cil dran: Die beiden Istanbuler Großklubs wollten Cil ebenfalls als U19-Trainer verpflichten. Mit beiden Klubs hätte er in der Youth League, also der Nachwuchs-Champions-League gespielt. „Ich bin schon ins Grübeln gekommen, das muss ich offen zugeben“, gesteht Cil. Noch konkreter als bei „Fener“ war das Interesse von Galatasaray Istanbul.
Cil beweist Loyalität
„Gala hat sich sogar bei Samsunspor gemeldet, um über einen Transfer von mir zu verhandeln.“ Doch Cil entschied sich gegen den Wechsel. „Galatasaray war einfach zu spät dran. Ich hatte bei Samsunspor schon mit der Vorbereitung begonnen, so reizvoll ein Wechsel zu so einem Großklub gewesen wäre, ich wollte Samsunspor nicht im Stich lassen.“ Bemerkenswert bei dieser Entscheidung ist auch, dass Cil bei Galatasaray nicht nur deutlich mehr verdient hätte, sondern damit auch wieder mit seiner Familie zusammenleben hätte können – Samsun liegt von Istanbul knapp 1000 Kilometer entfernt. Trotzdem hat sich Cils Loyalität bezahlt gemacht.
Vor wenigen Wochen suchte Kosovos Nationaltrainer Franco Foda einen Videoanalysten. Fodas Co-Trainer Atdhe Nuhiu brachte dabei seinen ehemaligen Co-Trainer in Altach Ahmet Cil ins Spiel: Cil sei nicht nur ein hervorragender Analyst, sondern hätte als Trainer auch einen Trainerblick auf das Spiel. „Ich habe mich dann bei einem Meeting vorgestellt und ein Spiel analysiert. Damit habe ich Franco Foda überzeugt.“ Nun galt es, Samsunspor davon zu überzeugen, dass er die Freigabe bekam, während der Länderspielpausen für den Kosovo zu arbeiten, erinnert sich Cil: „Ich bin zum Akademiedirektor und sagte: Ich war im Sommer loyal zu Samsunspor, nun bitte ich darum, dass mir der Verein diese Chance ermöglicht. Und der Verein hat mir die Erlaubnis erteilt.“ Der aktuelle Nations-League-Lehrgang ist Cils erste Arbeitswoche für das Nationalteam vom Balkan. „Natürlich ist es sehr intensiv, weil wir innerhalb von rund zwei Wochen vier Spiele gegen starke Teams haben. Aber genau darin liegt der Reiz.“ Die Zusammenarbeit mit Foda und dessen Trainerteam beschreibt Cil als überwältigenden Karriereschritt: „Es ist unser erster gemeinsamer Lehrgang, wir hatten noch nicht ganz so viel Zeit, uns auszutauschen, aber ich bin begeistert von seiner akribischen Arbeitsweise, seinem taktischen Verständnis und seiner Spieleransprache. Ich bin sehr dankbar, mit Trainergrößen wie ihm und Thorsten Fink zusammenarbeiten zu dürfen, und das auch noch parallel in einer Saison.“
Cil ist optimistisch
Am Donnerstag spielte der Kosovo auf neutralem Platz gegen Israel 0:0. Die Erfahrung war sehr speziell: „Vor leeren Rängen in Ungarn gegen Israel anzutreten ist mental eine Herausforderung. Die politischen Begleiterscheinungen haben es nicht einfacher gemacht“, fasst Cil das Spiel zusammen. Heute Abend soll beim Heimspiel in Pristina der zweite Sieg in der aktuellen Nations League gelingen: „Manche glauben vielleicht, dass wir eine kleine Fußballnation sind. Aber wir haben richtig viel Potenzial in der Mannschaft. Wenn wir das umsetzen können, was wir uns vorgenommen haben, dann werden wir Österreich vor große Probleme stellen. Wir wollen unbedingt gewinnen.“
Heute sind die Daumen für Cil nicht gedrückt, aber man darf gespannt sein, wie weit es für den ehemaligen AKA-Vorarlberg-Trainer Ahmet Cil noch geht.