Südsudan: Das jüngste Land der Welt mit Flüchtlingsproblem

Der Südsudan ist der jüngste Staat, zugleich aber auch eines der ärmsten Länder der Welt. Nach Jahrzehnten der Konflikte zwischen dem muslimisch-arabisch geprägten Norden und dem christlich-schwarzafrikanischen Süden des Sudan sowie zwei Bürgerkriegen (1955-1972 und 1983-2005) wurde das Land 2011 unabhängig. Doch schon 2013 kam es zu einem fünfjährigen Bürgerkrieg. Hunderttausende wurden vertrieben, der Bürgerkrieg im Sudan (seit 2023) löste eine neue Flüchtlingswelle aus.
Viele Menschen mussten daher zweimal fliehen. So wie der 54-jährige Daniel Deng, der 2014 in den Bundesstaat Süd-Kordofan im Sudan floh, im Mai 2026 aber aufgrund des Kriegs in seine Heimat Südsudan zurückkehren musste, wie er bei einem Besuch einer Caritas-Delegation im Panyikang County im nördlichen Bundesstaat Upper Nile berichtet. Als der Bürgerkrieg im Sudan ausbrach, sei die Nahrungshilfe ausgesetzt worden, und weil sie bedroht wurden, hätten viele Südsudanesen fliehen müssen, erzählt er. Die Flucht sei gefährlich gewesen, Nahrung habe es kaum gegeben, und viele Frauen seien vergewaltigt worden, sagt er.
Auch die 38-jährige Niabeit Kwa kam im Mai mit ihren sieben Kindern aus Süd-Kordofan in ihre Heimat zurück. “Es gab kein Essen, kein frisches Wasser, keine Medikamente, daher sind wir zurückgekehrt”, erzählt sie. Sie ist zufrieden, auch wenn ihre Kinder hier keine Schule besuchen können, es gibt einfach keine in ihrem Dorf, und sie zu acht in einer kleinen Hütte leben, denn “wenn man zu essen hat, ist es gut.”
Im Dorf Odong gibt es rund 1.000 Haushalte, erzählt der 95-jährige “Chief” Daniel Denang. “Hier haben wir wenigstens ein Dach über dem Kopf”, sagt er, auch wenn er gemeinsam mit acht weiteren Familienmitgliedern auf beengtem Raum ohne Moskitonetz in einer kleinen Hütte lebt. Sorgen macht ihm aber die Gefahr von Überflutungen durch den Weißen Nil. “Durch die Unterstützung von Partnern könnten wir einen Deich bauen, sonst kann es sein, dass wir wieder flüchten müssen.”
Der Weiße Nil ist zugleich Lebensgrundlage und Bedrohung
Dennoch ist der Weiße Nil aufgrund seines Fischreichtums auch die Lebensgrundlage der Region, erzählt Jokino Othong, der Direktor der Caritas Malakal, bei der eineinhalbstündigen Bootsfahrt von Malakal nach Odong, das am Landweg gar nicht erreichbar ist. Er zeigt auf riesige verrostete Baukräne am Ufer, hier wollte der Sudan gemeinsam mit Ägypten den Jonglei-Kanal bauen, sagt er. Die 1978 begonnenen Bauarbeiten wurden 1984 nach Vollendung von zwei Dritteln des Projekts abgebrochen. Die südsudanesischen Rebellen sahen im Kanal nämlich einen Wasserdiebstahl durch Ägypten, der den nomadischen Gemeinden der Dinka, Nuer und Schilluk ihre Fischgründe und die riesigen saisonal überfluteten Weideflächen entziehen würde, die für ihren Viehbestand unverzichtbar sind.
Ein 22 Jahre dauernder Bürgerkrieg folgte, der schließlich 2011 zur Unabhängigkeit des Südsudan führte. Seit der Unabhängigkeit wird aber wieder an eine Fertigstellung des Kanals gedacht. Viele Nomaden wurden seither sesshaft, und die ständige Flucht vor den Fluten, so mussten 2021 eine halbe Million Menschen fliehen, könnte verhindert werden, zudem könnte so bis zu 30.000 Quadratkilometer Land bewässert werden. In einem Land, wie dem Südsudan, wo Regierungsangestellte, wie Beamte, Lehrer und Militärs, die alle ohnehin nur maximal 20 US-Dollar im Monat verdienen, seit Monaten und teilweise seit eineinhalb Jahren kein Gehalt mehr erhalten haben, ist so ein Projekt aber wohl mehr als Illusion.
Bürgerkrieg im Sudan löst Rückkehrwelle in den Südsudan aus
Verschärft wurde die Lage im Südsudan durch den Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan. Besonders deutlich wird dies im von der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR und dem IOM (Internationale Organisation für Migration) betriebenen Bulukat Camp for returnees and refugees in Malakal, der Hauptstadt des Bundesstaates Upper Nile. Derzeit leben dort 2.000 Menschen, seit der Gründung im Mai 2023 kurz nach Beginn des Bürgerkriegs im Sudan passierten 200.000 Flüchtlinge das Lager. Am Anfang kam jede Woche ein Boot mit 400 bis 500 Flüchtlingen an. Es gab zunächst nur Essen für eine Woche, deshalb sei die Caritas Malakal bei der Nahrungshilfe eingesprungen, erzählt Jokino Othong. “Je schlimmer der Krieg im Sudan wird, desto mehr Menschen kommen in den Südsudan”, sagt er.
Ursprünglich als Durchgangslager geplant, bleiben manche Flüchtlinge dennoch viel länger als geplant, weil sie nirgendwo sonst hinkönnen. Viele verschaffen sich ein kleines Zubrot, indem sie Sand aus dem Nil verkaufen oder Fische fangen. Manche Flüchtlinge arbeiten in Malakal am Markt oder Restaurants, viele werden von Verwandten unterstützt.
Flüchtlinge wurden teils gewaltsam aus dem Sudan vertrieben
Die 33-jährige Witwe Nabila Davids und ihr zweijähriges Kind sind seit zwei Wochen im Lager. 2013 sei sie in den Sudan geflüchtet und habe dort als Wäscherin gearbeitet, ihr Mann sei im Bürgerkrieg im Sudan gestorben, erzählt sie. Dann sei sie aber von der sudanesischen Armee vertrieben worden, weil sie aus dem Südsudan komme.
Auch der 64-jährige Garang und seine Frau Atok wurden aus dem Sudan deportiert. Er sei 2023 zur Behandlung seiner Augenprobleme nach Khartum gekommen, für eine Rückkehr in den Südsudan nach Kriegsausbruch hatte er kein Geld. Schließlich sei die Armee gekommen und habe sie auf einen Lkw verladen. “Ich konnte nur das Gewand, das ich anhatte, mitnehmen”, erzählt er.
Flüchtlinge sollen in lokale Gemeinschaft integriert werden
Ganz im Norden des Südsudan steht das Renk Returnees Camp, das 2025 eröffnet wurde. Rund 5.000 Flüchtlinge leben auf dem 44 Hektar großen Areal, alles Rückkehrer aus dem Südsudan. Die Südsudanesin Bakhita von NGO Acted erzählt, dass jede ankommende Familie zunächst eine Plastikplane, Decken, Schlafmatten, einen Eimer und ein Moskitonetz erhält, zudem gibt es 300 US-Dollar. Die südsudanesische Regierung stellt den Flüchtlingen Land zur Verfügung, verschiedene NGOs Samen für den Anbau. Die Flüchtlinge sollen für sich selbst sorgen können, so das Ziel, weiter unterstützt werden nur Menschen mit Behinderungen.
Mary, die zusammen mit ihrer Schwester Sarah und deren fünf Kindern in einer kleinen Hütte wohnt, hat etwa ein kleines Geschäft im Transitzentrum, wo sie Alkohol verkauft, und sorgt so für den Unterhalt ihrer Familie. Sie hat keine Pläne für die Zukunft und will vorerst einmal hier bleiben. Auch Ranja wurde mit ihren drei Kindern im November 2025 gezwungen, Khartum zu verlassen, wo sie als Hausmädchen arbeitete. Trotz der schwierigen Verhältnisse hat sie ihren Optimismus nicht verloren und sagt: “Wir werden hier versorgt und haben eine eigene Hütte. Das tägliche Leben ist gut.”
(Von Martin Hanser/APA aus dem Südsudan)
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