Sicht oder Nicht-Sicht auf die Welt: Robert Seethaler ist 60

Wenn man in Zeiten des schrumpfenden Kanons der Schullektüre als zeitgenössischer österreichischer Autor auf der Leseliste für das Zentralabitur deutscher Bundesländer steht, hat man es geschafft. Robert Seethaler, der 2012 mit “Der Trafikant” seinen ersten großen Erfolg feierte, kann auch auf mehrere Verfilmungen seiner Werke blicken. Am Freitag feiert der gebürtige Wiener, der auch in Berlin lebt, seinen 60. Geburtstag.
Aufgewachsen ist Seethaler in Wien-Favoriten, doch seine Eltern und Großeltern stammten aus der Leopoldstadt. Dort spielte auch sein 2023 erschienener Roman “Das Café ohne Namen”, dessen Verfilmung durch Adrian Goiginger sich derzeit in der Postproduktion befindet. Auch sein Bestseller “Ein ganzes Leben”, in dem er unaufgeregt die Geschichte des entbehrungsreichen Lebens eines Hilfsarbeiters in den Alpen erzählte, wurde bereits durch Hans Steinbichler auf die Leinwand gebannt. Die prominenteste Verfilmung stammt allerdings von Nikolaus Leytner: In “Der Trafikant” schlüpfte Bruno Ganz in die Rolle des Sigmund Freud.
In über 40 Sprachen übersetzt
Zu seinen Figuren habe er zwar kein konkretes visuelles, doch ein überaus nahes Verhältnis, erzählte der Autor, dessen Bücher bisher in über 40 Sprachen übersetzt wurden, einmal im APA-Interview: “Diese Figuren drücke ich mir aus meinem Herzen hinaus. Die Nähe ist mir alles beim Schreiben. Um Nähe zu schaffen, brauchst du die Distanz des Erzählens. So schaffst du das Paradoxe, nämlich von dir selbst zu erzählen, ohne von dir selbst zu erzählen.”
Geboren wurde Robert Seethaler am 7. August 1966 in Wien. Aufgrund einer angeborenen schweren Augenkrankheit besuchte er zunächst eine Schule für Sehbehinderte und wurde mehrfach operiert. Trotzdem hat er auf beiden Augen 19 Dioptrien. “Mein ganzes Schreiben hat sehr mit meiner Sicht oder Nicht-Sicht auf die Welt zu tun”, sagte er im Interview. “Um überhaupt etwas zu sehen, muss ich möglichst nahe herangehen – an die Figuren, ans Leben, ans Denken. Oder ich muss die Augen zumachen. In der Dunkelheit sieht man am besten.”
Zunächst als Schauspieler aktiv
Noch bevor Seethaler zum Schreiben kam, widmete er sich dem Schauspiel und wirkte nach einer Schauspielerausbildung in Kino- und Fernsehproduktionen (u.a. “SOKO Leipzig”, “Der Winzerkönig”) mit und trat in Theatern in Wien, Berlin, Stuttgart und Hamburg auf. Als Schriftsteller trat er ab 2006 mit den Romanen “Die Biene und der Kurt” (2006), “Die weiteren Aussichten” (2008) und “Jetzt wird’s ernst” (2010) in Erscheinung. Auf die Bestseller “Der Trafikant” (2012) und “Ein ganzes Leben” (2014), dessen englische Ausgabe auf der Shortlist des International Booker Prize landete, folgten die Romane “Das Feld” (2018), “Der letzte Satz” (2020), in dem ein todkranker Gustav Mahler auf einem Transatlantik-Liner sein Leben vorüberziehen lässt, und “Das Café ohne Namen” (2023).
Mit “Trotteln” unternahm er 2025 mit dem deutschen Zeichner Rattelschneck einen Ausflug ins weniger ernste Fach: Die beiden machten aus ihrem Mailwechsel “ein lustiges Buch”. Erst heuer kam mit “Die Straße” Seethalers jüngster Roman heraus, in dem er das Leben, das Sterben und Immobilienspekulation in der “Heidestraße” zum Thema machte.
Mit “Die zweite Frau” von Hans Steinbichler wurde 2008 auch ein Film nach seinem Drehbuch realisiert, sein Theaterstück “Vernissage” feierte im April am E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg seine Uraufführung. Seethaler erhielt für sein literarisches Werk unter anderem den Kulturpreis des Landes Niederösterreich (2008), den Grimmelshausen-Preis (2015) sowie im den Buchpreis der Wiener Wirtschaft (2016), den Anton-Wildgans-Preis (2016) und 2022 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.