Stella Rolligs Abschiedsschau: “Feminist Futures Forever”

04.11.2026 • 13:44 Uhr
Stella Rolligs Abschiedsschau: "Feminist Futures Forever"

Eine große Ausstellung zu einem großen Thema. Rund 500 Werke und 238 Künstlerinnen vereint die in zweijähriger Vorbereitungsarbeit entstandene Schau “Feminist Futures Forever”, die am Mittwochabend im Belvedere 21 eröffnet wird. “Sie zeigt programmatisch, woran wir in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet haben”, sagte Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig, die im Jänner die künstlerische Leitung des Hauses an Nina Zimmer übergeben wird, bei der Pressekonferenz.

Es sei ihr vor allem darum gegangen, die Kunstgeschichte neu zu befragen und Künstlerinnen sichtbarer zu machen. Dieses Ziel habe sie in der Ausstellungs- wie in ihrer Ankaufspolitik verfolgt. Offenbar erfolgreich, denn Christiane Erharter, die gemeinsam mit Stefanie Reisinger die Ausstellung kuratierte, nannte die Sammlung der Österreichischen Galerie Belvedere in Bezug auf den Anteil weiblicher Kunst “schon wow” und versicherte, “noch viel mehr, als wir hier zeigen können”, befinde sich in den Depots. Gezielt wurde in den vergangenen Jahren Kunst für die Abschlussschau Rolligs angekauft. Auch Anna Meyers beeindruckende Installation “Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)”, in der sie aus feministischer Sicht Kultur- und Kunstgeschichte auf bunten Plexiglas-Bildern aufarbeitet, ist ein Neuankauf der Ära Rollig.

Ein Drei-Säulen-Modell

Neuankäufe sind eine der drei inhaltlichen Säulen, auf denen die Kuratorinnen ihre Schau aufgebaut haben. Neue, diverse Positionen, die veranschaulichen, dass Feminismus heute “multiperspektivisch und intersektional” verstanden werden müsse, wie Rollig betonte, sind die zweite Säule, Bezüge auf die 1985 am gleichen Ort, dem damaligen, vom Museum moderner Kunst bespielten 20er-Haus, stattgefundene Ausstellung “Kunst mit Eigen-Sinn” die dritte. VALIE EXPORT initiierte damals die von Silvia Eiblmayr co-kuratierte Präsentation von rund 180 Künstlerinnen. Ihre Installation “Geburtenbett”, 1980 geschaffen für die Bespielung des österreichischen Pavillons der Kunstbiennale Venedig (gemeinsam mit Maria Lassnig), empfängt die Besucherinnen und Besucher im Entree der Schau, die beide Etagen und auch den Außenraum einbezieht. 48 Positionen von damals seien hier mit den damaligen oder mit neuen Werken vertreten, sagte Erharter. 18 Beteiligte von einst kommen in Videointerviews der Filmemacherin und Künstlerin Christiana Perschon zu Wort.

Ausstellungsarchitektonisch ruht die Schau nicht auf Säulen, sondern auf Baugerüststangen. Die Überlegung, dass neue Inhalte auch neuer Räume bedürften, setzen Dorit Margreiter Choy und Cosma Grosser um, indem sie den denkmalgeschützten Bau von Karl Schwanzer zur Baustelle erklären und die 2.400 Quadratmeter große Ausstellungsfläche mit (auch den Außenraum einbeziehenden) Gerüsten durchziehen. Zweieinhalb Kilometer Stangen seien dabei verbaut worden, berichtete Rollig. Intendiert ist dabei auch der Eindruck, dass die Gesellschaft eines großen Umbaus bedürfe. “Der Feminismus betrifft uns alle”, betonte Kuratorin Reisinger. “Der Feminismus betrifft uns überall.” Der Titel “Feminist Futures Forever” sei “ein nüchternes, mitunter auch trauriges Versprechen”, denn die “harte Realität” sei, dass in Österreich heuer bereits 19 Femizide gezählt wurden und der “Equal Pay Day” heuer auf den 5. November, also den ersten regulären Ausstellungstag, falle.

“She works hard for the money”

Die alte feministische Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit ist in der Sektion “She works hard for the money” präsent, einer der neun Themenbereiche, die fließend ineinander übergehen und eher unmerklich die Ausstellung strukturieren. Im Erdgeschoß folgt auf die Geburt (nach Hannah Arendt ein revolutionärer Akt) vor allem der Kampf um Rechte und öffentliche Präsenz. Hinter der Kitschidylle “blossoming through reality” von Hannah und Lea Neckel, die eine pink gestrichene Sitzbank neben blühenden, künstlichen Kirschbäumchen gestellt haben, sieht man in einer Videoinstallation von Anna Jermolaewa und Oksana Serheieva Balletttänzerinnen bei ihrer “Reherseal for Swan Lake” zu – seit Jermolaewas vorjährigem Biennale-Auftritt weiß man um die subversive politische Kraft dieser vermeintlich harmlosen Tanzprobe.

Im Obergeschoß geht es (symbolisch) in privatere Räume wie das Bade- und das Schlafzimmer. Hier erwarten einen u.a. von Renate Bertlmann zu bunten Schmetterlingsskulpturen umgearbeitete Dildos, aber auch ein “Filmkammerl”, in dem zweimal täglich ein dreieinhalbstündiges Programm aus 22 Film- und Videoarbeiten zu sehen ist, oder Ulrike Müllers Arbeit “Herstory Inventory: 100 Feminist Drawings by 100 Artists”, mit der die Ausstellung auf ihre insgesamt 238 Positionen kommt. Dass es unter ihnen von Marina Abramović bis Cindy Sherman und von Maria Lassnig bis Yoko Ono an prominenten Namen wimmelt, ist hier Nebensache. In “Feminist Futures Forever” geht es um den weiblichen Blick – und dass dieser immer wieder explizit auf Männer, ihre Körper und ihr Tun, trifft, verblüfft mitunter, scheint aber logisch. Denn noch immer gilt: It’s a Man’s World.

Eine internationale Konferenz erweitert die bis 8. März laufende Ausstellung von 3. bis 5. Dezember wissenschaftlich, die Printversion des Katalogs wird im Dezember erwartet.

(S E R V I C E – Ausstellung “Feminist Futures Forever” im Belvedere 21, Arsenalstraße 1, 1030 Wien von 5. November 2026 bis 8. März 2027. Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Donnerstag 11-21 Uhr. )